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Kino-Erfolg "Ziemlich beste Freunde":Als Außenseiter gestartet

"Wenn es jetzt immer heißt, dass die Leute sich einfühlsame Filme wünschen, Geschichten nah am Leben - dann hätten sie doch auch in 'Liebe' von Michael Haneke gehen können", sagt Christopher Bausch. Sein Kino, das Casino, liegt in der Innenstadt von Aschaffenburg. Das sprichwörtliche nette kleine Haus am Platz, zwei Säle, genug Stammkunden, die sich im Multiplex komisch fühlen würden. Bausch hat auch "Liebe" gespielt, Hanekes gestrenge Studie über ein älteres Paar, das auf den Tod zugeht. 727 Leute wollten das sehen. Für "Ziemlich beste Freunde" dagegen verkaufte er über 25 000 Karten, geriet zeitweise in den Ausnahmezustand: Um mit der Nachfrage klarzukommen, musste er den Spielplan umwerfen, den Film vier Mal am Tag zeigen - und die Leute nach der Vorstellung durch den Notausgang aus dem Saal schleusen, weil das Foyer schon von den nächsten 200 verstopft war.

Es sei halt viel zusammengekommen bei dem Film, meint Bausch - ein guter Trailer, Mundpropaganda, und die zwei Kerle, um die es ging: "Es soll beim Arthouse-Publikum ja das Muster geben, dass die Frauen den Film auswählen. Hier sind die Männer mal freiwillig mitgegangen."

Aber dass sein kleines Casino vom Rummel überhaupt so viel abbekam, lag daran, dass das Aschaffenburger Multiplex den Titel zuerst gar nicht ins Programm genommen hatten. Eine Fehlkalkulation, die vielleicht auch ein Stück des Erfolgsrätsels erklärt: "Ziemlich beste Freunde" war beim Start zugleich Außenseiter und Expertenfavorit, das größte öffentliche Geheimnis des jungen Kinojahrs. "Mensch, das wird breiter, das wird groß!", hatte Bausch schon nach einer frühen Preview zu einem Kollegen gesagt. An ein Millionending hätte er trotzdem nicht im Traum geglaubt.

Senator Film, der deutsche Verleih, auch nicht. In seine erste Startwoche ging "Ziemlich beste Freunde" mit 167 Filmkopien - komfortabel für einen Cineasten-Film mit limitierter Zielgruppe, aber weit entfernt von der Vollversorgung. Als schon am ersten Wochenende über 200.000 Zuschauer kamen, stockte Senator den Bestand auf, über 450 Kopien für die zweite Woche, knapp 700 für die dritte - da war die Millionen-Zuschauermarke schon überschritten. Zweieinhalb Monate nach dem Start, wenn gewöhnliche Kinofilme längst auf dem Gnadenbrot-Weg in die Zweitverwertung kriechen, lief "Freunde" in Deutschland immer noch auf fast 800 Leinwänden. Zum Vergleich: "Skyfall", der neue Bond, startete gleich mit 789 Kopien, mit maximalem Vertrauensvorschuss.

Was im Kinomarketing heute normal ist. Tobias Bauckhage, Chef der Filmcommunity Moviepilot, verglich kürzlich die Vorbereitungen amerikanischer Verleihfirmen auf ihre Blockbuster-Starts mit dem US-Präsidentenwahlkampf (SZ vom 2. 12. 2012): Da mittlerweile von der Ticketquote des ersten Wochenendes die ganze Zukunft eines Films abhängt, Erfolg oder Schmach, wird der größtmögliche Werbedruck auf dieses Datum konzentriert. Neue Titel steigen hoch ein, sind aber genauso schnell wieder weg. Auch der Start von "Ziemlich beste Freunde" war gut, aber dann wuchs der Film. Wuchs weiter. Blieb lange weit oben. Eine unmögliche Kurve, mit der ein Marketingdozent nur beweisen könnte, dass alle seine Thesen falsch sind. Oder dass die Zuschauer sich nicht dran gehalten haben.

"Arthouse mit Crossover-Potenzial"

Vielleicht auch deshalb war der Film, bevor alles losging, ein Schnäppchen. Als der französische Weltvertrieb Gaumont ihn 2011 beim Festival in Cannes anbot, bekam der Berliner Senator-Verleih - zuletzt erfolgreich mit eher geschichtsgrauem Stoff wie "Der Vorleser" und "The King's Speech" - ohne Mitbewerber den Zuschlag, zusammen mit dem TV-Rechtepartner Telepool. Mehr als ein Drehbuch und einen achtminütigen Trailer gab es damals nicht, die Ahnung von Senator-Chef Helge Sasse ging in Richtung 250.000 Zuschauer: "Sehr emotional, sehr lustig. Arthouse mit Crossover-Potenzial, dachten wir." Im Herbst 2011 wurde "Freunde" in Frankreich zum Superhit, was für das Ausland allerdings nichts heißen muss. Am deutschen Startwochenende hätte Sasse dann im Kino am Sendlinger Tor in München fast selbst keinen Platz mehr bekommen. "Innerhalb weniger Tage verschob sich die Marktposition des Films radikal. Plötzlich merkten wir: Das ist Family Entertainment, das geht theoretisch von sieben bis 80 Jahre. Man könnte Zuschauerzahlen haben wie beim ,Schuh des Manitu'."

Und warum? "Im Kern wird hier doch eine tiefe, archaische Geschichte erzählt", sagt Sasse. "Menschen, die nicht zusammenpassen, kriegen trotzdem gemeinsam etwas hin. Das packt die Leute."

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