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Kino:Götter des Gemetzels

Ein gutes Thema macht noch keinen guten Film - Oren Movermans "The Dinner", Stanley Tuccis "Final Portrait" und Josef Haders "Wilde Maus" im Wettbewerb der Berlinale.

Donald Trump überschatte die Berlinale, heißt es in den amerikanischen Branchenblättern, aber das ist zu viel der Ehre. Die meisten Filmemacher scheinen ein Weltbild zu teilen, dem das von Trump zuwiderläuft; aber deswegen wirft er ja noch keine Schatten. Wenn dagegen diesen Berlinale-Wettbewerb etwas umtreibt, ist es ein Teufelchen, das dritte Akte klaut. Es muss diesen Dieb geben, jedenfalls haben sehr viele Wettbewerbsfilme keinen richtigen Schluss, sie hören bloß irgendwann auf.

Es gab da übers Wochenende gleich mehrere Beispiele, "Félicité" des belgischen Regisseurs Alain Gomis beispielsweise - der erzählt von einer Frau im Kongo, die an dem tollkühnen Versuch scheitert, ein unabhängiges Leben zu führen, als ihr Sohn verunglückt und sie das Geld auftreiben muss für seine Operation. Gomis zeigt wunderbar, wie wertvoll der soziale Frieden wäre, den es in der Welt von Félicité nicht gibt, und wie eine Gesellschaft, in der es sich keiner mehr leisten kann, großzügig zu sein, jedem Recht auf Glück im Wege steht; aber es führt nirgendwohin. "Una mujer fantástica" von Sebastián Lelio aus Chile hat den eigentlich sehr schönen Ansatz, eine Transgender-Frau in Santiago zu zeigen, die eine normale Liebesbeziehung mit einem älteren Mann führt und nach seinem Tod von Feindseligkeit überrannt wird; eine Misere ohne Ende. Ein gutes Thema macht noch keinen guten Film.

Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs: Josef Hader als verzweifelter Ex-Kritiker in "Wilde Maus".

(Foto: Berlinale)

Am übelsten hat der Schlussakt-Teufel vielleicht Stanley Tuccis Regiedebüt "Final Portrait" über Alberto Giacometti mitgespielt, das außer Konkurrenz läuft - oder es war Absicht, dass der Film am Ende unfertig wirkt, sozusagen als Hommage ans Werk. Auf jeden Fall drückt der Schauspieler Tucci seine Begeisterung für Giacometti aus, der unablässig davon redet, dass es den Zustand der Vollendung nicht geben könne. Das Porträt des amerikanischen Kunstautors James Lord (Armie Hammer), an dem er malt, ist ein Job für Sisyphos. Immer wenn sich die Gesichtszüge zu vervollkommnen scheinen, beginnt er von vorn. "Final Portrait" ist eine One-Man-Show für Geoffrey Rush als Giacometti, Armie Hammer bleibt Stichwortgeber. Rush ist überdreht und sofort wieder melancholisch, voller Lust auf die Kunst und das Leben in dem einen Augenblick und beider überdrüssig im nächsten.

Tucci versucht, tatsächlich etwas über das Werk zu erzählen - und bricht dann ab. In diesen ersten Wettbewerbstagen hat ein anderer Regiedebütant es am ehesten fertiggebracht, eine geschlossene Erzählung zustande zu bringen - der österreichische Kabarettist, Drehbuchautor und Schauspieler Josef Hader. Er spielt in "Wilde Maus" einen Mann, dem nur noch der Ausweg bleibt durchzudrehen. Dem Musikkritiker Georg, von seinen Fans geliebt für seine Verrisse, wird gekündigt, weil jüngere Kollegen billiger sind. Er erzählt das seiner hinreißend herben Freundin Johanna (Pia Hierzegger) lieber nicht, treibt sich stattdessen im Prater herum, eröffnet mit einem neu gefundenen Freund eine Achterbahn und verwendet die übrige Zeit auf wahnwitzig dämliche Racheaktionen gegen seinen Ex-Chef. Die wilde Maus ist natürlich nicht die Achterbahn, das ist er, ein Wurm am Rande des Nervenzusammenbruchs, der keine Chance hat, es sei denn, er lernt endlich, um Hilfe zu bitten.

Es gibt in dieser Geschichte eine ganze Reihe von sehr gut beobachteten Nebenschauplätzen - Johannas Kindersehnsucht beispielsweise, die leider erst nach dem vierzigsten Geburtstag eingesetzt hat, oder, ganz beiläufig erzählt, wie Georg, der sich selbst immer nur als Opfer einordnet, der einen oder anderen hoffnungsvollen Musik-Karriere im Handstreich und gedankenlos den Garaus gemacht hat.

Es wäre natürlich zu überlegen, ob nicht all die Themen, Ohnmacht durch Armut, Niedergang der Presse und Ausgrenzung einer Frau, die mal ein Mann war, irgendwie mit Donald Trump zu tun haben. Tatsächlich von seinem Schöpfer, dem Regisseur Oren Moverman, als "trumpianisch" bezeichnet wurde dann nur "The Dinner", der einzige amerikanische Film, der um den Goldenen Bären konkurriert. Der Film rührt, obwohl vor fast einem Jahr gedreht und somit im Unwissen um Trumps Präsidentschaft, tatsächlich an sehr gegenwärtige Probleme - an Egoismus als Gesellschaftsform und an die Konfusion von Begriffen. Eine solche hat Richard Gere, der in "The Dinner" eine der Hauptrollen spielt, bei der Berlinale als Trumps größtes Verbrechen ausgerufen - dass er die Begriffe Terrorist und Flüchtling bis zur Unkenntlichkeit vermengt habe.

Gere spielt Stan, er und seine Frau Katelyn (Rebecca Hall) treffen seinen Bruder Paul (Steve Coogan) und dessen Frau Claire (Laura Linney) zum Abendessen. Ein ziemlich heikler Abend, an dem alle allen an die Gurgel wollen, noch bevor das eigentliche Thema auf den Tisch kommt - wie die Eltern damit umgehen sollen, dass ihre Söhne ein Verbrechen begangen haben, aber noch nicht erwischt wurden.

Die Konstellation mit den zwei Paaren hat Roman Polanski in "Der Gott des Gemetzels" nach dem Stück von Yasmina Reza schon einmal perfekt inszeniert; da kann Moverman, der Herman Kochs Roman "Angerichtet" adaptiert hat, nicht mithalten. Paul, die Hauptfigur, ist aber ein wahrer Trumpianer: Eine Weile findet man seine Klagen gegen alles noch ganz vernünftig, seine Schlüsse - am besten wäre es gewesen, die Indianer hätten die Pilgerväter abgeschlachtet - scheinen zynischen Witz zu haben. Steve Coogan spielt diesen Erzähler, dem man nicht alles glauben sollte, sympathisch und hilflos. Seinem Bruder Stan, der Gouverneur werden will, wirft er vor, er habe nur ein schwarzes Kind adoptiert, um sich beim Wahlvolk beliebt zu machen. In jeder Gruppe, denkt Paul, gibt es einen hohen Prozentsatz an Brechmitteln. Im Restaurant sieht man: Die These stimmt, er sieht sich nur auf der falschen Seite. Je länger er redet, desto klarer wird, wie selbstgerecht der Mann ist und von Neid zerfressen. Fürsorge für andere stört ihn, weil er findet, selbst zu kurz gekommen zu sein. Und er ist nicht der einzige am Tisch, der den eigenen Interessen jede Wertvorstellung unterordnet.

Es gibt in "The Dinner" Momente, die etwas auf den Punkt bringen, wenn die liebliche Claire etwa die hässliche Fratze eines Herrenmenschen durchschimmern lässt. Aber die Struktur, in Essensgänge sortiert, funktioniert nicht, und Moverman macht es sich zu leicht - mit der Einführung tatsächlicher psychischer Störungen, mit dem Schluss, dass schreckliche Menschen Kinder zu schrecklichen Menschen erziehen. Es ist ein bisschen so, als habe Moverman genau dasselbe Problem wie Giacometti, der behauptet, er könne nicht malen, was er sieht - je näher er kommt, desto mehr verändern sich die Dinge.