Kino Hollywood in Weiß und Blau

An diesem Sonntag werden in Los Angeles die Oscars vergeben. Mehrere Münchner haben Chancen zu gewinnen - auch wenn sie die Erwartungen dämpfen

Von Bernhard Blöchl und Josef Grübl
(Foto: REUTERS)

Von Ebersberg nach Los Angeles sind es knapp 10 000 Kilometer. Tobias Siebert hat ein paar Jahrzehnte dafür gebraucht. Am Sonntag wird der Filmproduzent, geboren 1972 in Ebersberg, im berühmten Dolby Theatre sitzen, und seine Chancen stehen eins zu fünf, dass sein Werk mit einem Oscar als "Bester Dokumentarfilm" ausgezeichnet wird. "Ich habe das Gefühl, dass wir nicht gewinnen", sagte Siebert vor ein paar Tagen am Telefon. Zu groß sei die Konkurrenz mit Filmen wie "RBG" über die Richterin Ruth Bader Ginsburg, dem er die Favoritenrolle zuschiebt. "Wir sind ja der einzige nicht-amerikanische Film in der Auswahl. Das ist eine große Ehre. Bei den Oscars ist das Nominiert-werden fast schon wie der Gewinn."

Tobias Siebert und "Of Fathers And Sons"

Produzent Tobias Siebert.

(Foto: Julia Vogel)

Sein Film heißt "Of Fathers And Sons". Produziert haben ihn Siebert, Eva Kemme und Ansgar Frerich ("Basis Berlin") sowie der Fernsehprofi Hans Robert Eisenhauer. Außergewöhnlich ist ihr Dokumentarfilm deshalb, weil er ein ungeheuerliches Wagnis war. Dem Regisseur Talal Derki, geboren in Damaskus, ist es gelungen, mehr als 300 Tage mit einer radikal-islamistischen Großfamilie in Syrien zu verbringen - und den Kriegsalltag aus der Vater-Sohn-Perspektive zu filmen. Man sieht keine Frauen, sie abzulichten, war verboten. Was man sieht, sind Kinder, die über Leben und Tod eines Vogels entscheiden; Kinder, die in ein Trainingscamp für junge Kämpfer geschickt werden; Kinder, die weinen, weil ihr Vater einen Fuß verliert. Man sieht den Al-Nusra-Rebellenführer beim Schießen, hört ihn Kriegslieder singen und 9/11 lobpreisen. Derki lebte tagein, tagaus mit dem Risiko, dass seine Lüge, Anhänger der Salafisten zu sein, auffliegt. "Wir haben zum ersten Mal eine Kidnapping-Versicherung abgeschlossen", erzählt Tobias Siebert. "Als Produzenten konnten wir das Risiko dort nicht einschätzen. Aber wir haben immer gesagt: Komm sofort raus, wenn es gefährlich wird." Der Film über Abu Osama und seine Söhne Ayman, 12, und Osama, 13, tut weh, rüttelt wach. Er lief bereits auf Festivals, ist preisgekrönt, am 21. März kommt er in Deutschland in die Kinos.

Siebert, vormals Video-Cutter, hat an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München das Produktionshandwerk gelernt. Zuvor hatte er Theater- und Kommunikationswissenschaft an der LMU studiert. Mit seinem HFF-Abschlussfilm "Die Geschichte vom weinenden Kamel" (Regie: Byambasuren Davaa) war er 2005 schon einmal für einen Oscar in der Dokumentarfilmsparte nominiert. Die Flugstrecke nach Los Angeles kennt er also bereits, ebenso das Procedere, die große Ehre, die Außenseiterrolle.

Ein großes Wagnis und erschütternd stark ist der nominierte Dokumentarfilm „Of Fathers And Sons“, den Tobias Siebert produziert hat. Die Bilder von Kindern bei der Militärausbildung in Syrien sind keine Fiktion.

(Foto: Talal Derki)

Christopher Aoun und "Capernaum"

Für Christopher Aoun ist der Oscar-Zirkus neu. Seinen Namen kennen - gleiches gilt für Siebert - wohl nur Branchenkollegen und -kenner. Aoun, geboren 1989 in Beirut und mit 20 an der HFF in München zum Kameramann ausgebildet (dokumentarisches Erzählen), ist indirekt für einen Oscar nominiert. Der Film, dessen Bilder er verantwortet (als HFF-Abschlussarbeit) und der in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" ins Rennen geht, ist der libanesische Beitrag "Capernaum". Der Spielfilm von Nadine Labaki handelt von einem Zwölfjährigen, der sich durch die Slums von Beirut kämpft, nachdem er von zuhause fortgelaufen ist. Erzählt wird die bewegende Geschichte in Rückblenden: In einer zweiten Ebene steht er vor Gericht und verklagt seine Eltern - weil sie ihn auf die Welt gebracht haben und sich, wie er findet, nicht um ihn kümmern können.

Aoun ist mit seiner Kamera nah an den Menschen, das hat er schon bei den Filmen "Ismaii" (2017) und "Schatten der Wüste" (2018) gezeigt, den er mit der HFF-Kollegin Franziska Schönenberger kürzlich ins Kino gebracht hat. "Capernaum", der derzeit hier im Kino läuft, war ein Herzensprojekt für den Wahl-Berliner, der sagt: "München ist für mich immer noch wie eine Familie." Der Film war eine Reise in seine Heimat Libanon. 520 Stunden Material hat er dort in sechs Monaten gesammelt. "Wir haben an sehr schwierigen Orten gedreht, im Gefängnis, in einer Art Ghetto. Straßen wurden nicht abgesperrt, wir wollten rein in die Menschen."

Für die Nominierung des Films ist Christopher Aoun dankbar ("besser als jede Auszeichnung"), gleichwohl sagt er: "Mit ,Roma' in derselben Kategorie gibt es nicht viele Chancen für andere Filme." Der 29-Jährige freut sich dennoch, dass der Film und die Themen seines Landes Aufmerksamkeit bekommen. In Los Angeles will er sich vernetzen, Leute kennenlernen, Partys feiern. Aber: Vor ein paar Tagen beklagte er am Telefon, dass er als Kameramann kein Ticket für die Preisverleihung im Dolby Theatre bekommen habe. "Sehr ärgerlich" sei das. "Zu sehen, dass meine Kunst nicht anerkannt wird." Geladen seien die Regisseurin des Films, Produzenten und Schauspieler. Ein kleiner Trost für ihn: Aoun ist mit "Capernaum" auch für den Deutschen Kamerapreis 2019 nominiert. Die Preisverleihung ist im Mai.

Henckel von Donnersmarck und "Werk ohne Autor"

Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck.

(Foto: Florian Peljak)

Ebenfalls nominiert in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" ist Florian Henckel von Donnersmarcks "Werk ohne Autor". Das dreistündige Künstlerdrama wurde bereits vergangenen August zum deutschen Oscar-Beitrag auserkoren. Die Entscheidung war durchaus umstritten, auch andere Filmemacher hatten sich Chancen ausgerechnet - zudem waren die Kritiken zum Kinostart im Oktober durchwachsen. Der Film orientiert sich lose an der Biografie des Malers Gerhard Richter, er beginnt 1937 in Dresden und endet im Düsseldorf der Sechzigerjahre. Bei den Besucherzahlen blieb er hinter den Erwartungen zurück, bei den Preisen hat "Werk ohne Autor" aber einen guten Lauf: Im Januar wurden Max Wiedemann, Quirin Berg und Jan Mojto bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises als beste Produzenten ausgezeichnet, bei den Golden Globes gab es eine Nominierung als "Bester fremdsprachiger Film". In derselben Kategorie tritt er nun auch bei den Oscars an. Insofern war die Wahl der deutschen Auswahljury im August goldrichtig, schließlich hat Donnersmarck es am Ende von 87 eingereichten Filmen aus der ganzen Welt unter die letzten fünf geschafft.

Wenn es sehr gut läuft, könnte er sogar mit zwei Oscars nach Hause gehen, denn etwas überraschend wurde auch sein Kameramann nominiert: Da der Amerikaner Caleb Deschanel ein Hollywood-Veteran ist und seit den frühen Achtzigern schon sechsmal in der Kamera-Kategorie nominiert wurde (aber nie gewann), stehen seine Chancen nicht so schlecht. Angenehmer Nebeneffekt: Als Nominierter kommt Deschanel in der Oscar-Nacht auf alle Fälle ins Dolby Theatre. Wen Donnersmarck sonst aus seinem großen Team mitnimmt, ist noch nicht bekannt - er und seine Produzenten Wiedemann und Berg hoffen auf ein Déjà-vu: Vor zwölf Jahren, am 25. Februar 2007, gewannen sie einen Oscar für "Das Leben der Anderen". Damals standen die drei Jungfilmer, die sich beim Studium an der HFF kennenlernten, noch ganz am Anfang ihrer Karriere. Der Oscar-Triumph öffnete ihnen viele Türen: Donnersmarck ging nach Amerika und drehte seinen nächsten Film mit Angelina Jolie und Johnny Depp ("The Tourist"), Wiedemann und Bergs Firma in der Maxvorstadt wurde zu einer der ersten Adressen in der deutschen Produzentenlandschaft. Die beiden Schulfreunde produzierten weitere Kinohits ("Männerherzen", "Who am I"), sind seit einigen Jahren aber vor allem im Fernsehen erfolgreich, unter anderem mit der Serie "Dark", die sie für Netflix (und damit für den Weltmarkt) produzierten.

Die Firmen Rise und Trixter und die Kameras von Arri

International ausgerichtet sind auch die Münchner Ableger der Firmen Rise und Trixter, die an den Visual Effects von "Black Panther" beteiligt waren: Die Marvel-Superheldensaga ist für sieben Oscars nominiert. Sollte sie gewinnen, werden die Münchner Effektspezialisten zwar vermutlich unerwähnt bleiben, dafür haben zu viele Firmen an diesem Film mitgearbeitet. Eine Bestätigung ihrer Arbeit wäre es trotzdem. Auch die bayerische Filmförderung würde sich freuen: Der Film-Fernseh-Fonds Bayern (FFF) hat "Black Panther" finanziell unterstützt - und damit die Grundlage für die Zusammenarbeit zwischen Marvel, Rise und Trixter geschaffen. Eine Sache indes haben alle Nominierten gemeinsam: Sie müssen bis zum Ende zittern, die Academy verrät die Entscheidungen erst auf der großen Oscar-Bühne.

Eine Münchner Firma kann sich bereits zurücklehnen: Sieben von acht Nominierten in der Kategorie "Bester Spielfilm" sowie alle Filme in den Gattungen "Beste Kamera" und "Bester fremdsprachiger Film" wurden mit Kameras von Arri gedreht.