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Karoline Georges' Roman "Totalbeton":Das ultimative Bauwerk

In Georges' Roman "Totalbeton" ist der Mensch nur die Summe seiner Zellen: Banlieue in Lyon.

(Foto: Jean-Philippe Ksiazek/AFP)

In Karoline Georges' dystopischem Roman "Totalbeton" befreit sich ein Kind aus seiner Unmündigkeit.

Von Christiane Lutz

Das Kind lebt in der 5969. Etage, Einheit 804, eingeschlossen mit Mutter und Vater. Ihm einen Namen zu geben, finden die Eltern nicht notwendig. Es hat schließlich eine Nummer, die täglich aufgerufen wird und seine Existenz bestätigt. Alles am Gebäude ist aus Beton, "Beton, tief in die Lithosphäre eingelassen, bis hoch in die Stratosphäre hinauf", glatte Wände, bis auf ein paar dunkle Flecken im Zimmer der Familie. Ein Hinaus aus diesem Gebäude gibt es nicht, nicht mal ein Hinauswollen. Denn draußen, heißt es, herrsche Chaos. Dort sind die Ausgestoßenen und eine zerstörte Welt.

Es ist ein stockfinsteres, bemerkenswertes Buch, das die kanadische Künstlerin und Autorin Karoline Georges bereits 2011 geschrieben hat. "Totalbeton" heißt es, jetzt auf Deutsch erschienen im Secession-Verlag, übersetzt von Frank Heibert. Eine philosophische Dystopie des Überlebens um des Überlebens willen. Georges erzählt von einer Gesellschaft, der alles abhandengekommen ist, was einst zutiefst in die menschliche Existenz geschrieben schien: der Drang nach Freiheit, nach Selbsterkenntnis, der Wunsch nach Liebe.

"Die Empfindung, ein Innenleben zu haben, ist der Überrest einer barbarischen Geistesanomalie", hämmert die Mutter dem geschlechtslosen Kind ein. Mit Medikamenten werden die Bewohner "immobilisiert" und zu depressiven Ausharrenden gemacht. Innerhalb der Zelle flippt der Vater aus, die Mutter weint, die Geschwisterkinder haben die Eltern umgebracht.

Darüber schweigt man. Hauptsache, die Qualität ihres "biologischen Zustands" stimmt. Der Mensch ist nur die Summe seiner Zellen. "Man wurde geboren, um den Unterhalt des Gebäudes zu sichern und jeder lernte, es dem Vater und der Mutter gleichzutun, zu denken wie sie." Als Erwachsener kann man offizielle Funktionen erfüllen, Bestätigungscodes verteilen zum Beispiel. Codebestätigungen erstellen. Am Ende einer Existenz kommt die "Verfaulung", weiß das Kind, der Ich-Erzähler der Geschichte.

Was soll noch kommen, wenn die Welt erkundet und erfühlt ist?

Was aber ist das Leben, wenn man alle Sinneseindrücke und jeglichen Willen lähmt? Wenn man Georges folgt, nicht mehr als ein biochemischer Vorgang. Eine albtraumhafte, beklemmende Vorstellung. "Sous béton", lautet der Titel im französischen Original, also "unter Beton", passend zum Gefühl des klaustrophoben Begrabenseins. Bis dahin könnte man "Totalbeton" als Kapitalismus-Analogie lesen: Funktionierenmüssen in einem System, möglichst gesund bleiben, um weiter arbeiten zu können. Wer nicht mitmacht, fliegt raus.

Doch für Karoline Georges ist das Gebäude, stets in Großbuchstaben geschrieben, ein logischer Evolutionsschritt. Denn was soll kommen, nachdem die Menschen "sagen oder denken könnten, was sie wollten, egal was egal wie egal wann"? Nachdem sie die Welt erkundet, alles gefühlt, und die maximale Entscheidungsfreiheit erreicht haben? Die Menschen, erzählt man sich im Gebäude, hätten die unendlichen Möglichkeiten einst in eine derart heillose Verzweiflung gestürzt, "dass alles explodierte."

Also kam das ultimative Bauwerk einer Gesellschaft, die nicht mehr auf der Erde leben kann. Es schützt seine Bewohner vor Krankheiten, Krisen und Möglichkeiten, indem es all das eliminiert. Auf maximale Freiheit folgt also die maximale Reduktion. Auch wenn es sich Georges mit dieser Schlussfolgerung etwas einfach macht, ganz absurd ist sie nicht. Der freie Wille macht viel Ärger, da hat sie recht. Das sieht man nicht zuletzt an der sehr emotionalen Reaktion vieler Menschen auf die vorübergehende Einschränkung ihrer Freiheiten in dieser seltsamen, pandemischen Gegenwart.

Die Gegenwart ist hier keine Strafe für die Fehler der Vergangenheit

"Totalbeton" erinnert in seiner Düsternis, die in einer Pandemie plötzlich gar nicht mehr vollkommen abwegig scheint, an Endzeit-Romane wie Cormac McCarthys "Die Straße" oder Juli Zehs "Corpus Delicti". Karoline Georges aber bewertet den alten wie den neuen Zustand nicht moralisch. Die Gegenwart scheint keine Strafe für Fehler der Vergangenheit, kein "das habt ihr jetzt davon", viel mehr die logische Konsequenz.

Sie schreibt in kurzen rhythmischen Sätzen, poetisch zwischendurch und wenig umgangssprachlich. Sie erfindet allerlei sterile Begriffe wie "Gedankeninfektionen", "Abstumpfungsmittel", "Entkeimungssystem". Essen ist ein "Nährmittel", jeder Sinnlichkeit beraubt. Das wirkt so desinfiziert, dass das Wort "Wolke", als es schließlich auftaucht, schon eine ungeahnte Leichtigkeit verschafft. Diese Wolke sieht das Kind irgendwann.

Karoline Georges: Totalbeton. Aus dem Französischen von Frank Heibert. Secession Verlag, Zürich 2020. 140 Seiten, 22 Euro.

Denn es wartet auf einen Riss im perfekten Beton, der etwas herein- oder hinauslässt. "There's a crack in everything, that's how the light gets in", nennt das Leonard Cohen. Doch so ein Riss, meint der Vater, sei ein äußerst unwahrscheinliches Ereignis. So formt sich im Kind die unvorhergesehene Frage "Weshalb?". Es formuliert das Wort mit aller Kraft gegen die Betonschwere an, jeden Buchstaben wie aus einem tiefen See bergend. Weshalb? Wer einmal anfängt, diese Frage zu stellen, findet keine Ruhe mehr.

Aus einer Dystopie kann es kein utopisches Entkommen geben

In dieser Mikro-Revolution des Kindes liegt der ganze Zauber dieses schmalen Buchs. In der Auflehnung der kindlichen Seele gegen das brutale Gewicht des Beton-Gefängnisses manifestiert sich das unbedingt Menschliche: die Suche nach Selbsterkenntnis. Nach Sinn. Wie eine dieser Blumen, die sich weiß der Himmel wie durch meterdicken Asphalt ans Licht zwängen, strebt das Kind nun nach einer Antwort - und schließlich nach draußen.

Dass eine Flucht aus dem Gebäude nach einem verzweifelten Versuch voll grauenhafter Erkenntnisse nicht möglich sein wird, ist beinahe egal. Welche bessere Welt sollte das Kind draußen auch vorfinden? Aus einer Dystopie kann es kein utopisches Entkommen geben. Dem Kind bleibt schließlich nur der Übertritt in einen transzendentalen Zustand.

Die Kraft des Romans liegt in der Formulierung eines eigenen Willens. In der Eroberung dieses ungekannten Gefühls, das mit allen Mitteln betäubt wurde. Der Mensch will sich spüren und sinnliche Erfahrungen machen, und er sehnt sich sogar dann danach, wenn er nicht mal weiß, dass es das alles gibt. Millionen Tonnen Stein verhindern das nicht. So ist "Totalbeton" ein Buch des menschlichen Albtraums und eines der absoluten Hoffnung.

© SZ/fxs
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