Zum Tod von Christine Nöstlinger "Wie offen Nöstlinger über unperfekte Körper schrieb, hat mich als Jugendliche tief beeindruckt"

Die für ihre Kinderbücher berühmte Christine Nöstlinger starb am 28. Juni 2018 mit 81 Jahren.

(Foto: dpa)

Die Österreicherin Christine Nöstlinger hat mehr als hundert Bücher geschrieben und damit auch die eine oder andere Kindheitserinnerung geprägt.

Von SZ-Autoren

Die Wienerin Christine Nöstlinger war eine der bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Sie hat mehr als einhundert Bücher geschrieben, Dutzende Preise bekommen. "Wir pfeifen auf den Gurkenkönig", "Maikäfer flieg", "Konrad oder das Kind aus der Konservenbüchse", "Die Geschichten vom Franz" gehören zum Kanon der deutschsprachigen Literatur - und haben auch in der SZ-Redaktion viele Kindheitserinnerungen geprägt.

"Wenn ich an Christine Nöstlinger denke, denke ich automatisch an Frau Brandenstein. Sie arbeitete als Bibliothekarin in der Bücherei im Schulzentrum in Bremen-Habenhausen, wo ich viele Stunden meiner Kindheit verbrachte. Damals, späte Achtziger, begann man als kleiner Junge, sich für die Fußball-Mannschaft von Werder Bremen zu begeistern, die gerade Deutscher Meister geworden war. Die restliche Zeit verbrachte man bei Frau Brandenstein, die einem auch half, ein Buch zu suchen, wenn man es in dem Regal nicht fand. Die auch gerne zu einem grauen, meterbreiten Stand-Karteikasten mit Dutzenden Fächern ging, die Lesebrille aufsetzte, und bei 'Kinderbuch A-H' nachsah, wie lange ein bestimmtes Werk noch ausgeliehen sei. Oft schob ich Bücher von Christine Nöstlinger über die Ausleihtheke. 'Simsalabim' oder 'Konrad, das Kind aus der Konservenbüchse' oder 'Die grüne Warzenbraut'. Meist waren die Einbände in Orangetönen, so erinnere ich mich jedenfalls. Oft hatten die Bücher Eselsohren. Frau Brandenstein zog sie zu sich, nahm die Ausleihkarten hinaus und legte sie in den Karteikasten, einen Scanner gab es noch nicht. Good old times." Oliver Klasen, Redakteur Panorama

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"Christine Nöstlinger, das ist für mich diese Zeit irgendwo am Ende meiner Kindheit, Monate, vielleicht Jahre, die ich mehr zwischen Buchseiten verbracht habe als in der Wirklichkeit. Weil ich kein Pferdemädchen war und Pferdemädchenbücher nur im Notfall las, war meine Welt die von Astrid Lindgren, von Klaus Kordon, von Christine Nöstlinger. Von Matilda, von Munli, von Gretchen Sackmeier. Bei Nöstlinger konnte ich mich in Abenteuer flüchten, die waren wie die 'Ab 12'-Etiketten auf den Buchrücken in der Bibliothek: schon sehr aufregend, aber vertraut genug, um sich nicht zu verirren." Lena Jakat, Deskchefin

"Als Österreicherin wächst Kind ja praktisch mit Christine Nöstlinger auf. Ihre 'Mini'-Geschichten von einem großen, rothaarigen Mädchen, das ausgerechnet Mini hieß und dessen bester, sehr kleiner Freundin, die ausgerechnet Maxi hieß, habe ich verschlungen. Sie hatte noch dazu einen Bruder, der sie ständig ärgerte - wie tröstlich, wenn meiner wieder einmal genauso nervig war!" Leila Al-Serori, Redakteurin Politik

"In ihrem Jugendroman 'Oh, du Hölle' beschrieb Christine Nöstlinger ausschweifend - aber nicht bösartig - das Aussehen eines übergewichtigen Jungen. Die Protagonistin Julia schrieb Tagebuch über ihre erste Liebe, die keifende Mutter - und eben den Pummel. Der steht der Liebe nämlich im Weg und deshalb nervt er total, mit seinem dicken Wanst und dem tiefen Bauchnabel, in dem ein Kugelschreiber ohne Probleme versenkt werden könnte. Wie offen Nöstlinger über unperfekte Körper schrieb, hat mich als Jugendliche tief beeindruckt. Da wäre auch die Szene aus der 'Gretchen-Sackmeier-Reihe', in der Gretchen Nachhilfe bekommt oder sie gibt? Jedenfalls beugt sie sich über die Schulter des sitzenden Jungen und dabei bleibt ihre Brust - mehr ein schlaffer Schlauch - auf seiner Schulter liegen. Es ist eine peinliche Situation, die sich völlig undramatisch auflöst und Gretchens Liebesleben überhaupt nicht schadet." Lea Kramer, Redakteurin Newsdesk

"Christine Nöstlingers Bücher standen in meiner Kinderzeit in einer Reihe mit jenen von Ottfried Preußler, Erich Kästner oder Astrid Lindgren. In großer Zahl schleppten meine Mutter und ich sie von der Dorfbücherei nach Hause, zu der man einen kleinen Weg neben dem Feuerwehrhaus nach unten ins Souterrain gehen musste. Daheim angekommen las ich die Bücher schnell aus - bunte Cover, große Buchstaben, tolle Erinnerungen." Martin Anetzberger, Teamleiter Newsdesk

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