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Kino:Absolute Momente

Große Gefühle der Jugend: Sebastian Schippers Film "Roads" ist da am stärksten, wo der Plot kaum eine Rolle spielt.

Dass "die Kinder in Afrika hungern" ist bekanntlich kein Argument. Das Wissen, dass es anderen schlechter geht, hat noch den wenigsten geholfen. In "Roads", Sebastian Schippers neuen Werk, treffen wir Gyllen (Fionn Whitehead), einen fluchenden, gerade 18 gewordenen Briten, auf einer nächtlichen Straße in Marokko. Genauer: Wir beobachten ihn vom Straßenrand, durch die Augen von William (Stéphane Bak), einem Flüchtling aus dem Kongo. Von weitem wird Musik herangetragen, Gyllen telefoniert Bekanntschaften und Freunde durch, weil er das Auto nicht ankriegt. Er hat das Wohnmobil seines Stiefvaters geklaut und will damit nach Frankreich. William hilft ihm, den Wagen flottzukriegen und begleitet ihn schließlich.

Die beiden haben sehr unterschiedliche Probleme: Gyllen versucht seiner verkackten Familiensituation zu entkommen, William sucht seinen Bruder und schwebt dabei als illegaler Flüchtling in Lebensgefahr. Beide mögen sie Fußball (oder behaupten das wenigstens). Sie schlagen sich zusammen durch und werden Freunde. Welche Wahl haben sie auch. Das könnte die ödeste Sache der Welt sein — wie viele Filmfreundschaften hat man gesehen und wieder vergessen — aber das ist sie nicht, weil alles genauer, liebevoller, intensiver ist. So gut gefügt, dass es selbst Klischees das Leben zurückgibt.

ROADS

Jungsfreundschaft: Gyllen (Fion Whitehead) und William (Stéphane Bak) im geklauten Wohnmobil auf dem Weg nach Frankreich.

(Foto: Studiocanal)

Man muss an dieser Stelle noch mal an "Absolute Giganten" erinnern, Schippers Debüt. Ein eigenartig außergewöhnlicher Film. Eigentlich war er "gewöhnlich" in der Art, wie er als Debütfilm große Gefühle der Jugend feierte. Den einen besonderen Moment, die Melancholie des Abschieds. Denn jeder zweite Abschlussfilm versucht das. Außergewöhnlich wurde er, weil es dem Regisseur Sebastian Schipper tatsächlich über die ganze Länge des Films gelang, die Spannung zu halten — zwischen Witz und Traurigkeit, Pathos und Slapstick, Poesie und Skurrilität. Schipper hat ein großes Gespür für das Timing, das Zusammenfügen der Elemente seiner Filme. Perspektive, Kadrage, Musik, Bildrhythmus. Er spiegelt das Pathos im Witz, die Poesie im Skurrilen.

In der ersten Hälfte von "Roads" fühlt es sich nie an, als sähe man den beiden zu, wie sie sich anfreunden, sondern als freunde man sich selbst mit ihnen an. Die Ereignisse, die sich ihnen in den Weg stellen - unter anderem Moritz Bleibtreu als Marihuana schmuggelnder Althippie - spielen dabei kaum eine Rolle, viel wichtiger ist, wie dicht Schipper am wirklichen Erleben bleibt. Die Dialoge wirken nie wie "Dialoge", sondern wie Gespräche, die genau so geführt werden müssen. Es gibt nur wenige, die die Magie etwa eines bekifften Momentes so einfangen und verewigen können.

Genau das wird in der zweiten Hälfte zum Problem, in dem sich, ähnlich wie in "Victoria", aus dem Moment so etwas wie ein klassischer Plot entwickelt. Der Plot ist hier die Suche nach dem Bruder des einen und dem Vater des anderen. Er führt nach Calais, und aus dem Roadmovie wird ein Awarenessclip zum Thema Flüchtlingskrise. So klar Schippers Bild vom Seelenzustand seiner Protagonisten war, so vage ist das von den Zuständen in Calais. Die Sätze werden gekünstelter, die Lebendigkeit der Darsteller in das Thema gepresst. Warum etwa William seinen Bruder liebt, bleibt weitgehend unglaubwürdig und abstrakt. Weil man seinen Bruder halt liebt?

Wenn Schipper sich von dem Zwang befreien könnte, das klassische Ende zu erzwingen, könnte dieser Film viel größer sein. So ist er eine Verwandlung von Menschen in Charaktere auf dem Tableau von Europas Gegenwart. "Absolute Giganten" wurde für seinen Mangel an "dramaturgischer Stringenz" kritisiert. Witzigerweise ist Schipper am besten, wenn er auf die "dramaturgische Stringenz" nicht so achtet, sondern junge Menschen im Moment zeigt. Dann gelingt es ihm, Schönheit vor dem Abziehbild zu bewahren.

Roads, D/F 2019. Regie: Sebastian Schipper. Mit: Fionn Whitehead, Stéphane Bak, Moritz Bleibtreu. Studiocanal, 99 Minuten.

© SZ vom 31.05.2019
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