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"Jingle Jangle Journey" auf Netflix:Selbst die Bösen haben gute Lieder

Jingle Jangle Journey

Weihnachtsstimmung mit "Jingle Jangle Journey": Madalen Mills und Forest Whitaker als verbitterter Erfinder Jeronicus Jangle.

(Foto: Netflix/Netflix)

Was macht ein schwarzer Regisseur, wenn sein Sohn mal einen Weihnachtsfilm sehen will, in dem nicht alle Figuren weiß sind? Er dreht das mitreißende Musical "Jingle Jangle Journey".

Von Doris Kuhn

Man sollte Musicals mögen. Und man könnte auch kurz darüber nachdenken, sich einen größeren Bildschirm zuzulegen. Mehr aber braucht man nicht, um für "Jingle Jangle Journey" bereit zu sein, ein alle Grenzen sprengendes Weihnachtsspektakel, das schon jetzt auf Netflix läuft. Der Film hat ein Farbspektrum, vor dessen Pracht das Herbstgrau sofort flieht, und er lässt jeden Gedanken an Lockdown-Minimalismus schlagartig verschwinden. Mit Tanz, Gesang, Massenszenen und üppigen Kostümen für Menschen wie für Orte.

Geschrieben, produziert und inszeniert hat das Ganze der schwarze amerikanische Filmemacher David E. Talbert - damit sein Sohn, wie er erzählt hat, mal einen Weihnachtsfilm sehen kann, in dem nicht alle Figuren weiß sind. Talbert erzählt ein Märchen, dem nur ein Hauch Realität innewohnt, dafür alle Impressionen, die sich mit einem altertümlichen Weihnachten verbinden lassen.

Schnee rieselt auf dunkle Tannen, es gibt Kopfsteinpflaster und Läden voll fantastischer Spielsachen, dazwischen spazieren die großteils afroamerikanischen Figuren durch eine pittoreske Kleinstadt und plaudern über den technischen Fortschritt, der jetzt immerhin motorgetriebene Wagen hervorbringt. Die Postbotin fährt mit so einem Ding herum, dagegen sind die magischen Kräfte des lokalen Erfinders schon fast ein alter Hut.

Das ist ungefähr die Zeit, in der man sich befindet - aufgepeppte viktorianische Ära, in der jeder Wissenschaftler als lahm gilt, wenn er nicht etwas Futuristisches bastelt, das sich möglichst von selbst bewegt. Man denkt erst an Jules Verne, dann an Pixars "Wall-E". Ein passabler Bezug wäre auch "The Fast and the Furious", allerdings bloß, um das Maß der Action zu vermitteln, die sich rasant von diversen Tanz-Choreografien zur wilden Jagd durch brennende unterirdische Kanäle steigert. "Jingle Jangle Journey" liefert eine Reise in verschiedene Genres, im Familienfilm bleibt Talbert nicht stecken.

Aus diesem Grund ist der Inhalt eher unweihnachtlich. Freud und Leid von Jeronicus Jangle, dem "größten Erfinder von allen", werden gezeigt, der ein glücklicher Mann ist, bis ihm sein Lehrling das Notizbuch mit sämtlichen geplanten Erfindungen stiehlt. Damit baut der Dieb gleich nebenan eine Fabrik und kommt groß raus, Jangle aber rutscht in eine Depression ab.

Forest Whitaker ist vom Leben verbittert, murmelt und stänkert und schaut feindselig

Dreißig Jahre später sitzt er noch immer in seiner Werkstatt, die inzwischen zur Pfandleihe umfunktioniert wurde. Er hat nichts mehr erfunden seither, die Gabe ist versiegt, das Haar grau, dazu spielt Forest Whitaker den Jangle mit einer strengen Abgewandtheit vom Leben. Er murmelt oder stänkert, schaut feindselig umher und will lieber niemanden im Laden haben als womöglich die lebensfrohe Postbotin mit ihrem Drei-Mann-Chor im Schlepptau.

Das schlechte Benehmen hält Jangle auch durch, als ihn seine zehnjährige Enkelin Journey Jangle besucht. Sie hat eine Faible für Schrauben und Zahnräder, ist darüber hinaus mit Zuversicht gesegnet, trotzdem fragt man sich, wie sie es schaffen soll, diesen bitteren alten Mann für sich zu gewinnen. Aber sie schafft es.

Und zwar mit Mathematik, das darf man ruhig verraten, was sonst wäre das richtige Mittel im Erfinder-Business. Anschließend wird Journey Gerechtigkeit in der Kleinstadt herstellen, sie befreit eine wichtige Erfindung Jangles aus der Fabrik des Diebes. Außerdem macht sie gerne Blödsinn, das beschwingt die Atmosphäre im Haus Jangle ganz generell.

Währenddessen wird oft gesungen, von den Guten wie von den Bösen. Aber nicht nur Journeys Abenteuer, sondern auch der Soundtrack sind glamourös genug, um am Ende alles zu erobern. Nach Talberts Film kann es leicht passieren, dass man sich ein Ensemble aus drei Herren wünscht, die einen überallhin begleiten und gleich a capella einfallen, wenn man in Gesang ausbricht. Und zwar ganz egal, ob man Musicals vorher mochte oder nicht.

Jingle Jangle Journey: Abenteuerliche Weihnachten!, USA 2020 - Regie: David E. Talbert. Mit Forest Whitaker, Madalen Mills, Ricky Martins Stimme, Lisa Davina Phillip. Auf Netflix, 122 Minuten.

© SZ/kni
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