Kino Die Kraft der sieben Elefanten

Der deutsche Regisseur David Wnendt darf dieses Jahr mit seinem Film "The Sunlit Night" den begehrtesten Premierenplatz beim Sundance Festival bespielen - eine kleine Entstehungsgeschichte.

Von Tobias Kniebe

Fast das ganze Jahr über ist Park City in den Bergen von Utah ein verschlafenes Wanderer- und Skifahrernest mit kaum mehr als 8000 Einwohnern. Jeden Januar aber, zum Sundance Film Festival, fallen mehr als 40 000 Gäste in der Stadt ein, die im Grunde nur eines suchen: das nächste große Ding des Kinos. Und heißer als am Samstagabend, bei der großen Weltpremiere des ersten Wochenendes, kann die Jagd nach Entdeckungen kaum werden. "Es ist eine Riesenehre und eine große Chance, da zu laufen", sagt der Produzent Fabian Gasmia, 41. "Aber auch eine unheimliche Verantwortung", ergänzt der gleichaltrige Regisseur David Wnendt. Beide schauen im Café über den Dächern Berlins ein wenig so, als liege eine schwere Last auf ihren Schultern.

Tatsächlich hätten sie kaum damit gerechnet, dass ihr englischsprachiger Film "The Sunlit Night" - in New York erdacht, in den USA finanziert, in Berlin produziert und zum Großteil auf den Lofoten in Nordnorwegen gedreht -, ein derart heißes Ticket des Festivals werden würde.

Im Gegenteil, alle Anzeichen deuteten in die andere Richtung. Kim Yutani, die vor Kurzem zur Sundance-Programmchefin ernannt wurde, hatte für ihr erstes Programm nämlich eine klare Agenda ausgegeben - so weiblich, so queer, so divers wie möglich. "Und dann kam ich daher," lacht Wnendt entschuldigend, "als weißer, männlicher Filmemacher mit einer zarten, poetischen, aber auch vollkommen heterosexuellen Liebesgeschichte". Was die erklärten Präferenzen des Festivals angehe, fügt Gasmia hinzu, "haben wir nicht sehr viele Boxen gecheckt".

Aber wie das so ist, Filmgeschichten bahnen sich immer noch ihren eigenen Weg, und das besondere, amerikanisch-europäische Paket von "The Sunlit Night" könnte für Sundance am Ende unwiderstehlich gewesen sein.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman der New Yorker Autorin Rebecca Dinerstein und handelt von einer jungen Künstlerin, die in ihrer Malerei nichts zu sagen hat, ihre Beziehung scheitern sieht und das Emotionschaos ihrer jüdischen Familie nicht mehr aushält. So flüchtet sie in ein Sommerpraktikum, das außer ihr keiner will - Schuften als Assistentin für einen besonders bärbeißig-unzugänglichen norwegischen Künstler auf den Lofoten. Natürlich gibt dieser Sommer unter der nordischen, niemals untergehenden Sonne nicht nur ihrer Kunst eine ganz neue Richtung, sondern lässt sie auch die Liebe wiederfinden.

Die junge Malerin Frances (Jenny Slate) flüchtet aus New York und sucht ihr Glück auf den Lofoten: Szene aus „The Sunlit Night“.

(Foto: Seven Elephants)

Eine klassische Geschichte, von einer Unschuld und Direktheit, die an die erste große Welle des Independent-Kinos in den Neunzigerjahren erinnert, das seinerzeit über Sundance die Welt eroberte. Weshalb der Gedanke nicht ganz fern liegt, dass bei der prestigeträchtigen Einladung - Diversität hin, Queerness her - auch Nostalgie eine Rolle gespielt haben könnte. "Vielleicht ist es ja wirklich so", sinniert David Wnendt, "dass diese Art von Film inzwischen Seltenheitswert hat."

Der zweite Grund könnte Treue sein - wen Sundance einmal aufnimmt, den holt es immer wieder zurück. Und das betrifft nicht nur Wnendt, der mit seiner Charlotte-Roche-Verfilmung "Feuchtgebiete" (aka "Wetlands") schon 2014 in Sundance war. Im selben Jahr hatte auch die Schauspielerin und Standup-Komikerin Jenny Slate einen Film dort laufen, so haben sie sich kennengelernt. Und Slate war es dann wiederum, die den Roman von Rebecca Dinerstein früh entdeckte und auf die Leinwand bringen wollte. Als das Drehbuch bei David Wnendt ankam, war sie bereits als Co-Produzentin und Hauptdarstellerin an Bord - sehr zur Freude aller Beteiligten, denn ihre trockene Komik und freundliche Resilienz gegen allerlei männliche Schweiger, Grummler und Dramaqueens ist es, die den Film am Ende zusammenhält.

"Elefanten haben einen besondern Herdenzusammenhalt"

Das spektakulärste Exemplar in dieser Truppe wird von Zach Galifianakis gespielt, der als bärtiger Rabauke und selbsternannter Chef des "Wolfpack" in den "Hangover"-Filmen zu Weltruhm kam. Er entdeckte das Drehbuch quasi auf dem Schreibtisch seiner Freundin Slate - und beharrte dann darauf, den verrücktesten Angestellten des (real existierenden) Wikinger-Museums auf den Lofoten müsse er selber spielen. Jetzt ist er ein amerikanischer Rauschebart fern der Heimat, der sich nur mit "Chief" ansprechen lässt und beim Dreh des Museums-Imagefilms durch besondere Blutrünstigkeit auffällt. So leiht Galifianakis dem Film Starpower und Komik in einer eigentlich eher kleinen Rolle.

David Wnendt scheint glücklich mit den verschlungenen Wegen, auf denen das alles zusammenfand, und der Art, wie er den Film dennoch prägen konnte - nicht zuletzt durch eine Vorbereitungszeit auf den Lofoten, für die er seine Frau und seine drei Kinder einpackte und das Ganze zu Familiensommerferien erklärte. Es traf sich auch perfekt, dass er mit Fabian Gasmia und zwei weiteren Filmemachern, Julia von Heinz und Erik Schmitt, gerade ein eigenes Produktionskollektiv gegründet hatte, und zwar die Firma Seven Elephant Pictures.

Regisseur David Wnendt dreht auf den Lofoten.

(Foto: Seven Elephant Pictures)

Diese übernahm die Produktion von Berlin aus, zusammen mit einem norwegischen Partner - und die familiäre Intimität, die das Projekt von Anfang an hatte, blieb so vollständig erhalten. Drei Filmemacher, ein Produzent, das erinnert natürlich an die Berliner Veteranen von X-Filme rund um Tom Tykwer. Die sind durchaus ein Vorbild, zugleich aber auch ein Lehrbeispiel für die Fallstricke des Kollektivgedankens. Wnendt, Gasmia, Heinze und Schmitt sind dennoch von ihrem neuen Modell überzeugt.

"Elefanten haben einen besondern Herdenzusammenhalt", sagt Gasmia, "dieser familiäre Aspekt, auch die Balance zwischen Job und Leben, das alles soll unser Firmenname ausdrücken". Ein weiterer großer Termin für die Firma wird bald die Eröffnung der Berlinale-Reihe "Generation" sein, die Erik Schmitt mit seinem Langfilmdebüt "Cleo" bestreitet. Zuvor aber muss "The Sunlit Night" dem scharfen und hungrigen Blick der Sundance-Crowd standhalten. "Ich vertraue da ganz dem Festival", sagt David Wnendt - und strahlt dabei tatsächlich die unerschütterliche Ruhe eines Elefanten aus. "Die werden schon wissen, was am Samstagabend auf diesem Platz funktioniert."