Kino Früchte des Zorns

Der Dokumentarfilmer Michael Moore, eine der bekanntesten linken Stimmen Amerikas, geht in "Fahrenheit 11/9" mit Donald Trump in den Clinch. Nur manche seiner Ideen sind nicht mehr ganz neu.

Von Susan Vahabzadeh

Man kann über viele Dinge streiten; nicht aber darüber, dass Michael Moore der berühmteste Dokumentarfilmer der westlichen Welt ist. Das liegt zum Teil daran, dass er seit seinem Durchbruch mit "Roger & Me" (1989) in seinen Filmen immer auch selbst im Bild ist. Er hat außerdem einen Oscar und eine Goldene Palme, und er hat den erfolgreichsten Dokumentarfilm aller Zeiten gemacht, "Fahrenheit 9/11".

In fast all seinen Filmen spielt seine Heimatstadt eine tragende Rolle - wer Michael Moore kennt, dem ist auch Flint, Michigan, geläufig. Wie also, zum Teufel, konnte das amerikanische Militär auf die Idee kommen, 2015 ausgerechnet in Flint eine schlecht angekündigte Militärübung abzuhalten, die auf arglose Bewohner wirken musste, als sei der dritte Weltkrieg ausgebrochen? Als wäre es nicht absehbar, dass das ein paar mitreißende Szenen hergibt für den nächsten Moore-Film.

"Fahrenheit 11/9" heißt dieser neue Film, denn am 9.11. 2016 wachten die Amerikaner nach der Präsidentschaftswahl in einem veränderten Amerika auf - auch die Trump-Befürworter hatten ja nicht mit einem Sieg gerechnet. Moores Film beginnt noch vor der Wahl, mit hoffnungsvollen Gesichtern, Frauen, die fest mit der ersten Präsidentin rechnen und das fast als persönlichen Triumph empfinden. Es ist schon seltsam, wie weit weg diese zwei Jahre alten Bilder sind, und schon deswegen berührend. Bei Michael Moore selbst wird sich die Überraschung in Grenzen gehalten haben, er hatte Trumps Wahlsieg traurig prognostiziert. Und auch das hat sehr viel mit Flint, Michigan zu tun.

Der rote Faden, der sich durch "Fahrenheit 11/9" zieht, ist der Wasserskandal von Flint - und die ganze Geschichte, die Michael Moore hier darlegt, ist unfassbar. Moore will analysieren, was denn nun zu Trumps Wahlsieg geführt hat - der Wasserskandal hat sich vorher zugetragen. In der Ära Barack Obama. Der Gouverneur von Michigan, ein Geschäftsmann von Trumps Schlag mit ähnlich viel Demokratie-Bewusstsein, hatte 2011 begonnen, insolvente Städte unter Zwangsverwaltung zu stellen. Das hört sich vielleicht an wie ein normaler Vorgang, bedeutet aber: Da wurden gewählte Volksvertreter abgesetzt und durch dem Gouverneur genehme Verwalter ersetzt.

Michael Moore zufolge war nur eine kleine Minderheit der von diesem leisen Coup betroffenen Bevölkerung weiß; er hält das nicht für einen Zufall. Jedenfalls gab es nach einigen Änderungen an der Wasserversorgung bald Hinweise darauf, dass das Trinkwasser in Flint nun mit Blei verseucht war. Michael Moore ist ein bekennender Linker, und er lässt gerne weg, was ihm nicht in den Kram passt - die Hintergründe, wie es dazu kam, sind vielleicht nicht so einfach wie im Film gezeigt. Dass dann aber, als es bekannt wurde, weder der Gouverneur noch der Verwalter etwas dagegen unternommen haben, ist sicher.

Die Stadt Flint, Michigan, taucht immer wieder auf. Kein Wunder: Michael Moore kommt von dort

Wie dabei Donald Trump ins Spiel kommt? Michael Moore stellt interessante Berechnungen an zu all den Dingen, die man heutzutage herausfinden kann: Wie viel Wähler in Flint beispielsweise zu Hause geblieben sind 2016, und was das zu tun hat mit einer Präsidentschaftswahl, die Donald Trump gewonnen hat, obwohl er auf ganz Amerika hochgerechnet Millionen von Stimmen weniger hatte als seine Gegnerin. Es gab drei Staaten, die Hillary Clinton unerwartet und nur ganz knapp verloren hat und die sie die Präsidentschaft kosteten: Pennsylvania, Wisconsin - und Michigan.

Flint taucht immer wieder auf - mit einer Ärztin, die erklärt, was Blei im Blut mit Kindern anstellt. Mit Amateuraufnahmen: Sommer 2015, eben jene "Militär-Übung in urbaner Umgebung", inklusive Explosionen, durch die Straßen marschierenden Soldaten und tieffliegenden Helikoptern; mit Obamas Besuch, noch vor der Wahl, als er die Wasserkrise für beendet erklärt, obwohl sie es nicht war. All das hat mit dem Frust zu tun, der Wähler in Trumps Arme trieb. Moore hat den Film vor den Kongresswahlen im vergangenen Herbst ins Kino gebracht - ein Werbestück für das Establishment der Demokraten ist er wahrlich nicht - ein Stück Oppositionsberichterstattung ist er schon. Allerdings lief "Fahrenheit 11/9" im Herbst in den USA vor kleinem Publikum, für Moores Verhältnisse - und einer der Gründe dafür wird wohl sein, dass die Wasserkrise von Flint dann, sehr spät, doch noch zu einem ganz großen Thema in den USA wurde, auch wenn in Europa nicht jeder von ihr gehört hat.

Das gilt für weite Teile der Analyse, die Moore betreibt. Es ist nach zwei Jahren klar, dass es viele Faktoren gibt, die den Wahlausgang begünstigt haben. Entrechtete Bürger haben dabei bestimmt eine Rolle gespielt, und eine mediale Situation, in der viele Sender eben lieber mit einem Auftritt von Donald Trump Quote machten, als sich mit den komplizierten Hintergründen der Wasserkrise zu befassen; und Rassismus; und eine Grundstimmung, in der es immer und in allen Lebenslagen nur um Geld geht. Moore attackiert auch die New York Times und zeigt den (inzwischen geschassten) Fernsehchef Les Moonves, der zynisch witzelt, Trump sei schlecht fürs Land, aber gut für die Quoten.

Moores Analyse geht aber über das, was - wenn auch zu spät - nachgeliefert wurde in Amerika, nicht hinaus. Viele der neuen Hoffnungsträger in der Opposition, die er zu Wort kommen lässt, wurden vor den Kongresswahlen in Talkshows herumgereicht, wo sie exakt dasselbe sagten. Und was nun die Unterhaltsamkeit des Mannes selbst betrifft: Seine Theatralik kann einem mit der Zeit einfach auf die Nerven gehen, seine Showeinlagen sind vorhersehbar geworden. Wenn er hier versucht, den Gouverneur von Michigan festzunehmen, kann es einem durchaus so vorkommen, als habe man die Szene schon einmal gesehen.

Und manchmal schießt er eben über das Ziel hinaus. Er zieht eine Parallele zum Dritten Reich. Es hat Momente gegeben in den vergangenen zwei Jahren, die so manipulativ, bedrohlich und bizarr waren, dass man das nicht mehr als blühenden Blödsinn abtun kann. Da wäre aber eine etwas differenziertere Betrachtung doch angebracht gewesen. Bei Michael Moore kann man nicht mal das Originalmaterial aus den Dreißigern von später gedrehten Spielszenen unterscheiden. Und irgendwo müsste Platz für die Unterschiede sein. Einstweilen sitzt die Oppositionsführerin Nancy Pelosi nicht im Lager oder im Knast, sondern im Kongress. Wenn man bei Moore den Reichstag brennen sieht, mag es einem kalt den Rücken hinunterlaufen. Und doch ist schon der Film "Fahrenheit 11/9" selbst ein Beleg dafür, dass das nicht dasselbe ist wie Trumps mediale Stunts. Denn gegen diesen Film kann er nichts tun.

Fahrenheit 11/9, USA 2018 - Regie und Buch: Michael Moore. Kamera: Luke Geissbühler, Jayme Roy. Verleih: Weltkino, 120 Minuten.