Süddeutsche Zeitung

Kino-Erfolg "Ziemlich beste Freunde":Anatomie eines Phänomens

Vor genau einem Jahr kam die französische Behinderten-Komödie "Ziemlich beste Freunde" in die deutschen Kinos. Kein Film hat seither stärker bewegt. Analyse eines Überraschungserfolgs, der alle Regeln des Geschäfts außer Kraft gesetzt hat.

Von Joachim Hentschel

Ein Wohlfühlfilm, das erklärt alles. Eines dieser heizungswarmen Kinostücke, für die sich Menschen auch abends nach der Arbeit gern noch Zeit nehmen, weil sie so trefflich gute Laune und süße Sehnsucht davon kriegen. Einer der Filme, die angeblich immer "zum Lachen und zum Weinen" sind - "Grüne Tomaten", "Italienisch für Anfänger" und so weiter. Die nicht mal - wie ihre kleinen Freunde, die Feelgood-Bücher - das Wort "Glück" im Titel brauchen.

Und was für ein Mensch sollte das bitteschön auch sein, der "Ziemlich beste Freunde" jetzt nicht gemocht hat? Diese Geschichte, in der sich der Problemtyp aus der Pariser Banlieue mit dem reichen, armen Rollstuhlfahrer anfreundet, in der einer der zwei sein Verantwortungsbewusstsein entdeckt, der andere das wahre Leben? Da kann der Zyniker viel labern, aber auch er spürt die Wärme.

Ein Wohlfühlfilm - in diesem Fall erklärt das gar nichts. Das hätte für vier bis fünf Wochen Kinolaufzeit gereicht, für vielleicht 200.000 Zuschauer. Für Wandplakate in Juristinnen-WGs, und kurz vor Weihnachten für einen guten Rang in den Amazon-DVD-Charts. Aber was in diesem Jahr mit "Ziemlich beste Freunde" passiert ist, das kann ein solches Schlagwort nicht ansatzweise erfassen.

In Deutschland wurden seit dem Kinostart vor genau einem Jahr, am 5. Januar 2012, über 8,8 Millionen Eintrittskarten für den Film verkauft. Gesehen habe ihn im Kino nicht ganz so viele Menschen, das liegt an den vier-, fünfmaligen Wiederholungstätern unter den Fans. Die Komödie der Regisseure Olivier Nakache und Eric Toledano stand neun turbulente Wochen lang auf Nummer eins der deutschen Kinocharts. Sie ist der erfolgreichste Film des Jahres in Deutschland, weit vor James Bond, "Twilight", "Ice Age". Auf der Liste der umsatzstärksten Titel, die dieses Land bisher überhaupt gesehen hat, liegt sie auf Platz neun.

Fast jeder kann mitreden - ohne dazugehörige Markenwelt

Wer das für Filmbranchenquark hält, soll es mal so sehen: Man könnte in der Bäckerei, im Wartezimmer, in der U-Bahn jederzeit ein Gespräch über "Ziemlich beste Freunde" beginnen, über eine französische Tragikomödie ohne Stars, Comicheft oder zugehörige Markenwelt - und die Wahrscheinlichkeit, dass die zufällig Anwesenden mitreden könnten, wäre sehr groß. Statistisch hat ihn rund jeder zehnte Deutsche gesehen, im Zeitalter atomisierter Internetkanäle ein kaum fassbarer Konsens. Die wahre Geschichte von Philippe Pozzo di Borgo, dem Rollstuhlfahrer, wurde nachgereicht, sie verkaufte Bücher und Zeitungen. Sogar ein Sprachidiom wuchert seither: "Ziemlich beste Feinde", "Ziemlich beste Hauptstadt". "Ziemlich beste Idee". Der Nerv, den dieser Film getroffen hat, liegt noch immer blank.

Ein solches Phänomen kann nicht mehr nur mit Wohlfühlen oder Wettkuscheln zu tun haben. Das ist echte Ökonomie. Eine Maschine, die auf eine zeitgemäße Art funktioniert haben muss. Aber wie genau?

Als Außenseiter gestartet

"Wenn es jetzt immer heißt, dass die Leute sich einfühlsame Filme wünschen, Geschichten nah am Leben - dann hätten sie doch auch in 'Liebe' von Michael Haneke gehen können", sagt Christopher Bausch. Sein Kino, das Casino, liegt in der Innenstadt von Aschaffenburg. Das sprichwörtliche nette kleine Haus am Platz, zwei Säle, genug Stammkunden, die sich im Multiplex komisch fühlen würden. Bausch hat auch "Liebe" gespielt, Hanekes gestrenge Studie über ein älteres Paar, das auf den Tod zugeht. 727 Leute wollten das sehen. Für "Ziemlich beste Freunde" dagegen verkaufte er über 25 000 Karten, geriet zeitweise in den Ausnahmezustand: Um mit der Nachfrage klarzukommen, musste er den Spielplan umwerfen, den Film vier Mal am Tag zeigen - und die Leute nach der Vorstellung durch den Notausgang aus dem Saal schleusen, weil das Foyer schon von den nächsten 200 verstopft war.

Es sei halt viel zusammengekommen bei dem Film, meint Bausch - ein guter Trailer, Mundpropaganda, und die zwei Kerle, um die es ging: "Es soll beim Arthouse-Publikum ja das Muster geben, dass die Frauen den Film auswählen. Hier sind die Männer mal freiwillig mitgegangen."

Aber dass sein kleines Casino vom Rummel überhaupt so viel abbekam, lag daran, dass das Aschaffenburger Multiplex den Titel zuerst gar nicht ins Programm genommen hatten. Eine Fehlkalkulation, die vielleicht auch ein Stück des Erfolgsrätsels erklärt: "Ziemlich beste Freunde" war beim Start zugleich Außenseiter und Expertenfavorit, das größte öffentliche Geheimnis des jungen Kinojahrs. "Mensch, das wird breiter, das wird groß!", hatte Bausch schon nach einer frühen Preview zu einem Kollegen gesagt. An ein Millionending hätte er trotzdem nicht im Traum geglaubt.

Senator Film, der deutsche Verleih, auch nicht. In seine erste Startwoche ging "Ziemlich beste Freunde" mit 167 Filmkopien - komfortabel für einen Cineasten-Film mit limitierter Zielgruppe, aber weit entfernt von der Vollversorgung. Als schon am ersten Wochenende über 200.000 Zuschauer kamen, stockte Senator den Bestand auf, über 450 Kopien für die zweite Woche, knapp 700 für die dritte - da war die Millionen-Zuschauermarke schon überschritten. Zweieinhalb Monate nach dem Start, wenn gewöhnliche Kinofilme längst auf dem Gnadenbrot-Weg in die Zweitverwertung kriechen, lief "Freunde" in Deutschland immer noch auf fast 800 Leinwänden. Zum Vergleich: "Skyfall", der neue Bond, startete gleich mit 789 Kopien, mit maximalem Vertrauensvorschuss.

Was im Kinomarketing heute normal ist. Tobias Bauckhage, Chef der Filmcommunity Moviepilot, verglich kürzlich die Vorbereitungen amerikanischer Verleihfirmen auf ihre Blockbuster-Starts mit dem US-Präsidentenwahlkampf (SZ vom 2. 12. 2012): Da mittlerweile von der Ticketquote des ersten Wochenendes die ganze Zukunft eines Films abhängt, Erfolg oder Schmach, wird der größtmögliche Werbedruck auf dieses Datum konzentriert. Neue Titel steigen hoch ein, sind aber genauso schnell wieder weg. Auch der Start von "Ziemlich beste Freunde" war gut, aber dann wuchs der Film. Wuchs weiter. Blieb lange weit oben. Eine unmögliche Kurve, mit der ein Marketingdozent nur beweisen könnte, dass alle seine Thesen falsch sind. Oder dass die Zuschauer sich nicht dran gehalten haben.

"Arthouse mit Crossover-Potenzial"

Vielleicht auch deshalb war der Film, bevor alles losging, ein Schnäppchen. Als der französische Weltvertrieb Gaumont ihn 2011 beim Festival in Cannes anbot, bekam der Berliner Senator-Verleih - zuletzt erfolgreich mit eher geschichtsgrauem Stoff wie "Der Vorleser" und "The King's Speech" - ohne Mitbewerber den Zuschlag, zusammen mit dem TV-Rechtepartner Telepool. Mehr als ein Drehbuch und einen achtminütigen Trailer gab es damals nicht, die Ahnung von Senator-Chef Helge Sasse ging in Richtung 250.000 Zuschauer: "Sehr emotional, sehr lustig. Arthouse mit Crossover-Potenzial, dachten wir." Im Herbst 2011 wurde "Freunde" in Frankreich zum Superhit, was für das Ausland allerdings nichts heißen muss. Am deutschen Startwochenende hätte Sasse dann im Kino am Sendlinger Tor in München fast selbst keinen Platz mehr bekommen. "Innerhalb weniger Tage verschob sich die Marktposition des Films radikal. Plötzlich merkten wir: Das ist Family Entertainment, das geht theoretisch von sieben bis 80 Jahre. Man könnte Zuschauerzahlen haben wie beim ,Schuh des Manitu'."

Und warum? "Im Kern wird hier doch eine tiefe, archaische Geschichte erzählt", sagt Sasse. "Menschen, die nicht zusammenpassen, kriegen trotzdem gemeinsam etwas hin. Das packt die Leute."

Ein Thema, über das es sich zu reden lohnt

Wenn sie denn erstmal davon erfahren. Weshalb man trotz der Überraschungen festhalten muss, dass "Ziemlich beste Freunde" auch ein strategischer Erfolg ist. Einen Monat vor Kinostart hatte Senator mit halb-öffentlichen Previews begonnen, eigentlich viel zu früh - was aber rund 30.000 Vorabguckern die Chance gab, in den Weihnachtsfeiern herumzuerzählen, wie phantastisch dieser neue Film sei. Mit einer Facebook-Gruppe fing man im Internet gleich die Erstinteressierten ab. Sogar mit MyVideo, der Filmchen-Plattform von ProSiebenSat.1, arrangierte man eine Kampagne. Einem der letzten Plätze, an denen man eine französische Außenseiterkomödie promoten würde.

Das Netz als Ort der Nischenbildung und Zersplitterung, als großer Schulhof voller abgeschotteter Grüppchen - bei "Ziemlich beste Freunde" war es möglich, doch noch einmal ein übergreifendes Gespräch zu stiften: Stille Post, Multiplikation, ohne gleich ein Flugzeug zu kaufen und mit dem Werbebanner drüberzubrettern. Man muss seine Leute an den richtigen Ecken postieren. Man muss sich Zeit geben. Man muss beweglich bleiben, die Strategie korrigieren, während sie schon läuft. Und natürlich: Man braucht ein Thema, über das es sich zu reden lohnt.

"Wir haben schnell gemerkt, dass das ein Film ist, über den die Leute sprechen wollen und müssen." So erklärt Astrid Böhmisch, die Marketingleiterin bei Senator, den Erfolg. Sie berichtet von Teenagergruppen aus schwierigen Berliner Vierteln, Migrationshintergrund, typisches Action- und Multiplexpublikum, das plötzlich auf der Facebook-Seite auftauchte und den Film kommentierte. "Leute, die man sonst nur über TV-Spots erreicht, die nie mit französischem Kino in Berührung kommen." Irgendjemand musste ihnen gesagt oder gemailt haben, dass man den Film mit dem Schwarzen und dem Rollstuhlfahrer gesehen haben muss, unbedingt. Vielleicht die, die in der Woche vorher keine Karte mehr ergattert hatten. Und nun dachten, das müsse ja was Besonderes sein.

Das ist das Absurde an dieser Erfolgsgeschichte - und auch der Grund, warum man am Ende doch eher wenig aus ihr lernen kann: Vielleicht wurde "Ziemlich beste Freunde" nur deshalb ein solcher Pflicht-für-alle-Film, weil Verleih und Betreiber ihn so drastisch unterschätzt hatten. Weil man mit ihm als Zuschauer etwas erleben konnte, was es im Kino kaum noch gibt, etwas, das an sich wirtschaftlichen Schaden bedeutet: Verknappung. Ticketmangel. Unterversorgung. Eine Taktik, die sich heute eigentlich nur noch Firmen wie Apple leisten können, wenn eines ihrer neuen Geräte erscheint. Die man dort einkalkuliert, weil sie nun mal eine Sogwirkung erzeugt. Ein Begehren. Als irgendwann dann auch das letzte Multiplex "Ziemlich beste Freunde" spielte, lief in den Programmkinos, wo die Reise begonnen hatte, schon längst etwas Neues.

Man muss sehr lange suchen, bis man auf der Facebook-Seite den letzten bösen Kommentar zu den "Freunden" findet. Er stammt vom 20. August, als der Film noch immer auf über 270 Leinwänden gezeigt wurde: "Dieser Scheißfilm soll endlich aus dem Kino raus!" Ein Hilferuf aus der letzten Popcornreihe, bedrängt, überrollt vom leichten französischen Komödien-Arthouse. Das wird dem Cineasten auch dann als diebischer Triumph bleiben, wenn "Ziemlich beste Freunde" irgendwann wirklich nicht mehr läuft.

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Quelle:
SZ vom 05.01.2013/vks
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