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Karl May zum 100. Todestag:So träumt ein Knabe

Größenwahn, Groll und Selbstmitleid: Wer heute die besten Stellen in den Büchern Karl Mays nachliest, erkennt die Begabung des Autors, aber auch ihre wesenhafte Unreife. Sie war geprägt von der Heimat Mays, die als Deutsches Reich ihre Rolle in der Welt noch nicht gefunden hatte.

An seinem heutigen hundertsten Todestag ist Karl May präsenter denn je. Befriedigt und nur mit dem allernötigsten Maß an Ironie getarnt, wird ein Triumph gefeiert, wie ihn so kein anderer deutscher Autor erlebt hat: ein doppelter nämlich. Nicht nur gelang es May zu Lebzeiten, aus der bitteren Armut des Webersohns im sächsischen Ernstthal zum umjubelten Mann des Erfolgs aufzusteigen; sondern er ist in den letzten Jahrzehnten, lang nach seinem Tod, aus den Niederungen des Trivialen, wo er einst hinzugehören schien, erlöst und zur Ehre der literarischen Altäre erhoben worden, ein Werk, das Arno Schmidt begann und das nunmehr als abgeschlossen gelten darf.

Karl May als Kara Ben Nemsi: Mit dem Bösewicht pflegte der Held einen zeilenweise abwechselnden Dialog wie Kreon und Antigone.

(Foto: Karl May Gesellschaft)

So erging es ihm wie der deutschen Nation zu und nach seinen Lebzeiten überhaupt: Als armer Nachzügler in Europa fing sie an, verdammt, nur zu träumen, was die anderen taten; mit den Ellenbogen verschaffte sie sich ihren Platz in der Welt; stürzte mit ihrem unverschämt ehrgeizigen Aufholprogramm ab; berappelte sich aber wieder, indem sie sozusagen das Register wechselte, um als ökonomischer Gigant dort zu wirken, wo die imperialen Mittel versagt hatten. (Karl May selbst freilich starb in Verbitterung; die zweite Karriere war seinem Werk erst postum beschieden.) Elende Ursprünge, Größenwahn, Erniedrigung, Groll und Selbstmitleid, schließlich Stabilisierung auf relativ hohem Niveau: Das ist das Zwillingsschicksal Deutschlands und seines schlechthin repräsentativen Autors.

Weil das so ist und weil, wer sich über Karl May äußert, immer auch mehr oder weniger bewusst ein Statement über die deutsche Nation und Gesellschaft der letzten anderthalb Jahrhunderte abgibt, glaube man den beliebten Rettungen Karl Mays nicht aufs Wort, sondern schaue mit eigenen Augen hin. Selbstverständlich sollte man die besten Stellen seiner Bücher wählen, denn an ihnen gemessen zu werden, hat jeder Schriftsteller das Recht.

Man könnte dazu ein Stück aus seiner Lebensbeschreibung nehmen, zum Beispiel jene Passage, wo die hungrige Familie aus den Blättern der Melde, eines Unkrauts, eine erbärmliche Suppe kocht. Ob das so stimmt? Die Blätter der Melde mit ihrer fettigen Anmutung, ekelhaft sonst, aber unter solchen Umständen unwiderstehlich, kennt May jedenfalls genau.

Oder man könnte sich für das zwölfte Kapitel von "Durchs wilde Kurdistan" entscheiden, wo die Schläue Kara Ben Nemsis und eines kurdischen Dorfältesten, des "Malkoegund", einander umkreisen. Der Malkoegund will Pferd und Waffen des Fremden an sich bringen, ohne das heilige Recht der Gastfreundschaft zu verletzten; Kara Ben Nemsi will Waffen und Pferd behalten, ohne der Blutrache zu verfallen. Sie pflegen fast zeilenweise abwechselnden Dialog, wie Kreon und Antigone; und obwohl der Malkoegund sich natürlich als abgefeimter Schuft und Lügner erweist, den der Held nicht mit Gewalt, sondern nur mit Worten in die Enge treibt, lässt der Autor ihn gerade in solcher Bedrängnis zu schuftiger Höchstform auflaufen.

Ein Puzzle - episch aber doch behende vorgestellt

Doch soll der Blick hier auf dem Anfang vom "Schatz im Silbersee" verweilen. Er zeigt, wie May zu exponieren versteht; wie er Ort, Personal und Konstellationen in epischer Gemächlichkeit und doch ziemlich behende vorstellt; wie er sozusagen ein Instrument nach dem anderen einführt und wie er, als nun alles beieinander ist und der Leser sich auf den großen Einsatz des Orchesters vorbereitet, das Ganze mit einem Paukenschlag herumwirft.

Die Szene spielt auf dem Schaufelraddampfer Dogfish, der in größter Mittagshitze auf dem Arkansas entlangdümpelt; der Ton ist so auf eine gewisse Trägheit gestimmt. Vor dieser Folie hebt sich das Folgende umso schärfer ab. Es tritt der "Cornel" auf, der sich - rotes Haar, lang und hager, glattrasiertes, scharf und spitz gezeichnetes Gesicht - sogleich als Unruhestifter offenbart; ihn umringt eine Gefolgschaft zerlumpter Tunichtgute.

Wie der Steuermann zum Kapitän bemerkt (diese zwei kommen nun ins Bild), sind es Boys von der Art, wie man sie nicht gern in der Nähe hat. "Hoffentlich halten sie wenigstens hier an Bord Ruhe." Wer diese Hoffnung ausgesprochen hört, weiß, dass sie vereitelt wird. Dies bereitet die Ankunft eines hünenhaften Menschen vor mit fast kahl gewordener Biberpelzmütze und wildem schwarzem Bart, der fast das ganze Gesicht bedeckt. Er erblickt den Cornel und äußert: "Behold! Wenn das nicht der rote Brinkley ist, so will ich geräuchert und mit der Schale aufgefressen werden!"

Die ersten Teile des Puzzles klicken ineinander. Der Rote lädt den Schwarzen zu einem Drink ein, eine Aufforderung, die zurückzuweisen im Westen als tödliche Kränkung gilt. Der Konflikt scheint unausweichlich; aber das Crescendo schwillt wieder ab, denn der Schwarze ist klug genug, den Drink zu akzeptieren.

So hält der rote Cornel nach einem anderen Opfer Ausschau und findet es in einem Indianer, der sich mit seinem halbwüchsigen Sohn auch an Bord befindet. Einen Indianer darf man ungescheuter beleidigen als Westmänner; eine Ohrfeige antwortet seiner Weigerung, der Sohn scheint blitzschnell nach einer Waffe greifen zu wollen, ein Blick des Vaters lässt ihn innehalten, beide sind ruhig - eine Ruhe, die erkennbar Unheil birgt.

Die entscheidende Szene fährt nieder als Blitz und Schuss

Wieder ist der Konflikt ausgesetzt, doch bleibt eine deutlich höhere Restspannung. Vor einem zweiten Schlag duckt sich der Indianer, der Hieb trifft einen großen Holzkasten, aus dem ertönt dumpfes Brüllen, ein tiefer verhaltener Laut. Das zwingt einen weiteren Akteur auf die Bühne, den Eigner des Kastens, einen Menagerie-Direktor, der zugeben muss, dass er hierin insgeheim einen riesigen schwarzen Panther transportiert.

Themenpaket Karl May

Der Anfang von "Der Schatz im Silbersee" zeigt, wie Karl May es versteht zu exponieren. Wie er Ort, Personal und Konstellationen in epischer Gemächlichkeit und doch ziemlich behende vorstellt. (Im Bild v. l. Lex Barker, Pierre Brice und Ralf Wolter in der Verfilmung des gleichnamigen Romans).

(Foto: dpa)

Der schwarze Panther bleibt einstweilen untätig, doch er muss Konsequenzen haben. Bevor es so weit ist, erscheint eine Figur, die den schon riesenhaften Schwarzen noch überragt. "Er war ganz gewiss kein Stubenmensch, denn sein Gesicht war von der Sonne braungebrannt; seine männlich schönen Züge besaßen einen kühnen Schnitt, und seine blauen Augen hatten jenen eigentümlichen, nicht zu beschreibenden Blick, durch welchen sich Menschen auszeichnen, welche auf großen Flächen leben, wo der Horizont kein eng begrenzter ist, also Seeleute, Wüstenbewohner und Prairiemänner".

Auch ihm will der Cornel einen Drink aufnötigen; der Leser weiß: Der zweimal aufgeschobene Konflikt muss beim dritten Mal ausbrechen. Der Cornel bereut es bald, den Riesen mit dem Messer angegriffen zu haben, denn ein Schuss aus dessen Pistole zerschmettert ihm die Hand. Die Anhänger des Cornels wollen sich auf ihn stürzen, da gibt er seinen West-Namen preis: Old Firehand! Der Name hemmt sie mit urplötzlicher Macht.

Währenddessen ist im Hintergrund der andere Strang der Handlung angewachsen. Die Passagiere sind nur zu gern bereit, Eintritt für eine kleine Tierschau zu zahlen und Wetten darauf abzuschließen, ob der Wärter des Panthers, wenn er in den Käfig steigt, ohne Schaden wieder herauskommt. Aber es gibt einen Augenblick, in dem er beide Hände braucht, um die Tür zu öffnen, und die Peitsche zwischen die Zähne klemmt.

"Als der Panther das Geräusch des Gitters hörte, drehte er sich um. Eben schob der Bändiger den gesenkten Kopf herein - eine geradezu gedankenschnelle Bewegung des Raubtiers, ein blitzähnliches Aufzucken, und es hatte den Kopf, aus dessen Mund der Totschläger fiel, im Rachen und zerkrachte ihn mit einem einzigen Bisse in Splitter und zu Brei."

Das wird, obwohl der Satz nicht kurz ist, dank des federnden Satzbaus so rasch mitgeteilt, wie die Sache selbst geschieht. Mit gehörigem Aufwand hat May auf diese Stelle hingearbeitet; nun fährt sie nieder als Blitz und Schluss. Da der erschrockene, überrumpelte Leser nicht mit solcher Geschwindigkeit abspannen kann, wird ihm noch eine letzte Runde gegönnt, die der entwichene Panther auf Deck dreht, zum Schrecken besonders der Damen, ehe die Bestie ihr Ende durch einen Schuss erleidet.

Die Deutschen - die hühnenhaften Westmänner

Das wird mit unerhörter Effizienz erzählt, der man seine Bewunderung nicht versagen kann. Aber es bleibt ein Missgefühl dabei zurück. Hat der Cornel, hat der Panther je die mindeste echte Chance gegen seine Feinde? Wild und bös erscheinen sie, bedrohlich den anderen Menschen an Bord; und doch verfügen sie nur über die gebrechlichste Ausrüstung, ein paar kräftige Zähne, ein Messerlein, mit der sie den Helden und ihren Schusswaffen nicht das Wasser reichen können. Verdammt zum Losgehen, müssen sie doch unterliegen, während ihren Gegnern beides zuerkannt wird, das gute Gewissen undder Sieg.

Doch endlich bemächtigt sich des Lesers noch ein drittes Gefühl: nämlich die Erheiterung, als sich herausstellt, dass beide hünenhafte Westmänner - Deutsche sind! Bürger jenes Staates also, der damals gerade erst zu sich selbst gefunden hatte und seinen Platz an der Sonne ertrotzte. Auf welch naiv geradlinigen Pfaden wandelt hier die Wunscherfüllung!

Aber harmlos sind sie nicht, auch wenn die realen Kräfte nicht langen und sich darum vorerst im Phantastischen austoben. Man erkennt die entschiedene Begabung des Autors, aber auch ihre wesenhafte Unreife. Als Old Firehand provoziert wird, kommt in seiner Selbstverteidigung die überwältigende Überlegenheit zum Zuge.

So träumt ein Knabe. In Wirklichkeit verhielt es sich genau andersherum; der faktische Ort der Leser, die sich nur allzu gern mit ihren heldischen Landsleuten identifizierten, war da, wo sie sich um keinen Preis finden wollten, auf der in jeder Hinsicht schlecht abschneidenden Gegenseite. Zwei Jahre nach Mays Tod begann das Deutsche Reich die Reihe seiner Angriffskriege, für die es nicht gerüstet war.