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Kino:Geld oder Liebe

Ein altes Spiel, mit neu verteilten Rollen: Im Film "Sand Dollars" verkörpert Geraldine Chaplin eine lesbische Sextouristin in der Karibik.

Von Martina Knoben

Wenn Anne (Geraldine Chaplin) mit Noelí (Yanet Mojica) Motorrad fährt, schmiegt sie sich ganz eng an sie und lehnt den Kopf an ihre Schulter. So fahren Verliebte: Einer fährt und hat die Kontrolle, der andere genießt vertrauensvoll die Nähe. In "Sand Dollars" sind es zwei Frauen - eine ältere, Frau, die sich einer jungen anvertraut und sich so hoffnungslos wie vollkommen den Momenten der Berührung hingibt. Die Kamera nimmt die beiden Köpfe in den Blick: Noelís faltenlose, braune Haut, dahinter Annes maskenhaftes, runzeliges Altersgesicht.

Die 71-jährige Geraldine Chaplin verkörpert Anne völlig unerschrocken, sie zeigt all die Zeichen des Alters: den knochigen Körper, die schlaffe, fleckige Haut. Für Yanet Mojica ist es die erste Kinorolle, sie spielt Noelí mit der Anmutung eines jungen, schönen, ungemein lebendigen Tiers. Anne ist eine wohlhabende Französin, eine Langzeiturlauberin, die in der Karibik ihren Ruhestand verlebt; Noelí ist eine dominikanische Prostituierte. Sextourismus also, und dann noch unter Lesben! Plakativ ist "Sand Dollars" trotzdem nicht. Es ist ein melancholischer Film über die Liebe, über Arm und Reich, Alt und Jung, über Abhängigkeiten und Betrug - die Machtverhältnisse, wenn Geld und Liebe im Spiel sind.

In der Figur der Anne feiert die Regie auch das alte Europa

Anne hat Noelí ein Visum für Frankreich besorgt, es ist die Eintrittskarte in ein besseres Leben. An eine gemeinsame Zukunft glauben die beiden dennoch nicht. So wie Anne sich auf dem Motorrad an Noelí schmiegt, so schmiegt diese sich an ihren Freund, mit dem sie am liebsten eine Familie gründen würde; sie gibt ihn allerdings als ihren Bruder aus. Wer liebt mehr, wer zuckt als Erster und spricht aus, dass Noelí besser bleiben sollte? Darum geht es in dem gefährliche Spiel zwischen den Verliebten.

Im Beziehungsdreieck zwischen Anne und ihrem Freund mag Noelí im Mittelpunkt stehen - das Zentrum des Films aber ist Geraldine Chaplin, die ihrer Anne die Aura einer Königin und eines waidwunden Tieres gleichermaßen verleiht. Sie ist von der Liebe geprägt, aber auch von der Zeit, von ihrem Alter. Und vielleicht ist es auch das alte Europa, das die Regisseure Laura Amelia Guzmán und Israel Cárdenas, die beide aus der Dominikanischen Republik stammen, in dieser Figur der Anne feiern. Um sie dann am Ende, so zärtlich wie erbarmungslos konsequent, zurückzulassen.

Dólares de Arena, Dominikanische Republik/Argentinien/Mexiko 2014 - Regie: Laura Amelia Guzmán, Israel Cárdenas. Buch: L. Guzmán, I. Cárdenas nach einer Vorlage von Jean-Noël Pancrazi. Mit: Geraldine Chaplin, Yanet Mojica. Salzgeber, 84 Min.

© SZ vom 15.12.2015
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