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Kino:Traumgestört

Hanseatischer film noir: Mit "Cortex" gibt der Schauspieler Moritz Bleibtreu ein überzeugendes Debüt als Regisseur. Sein Film handelt von einem Wachmann.

Von Fritz Göttler

Beruflich kennt er sich aus mit Übergängen, das schnelle Wechseln vom Beobachten zum Handeln erfolgt bei ihm ganz instinktiv. Hagen ist Wachmann in einem Hamburger Supermarkt, die meiste Zeit hockt er mit einem Kollegen in einem dunklen Hinterzimmer und glotzt auf Monitore. Verhält sich ein Kunde verdächtig, zieht einer der Wachleute los, wird aktiv.

Im Familienleben hat Hagen Probleme mit dem Wechsel zwischen Passivität und Aktivität, er leidet an Schlafstörungen. Er träumt zu intensiv, ist in Wachzeiten deshalb abgespannt. Einen jungen Mann, den er im Traum immer wieder sieht, an der Kasse des Supermarkts, wird er nicht mehr los. Er denkt, seine Frau (Nadja Uhl) kenne ihn, möchte herausfinden, was für eine Beziehung zwischen beiden besteht.

"Cortex" führt an den Ursprung der Imagination. Es ist der erste Film, in dem der Schauspieler Moritz Bleibtreu auch Regie führte. Inspiriert haben ihn die Filme von Christopher Nolan - wie der die Realität darin auseinandernahm und die Mechanismen, mit denen Menschen Ordnung in ihre Erfahrungen bringen und in ihr Leben. Es wird schon wieder, versichert Hagen, es wird schon wieder. Er wiederholt es, bis man skeptisch wird. Die Heimeligkeit in Hagens Haus wird einem suspekt, die Geselligkeit beim Essen am Familientisch.

Kinostart - 'Cortex'

Am Ursprung der Imagination: Moritz Bleibtreu spielt in seinem eigenen Film Hagen, die Hauptfigur.

(Foto: dpa)

Der junge Mann aus dem Traum ist Niko, er wird verkörpert von Jannis Niewöhner. Man könnte ihn als Alter Ego bezeichnen. Er ist Hagens Spiegelbild für ein Alternativleben, das düster und einsam ist und kriminell. Wie diese beiden Figuren miteinander verschraubt sind, wie das Leben des einen womöglich den Bodensatz der Wunschvorstellungen des anderen abgibt, wie man seine Erlebnisse im Schlafleben selbst bestimmen kann, das bleibt im Film diffus. Das Kino lebt von dieser Diffusität, das weiß Bleibtreu, von Spiegelungen, Schatten, Überblendungen. Von den Momenten, in denen alles anders erscheint.

Einen Bodyswitch-Film hatte Moritz Bleibtreu im Sinn, einen Film über Körpertausch. Die meisten dieser Filme sind Komödien, "Cortex" fasziniert dagegen als film noir, hanseatischer Noir. Kalt und dunkel und nass sind die Straßen von Hamburg, verwirrend die Topografie, das Träumen kann tödlich werden.

Im Traum bedeutet Tod einen Neuanfang, das bekommt Hagen von einem ominösen Apotheker erklärt, Nicholas Ofczarek spielt ihn mit routinierter Lust am Grotesken. Er hält Sprechstunde in einem menschenleeren U-Bahnwagen, wirkt wie einer der Alleserklärer, die in der verstörten Gesellschaft heute an allen Ecken und Enden auftauchen, mit ihren aberwitzigen Verschwörungstheorien. Ofczarek suggeriert Souveränität, er hat den Finger auf der entscheidenden Taste. Ein Oneironaut, sagt er selber. Ein Traumschiffer, ein Traumlenker.

Cortex, 2020 - Regie und Buch: Moritz Bleibtreu. Kamera: Thomas Kiennast. Schnitt: Jan Ruschke. Musik: Erwin Kiennast. Mit: Moritz Bleibtreu, Jannis Niewöhner, Nadja Uhl, Marc Hosemann, Nicholas Ofczarek. Warner, 96 Minuten.

© SZ vom 23.10.2020
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