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Pop:Das Flirren einer Fata Morgana

Khruangbin

So sehen Piloten gemeinhin nicht aus: das Poptrio Khruangbin kurz nach der Landung.

(Foto: Tamsin Isaacs)

Khruangbin spielt so ungefähr die trippigste Musik, die man seit langem gehört hat, das neue Album geht als Sommerurlaubs-Ersatz durch. Den Erfolg verdankt das Trio nicht zuletzt einem Bandmitglied.

Von Jan Kedves

Das Wort Khruangbin stammt aus der Thai-Sprache und bedeutet Flugzeug. Das ist schon mal gut zu wissen. Denn mit einem Flugzeug geht man ja auf eine Reise, oder im Englischen: auf einen Trip. Wenn sich eine Band so nennt, Khruangbin, braucht man sich also nicht zu wundern, wenn diese Band so ungefähr die trippigste Musik spielt, die man seit langem gehört hat.

Wobei das Trio aus Houston, Texas, ein eigenes Verständnis von trippiger Musik hat. Es verzichtet nämlich auf fast alles, was man sonst mit Triphaftigkeit in der Musik verbindet: Benebelung, endlose Zerdehnung, Hippiehaftigkeit, Matsch, lange Haare, und so weiter. Nun gut, lange Haare haben Khruangbin auch, jedenfalls zwei ihrer Mitglieder, Mark Speer und Laura Lee Ochoa. Aber das sind Perücken, und man soll auch sehen, dass das billige Perücken sind. Die Authentizität, die sonst im Rock der triphafteren Sorte extrem wichtig ist, wäre hiermit schon mal unterwandert.

Ihr erstes Album haben Khruangbin im Jahr 2015 veröffentlicht, seitdem sind sie im Hintergrund der Popwelt zu den meistgehörten Musikern aufgestiegen. Allein auf der Streaming-Plattform Spotify hatten sie zuletzt monatlich vier Millionen Hörerinnen und Hörer - noch vor Veröffentlichung ihres neuen, ausgezeichneten Albums "Mordechai" (Dead Oceans) an diesem Freitag. "Mordechai" wird die Hörerzahl noch mal ansteigen lassen - weswegen man gar nicht falsch liegt, wenn man attestiert, dass Khruangbin mit ihrer grundentspannten, sehnsüchtig romantischen und meist instrumental gehaltenen Musik im größeren Pop-Gefüge inzwischen die Position einnehmen, die lange vom Pariser Duo Air besetzt war. Sie spielen, vergleichbar mit den Franzosen, schlauen Easy-Listening-Sound, der aber nicht cheesy ist und der einen dezenten Vintage-Charme transportiert, ohne platt retro zu sein. Es ist Musik, auf die sich fast alle einigen können.

Das heißt, im Hintergrund kann man "Mordechai" ganz störungsfrei durchlaufen lassen (Homeoffice!), aber in Momenten des bewussten Hinhörens kann man auch tief eintauchen und sich von der Art und Weise mitreißen lassen, wie Thai-Funk mit jamaikanischen Dub-Elementen und Wüstenrock-Zitaten verbunden wird. Solche Musik muss man erst mal hinbekommen! "Comfort Listening", der Begriff wird im Khruangbin-Zusammenhang ebenfalls verwendet. Air hatten viel mehr Synthesizer und weniger Funk, bei den Parisern klang alles poliert. Khruangbin klingen sandig-verstaubt und etwas psychedelisch, aber selbst die Psychedelik ist bei ihnen, wiederum ganz ohne Widerspruch, absolut nüchtern.

Man möchte losjubeln: Endlich mal wieder eine tolle Bassistin im Pop!

Schlagzeug, Gitarre, Bass, sonst nichts (außer vielleicht mal Vibraphon). Exzellentes Handwerk, kaum hervorgekehrte Expressivität. "Mordechai" lebt von den irisierenden Melodien, die Mark Speer sehr virtuos und zugleich ganz unangeberisch aus seiner Gitarre herausfingert, es lebt auch von den stoisch halb-funky getrommelten Beats von Donald "DJ" Johnson. Vor allem aber lebt das Album von Laura Lee Ochoa und ihrer extrem lässigen Art, fluffig-knackige Basslinien zu spielen.

Man möchte losjubeln: Endlich mal wieder eine tolle Bassistin im Pop! Es fallen einem sonst ja nicht viele ein. Was schade ist, denn das Bassspielen ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, zur coolsten oder zumindest zweitcoolsten Person in einer Band zu werden. Also zu demjenigen Mitglied, das, ohne im Zentrum zu stehen, von der Seite aus alles antreibt und aufpumpt, und das allein durch die Art, wie es den Bass hält, zum Unikat werden kann.

Auf Seite der Männer fallen einem sofort Krist Novoselic von Nirvana ein und Mark King von Level 42. Der eine hängte sich den Bass immer tief auf die Knie, der andere klemmte ihn sich oben in die Achselhöhle. Bassistinnen? Tina Weymouth von Tom Tom Club wäre zu nennen. Suzi Quatro. Die großartige Meshell Ndegeocello. Michaela Melián von der Münchner Band Freiwillige Selbstkontrolle. Und natürlich die legendäre Carol Kaye, die in der kalifornischen Session-Band Wrecking Crew spielte und im Nancy-Sinatra-Hit "These Boots Are Made For Walking" zu hören ist. In diese Reihe der Großen Bassistinnen stellt sich nun Laura Lee Ochoa von Khruangbin, und zwar weit nach vorne.

Wer braucht denn da noch einen Sommerurlaub in weiter Ferne, wenn ein Album schon so herrlich entspannt klingt?

Auf Instagram schrieb sie vor einigen Tagen: "Ich habe die vergangenen Jahre meines Lebens dem Wunsch gewidmet, etwas zu machen, das die Menschen zusammenbringt in einer Welt, die sich so leicht spalten lässt. Musik war immer ein Ausweg für mich, zu einem anderen Ort, zu einer anderen Welt, in der wir alle zusammenstehen und dasselbe fühlen können." Das klingt fast wie eine Apologie des Eskapismus. Dessen macht man sich ja heute schnell verdächtig, wenn man sich mal nicht explizit politisch äußern will oder vielleicht die nächste Unteilbar-Demo auslässt, und stattdessen eine Comfort-Listening-Playlist auf Spotify streamt. Wobei wie immer die Frage lautet, wer denn so etwas tut. Anders formuliert: Die Frage nach der Identität, sie kommt auch bei Khruangbin mit hinein. Würde eine Band, die nur aus drei weißen dudes besteht, sich einen Thai-Namen geben und vom Eskapismus schwärmen, wäre sehr schnell der Vorwurf der kulturellen Aneignung und des mangelnden Bewusstseins für die eigenen weißen Privilegien da. Khruangbin bestehen aus einem schwarzen Drummer, einem weißen Gitarristen in Perücke und einer Bassistin in Perücke mit lateinamerikanischen Wurzeln. Das Trio feiert die Diversität. In seiner Musik erst recht.

Auf "Mordechai" kann man sich von der easy rumpelnden Synkopierung der Basslinie im Song "So We Don't Forget" das Becken anschubsen lassen und dem Gedanken nachhängen, dass diese Basslinie fast ein wenig klingt wie die aus Bill Withers' ewigem Stimmungsretter "Lovely Day". Herrlich. Oder "Pelota": In dem auf Spanisch gesungenen Song kann man dem Flamenco-artigen Klatschen folgen und sich überlegen, ob "Pelota" wohl "Pilotin" heißt (falsch, es heißt Ball; die Pilotin ist "la piloto"). Ja, Khruangbin singen diesmal mehr als auf früheren Alben, sie summen und sie hauchen nicht nur, sondern formulieren auf "Mordechai" auch ganze Sätze - aber das ist kein Problem, die Sätze deuten eigentlich nur an oder sind so vernuschelt gesungen, dass man fast nichts versteht. Im Großen und Ganzen geben sie keine Geschichten vor, was eben bedeutet, dass sie dem individuellem Trip der Hörerin oder des Hörers nicht im Weg stehen.

"Champagne" lautet das allererste, lasziv gehauchte Wort im ultra-geschmeidigen Eröffnungs-Track "First Class". Das letzte lautet "Shida", im gleichnamigen letzten Song des Albums. Der klingt, als sei er träge aus dem Flirren einer Fata Morgana heraus gespielt. Shida kann ein japanischer Familienname sein, oder ein ebenso schöner persischer Mädchenname, oder ein Kaff am Baikalsee im russischen Oblast Irkutsk. Was meinen Khruangbin? Es soll natürlich offen bleiben. Denn der Trip soll sich zwischen den Ohren abspielen. Wer braucht denn da noch einen Sommerurlaub in weiter Ferne, wenn ein Album schon so herrlich entspannt klingt?

© SZ vom 27.06.2020/tmh

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