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Kammerspiele:Leerstellen der Geschichte

1500 Tonbänder hat Oliver Zahn zu einer Skulptur gestapelt - und lässt viele Stimmen hören.

(Foto: Martina Missel (Satelliten))

Oliver Zahns "Lob des Vergessens" als berührende, essayistische Performance

Vergessen darf kaum je ein wertfreier Vorgang sein. Auf der einen Seite steht die berechtigte Angst und Warnung vor dem Vergessen, im privaten wie auch im öffentlichen Bereich: wenn etwa vor dem Hintergrund nationalsozialistischer Verbrechen ein Vergessen als Aberkennen von Schuld verstanden werden könnte. Auf der anderen Seite steht die Forderung eines Lebens im Hier und Jetzt, zu dem auch das Vergessen gehört; nur so wird ein Leben frei von Hass und Rache möglich, ohne endloses Fortsetzen der Vergangenheit in der Zukunft. Um nur kurz das weite Spannungsfeld zu umreißen, in dem das Vergessen steht. Denn dort hinein setzt Oliver Zahn seine beeindruckende, berührende essayistische Performance "Lob des Vergessens", die am Wochenende in den Kammerspielen zu sehen war.

Auf der einen Seite steht der 1989 geborene Vertreter einer dritten Generation, die kaum mehr etwas weiß von Flucht und Gewalt, die die Generation der Großeltern erlebt hat, als sie aus Schlesien oder Böhmen vertrieben wurde. Auf der anderen Seite steht das ethnografische Tonarchiv des "Instituts für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa", das die Geschichte von Flucht und Vertreibung in Form von Liedern und Erzählungen von Zeitzeugen bewahren soll. Zahn hat es aufgestapelt zu einem Turm, zu einer Skulptur. 1500 Tonbänder, das gesammelte Vermächtnis hunderter Menschen, hunderter Stimmen. Ein Archiv, das riecht nach "Räumen, die nur selten betreten werden", wie Zahn sagt. Er steht diesem Archiv gegenüber als ein Nachfahre, dessen Gedächtnis an dieser Stelle beinahe leer ist, der lebendige Erfolg sozialer Vergessenheitsstrategien.

Er hat sich diesem Gedächtnis gestellt. Um, wie er sagt, "zu verstehen, wie diese Leerstelle entstanden ist". Klug und feinsinnig tritt er in einen Dialog mit diesem Archiv: "Ich fragte das Archiv...", "und es antwortete...". Nach und nach spuckt es seine Erinnerungen aus. Auf den schwarzen Boden fallen Länder aus Licht; jener östlichen Länder, in denen einmal Menschen lebten, die sich als Deutsche begriffen. Die Länder werden sichtbar und bekommen einen Namen, wenn Zahn ihnen eine Stimme gibt, indem er ein Tonband in sie hineinlegt. Zu hören sind dann die archivierten Stimmen, die eine Odyssee erlittener Gewalt erlebbar machen.

Auf die Flucht folgt die westdeutsche Verachtung für die neuen Nachbarn aus dem Osten. "Keiner mag den Flüchtling leiden, jeder wünscht ihn wieder fort", klingt es aus einem Tonband. Worte, die erschreckend nah an der heutigen Zeit sind. Wie gelang es damals, Millionen von Menschen zu integrieren? Auf diese Frage findet Zahn keine Antwort. "Im Vergessen wird zur Ruhe gelegt, was der Zukunft im Weg steht", sagt er. Dann bringt er jenen Turm der Erinnerung, jenes archivierte Gedächtnis zum Einsturz.