bedeckt München 11°

Kino:Hochhausrudel

Passend zur Brexit-Mentalität: wildgewordene Briten, die sich in einen Betonklotz einbunkern und sich selbst böse zerfleischen. Der neue Film von Ben Wheatley!

Von Tobias Kniebe

Vielleicht kommt man der Sache am nächsten, wenn man sich einen gigantischen Affenfelsen vorstellt. Kahl und ganz ohne Grün, zerklüftet und von vielen gleichartigen Höhlen durchzogen, ragt er aus der Savanne auf, vierzig Stockwerke hoch. Die Sonne brennt herab, und die meisten Affen suchen den Schatten.

Nur ein Männchen im besten Alter, athletisch gebaut, sonnt sich auf einem Felsvorsprung, ein Tuch über dem Kopf, das Affengemächt bedeckt von einem aufgeschlagenen Buch. Imaginieren wir hier den Schauspieler Tom Hiddleston, rotblond, blassbritisch, durchtrainiert, und dazu die Seele von James Bond, die gerade vom Himmel herabschaut auf der Suche nach Reinkarnation. Passt doch, würde sie sagen.

Auch ein Affenweibchen blickt wohlgefällig von einem höheren Felsvorsprung herab. Es hat eine hübsche rostbraune Mähne, sein Fell ist gelbschwarz gestreift - hier bitte jetzt die Schauspielerin Sienna Miller vorstellen. Das Weibchen lässt sein Champagnerglas fallen und neben dem Männchen auf dem Felsen aufschlagen, begleitet von einem glockenhellen Lachen. So beginnt eine Art Balz, gefolgt von der Einladung, doch bald auf einen Drink in Höhle 2605 vorbeizuschauen.

Hier lässt es sich leben, denkt man, hier möchte man mitmischen beziehungsweise auf jeden Fall weiterschauen, denn dies ist die doch sehr verführerische Anfangsszene des Films "High-Rise". Inszeniert hat sie der aufstrebende britische Regisseur Ben Wheatley, und die Affen sehen in diesem Moment noch wie recht gut gekleidete Engländer aus, die im Jahr 1975 in eine alternative Zukunft aufgebrochen, dort aber nie angekommenen sind.

1975 war das Jahr, in dem der Roman "High-Rise" von J. G. Ballard erschien, und ungefähr seit damals versucht der große britische Produzent Jeremy Thomas auch, ihn zu verfilmen. Was offenbar nicht ganz einfach war. Diese unbedingte Lust auf Party wie auf Zerstörung, auf Rohbeton und Flokati, perfekt geschnittene Anzüge, surreale Regression, Satin ohne Büstenhalter und enthemmte Rudelgewalt muss man sich erst einmal vorstellen können und dann auch hinkriegen. Als Kinoerfahrung ist das nun ziemlich einzigartig.

Film High Rise

Feste gefeiert wird in der britischen Betonburg von "High-Rise".

(Foto: DCM)

An der Oberfläche ist dies die Geschichte eines modernistischen Apartmentturms für die Bessergestellten, der vom Swimmingpool über die Shoppingmall bis zur Squashhalle alles gleich eingebaut hat, was seine zweitausend Bewohner sich nur wünschen können - die Utopie einer vertikalen Stadt. Hier kann man sich abkapseln, hier muss man nie mehr raus, und weil es nur Eigentumswohnungen gibt, ist von Randgruppen oder gar Migranten auch nichts zu sehen. Die niedrigste soziale Aufstiegsstufe ist vielleicht Stewardess.

Nur dass dieses Gebäude dann doch sehr merkwürdige und bedrohliche Veränderungen in seinen Bewohnern auslöst, in Richtung Kontrollwahn, Vandalismus, Enthemmung und Affennatur. Verantwortlich dafür sind, wie auch in J. G. Ballards berühmterem Buch "Crash", die Technik und der Fortschritt selbst, der selbstverständlich nur ein scheinbarer ist. So weit, so klar. Nur ist dieser Hochhaushorror nun mindestens so alt wie das Buch selbst. Warum kommt die Verfilmung gerade jetzt, und warum funktioniert sie?

Wildgewordene Engländer machen sich das Leben zur Hölle

Vielleicht liegt es daran, dass die Hauptmetapher lange Zeit ein bisschen zu offensichtlich schien. Die unteren Stockwerke gegen die mittleren, die mittleren gegen die oberen, schließlich alle gegen alle, im Penthouse aber der Architekt und Visionär, der alles imaginiert und entworfen hat - das liegt irgendwie zu nahe, um wirklich eine Geschichte zu tragen. Könnte man denken. Wenn nicht der Erbauer des Trump Tower sich plötzlich anschicken würde, amerikanischer Präsident zu werden, und wenn sich nicht ein halbes Land voller wildgewordener Engländer gerade entschieden hätte, sich radikal von der Außenwelt abzukapseln, um sich gegenseitig das Leben zur Hölle zu machen. Nun könnte das Timing für "High-Rise" gar nicht besser sein.

Film High Rise

In den höfisch exquisiten Gewändern stecken Menschen mit archaischen Instinkten, zum Beispiel Jeremy Irons, der den Schöpfer-Architekten dieser selbstdestruktiven Welt spielt.

(Foto: DCM)

Denn der Schrecken erwächst gerade aus der Konformität. Der von dem wunderbaren Waliser Luke Evans gespielte Dokumentarfilmer aus dem zweiten Stock mag wuchtigere Koteletten und mehr Kinder haben als die Männer in den höheren Etagen, und die alleinerziehende Mutter aus dem mittleren Bereich, die Sienna Miller darstellt, ist einen Hauch ordinärer angezogen als die Ladies aus den höchsten Etagen - aber für das bloße Augen sehen sie alle toll und sehr kompatibel aus, bereit für eine endlose, etagenübergreifende Party.

Und so versteht man gar nicht recht, wieso dann bei der Verstopfung des Müllschluckers solche Aggressionen hochkochen, warum nach einen Blackout plötzlich ein toter Upperclass-Hund im Swimmingpool treibt, wie eine Kindergeburtstagsparty zum Kriegsschauplatz wird, wie schließlich alles in Mord und Totschlag endet. Es nützt gar nichts, dass alle gleich britisch, gleich weiß und gleich gepolt sind, und auch der reanimierte Klassenkampf ist dann nur ein Durchgangsstadium. Schnell geht es weiter zurück in der Menschheitsgeschichte, über Stammesrituale bis zum marodierenden Rudel.

Die einzigen Figuren in dem Chaos, an die man sich halten kann, sind der von Tom Hiddleston gespielte Arzt, der von Anfang an nur Individualist sein will und in allen Stockwerken irgendwie überleben würde, Jeremy Irons als der ganz in Weiß gekleidete Architekt - und das Hochhaus selbst. Es erinnert an den Stil des ungarisch-britischen Visionärs Ernő Goldfinger, der in Tower Hamlets und North Kensington ähnliche Gebäudemonster schuf und sogar selbst einmal dort ins Penthouse einzog, um die Bewohner bei Champagnerpartys zu studieren - ohne Zweifel schon die Inspiration für Ballard.

Der Versuch allerdings, dem Hochhaus eine Art metaphysische Schuld aufzuladen, geht am Ende allerdings nach hinten los. Je abstoßender die Menschen sich zeigen, desto sympathischer wird einem das Gebäude - in der Klarheit seines schon von Le Corbusier gefeierten "béton brut", in seiner Schlichtheit und affenfelsenartigen Unverwüstlichkeit. Brutalismus war einst ein Schimpfwort für diesen Architekturstil, inzwischen ist es ein Markenzeichen und ein fast schon nostalgischer Begriff. Denn diese Höhlen sind für die Ewigkeit. Noch lange nach dem Ende der Menschheit werden hier klügere Spezies hausen und nisten und sich sehr wohl dabei fühlen.

High Rise, GB 2016 - Regie: Ben Wheatley. Buch: Amy Jump, nach dem Roman von by J. G. Ballard. Kamera: Laurie Rose. Mit: Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans. DCM, 119 Min.

© SZ vom 29.06.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite