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"Meine Nacht im Picasso-Museum" von Kamel Daoud:Der nackte Robinson

Kamel Daoud

Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud

(Foto: Gamma-Rapho via Getty Images)

Der Blick des algerischen Schriftstellers Kamel Daoud will immer auch zugleich der arabische sein. In seinem neuen Buch richtet er ihn jetzt auf die Gemälde Pablo Picassos.

Von Joseph Hanimann

Eine Nacht kann lang werden. Das sagte sich auch der Schriftsteller Kamel Daoud, als er die Einladung bekam, eine Nacht allein im Pariser Musée Picasso zu verbringen. Ein "Araber" ganz allein im Museum? Das hätte eine spannende Geschichte abgeben können von der Art: Ein Dschihadist versteckt sich in den Toiletten und trifft das Abendland dann im Herzen, indem er nachts dessen wertvollste Kunstschätze zerstört. Der Algerier Daoud, der 2013 mit seinem Roman "Der Fall Meursault" bekannt wurde, beschloss stattdessen, in dieser Nacht über sein eigenes Verhältnis zur Welt der Bilder nachzudenken, und stellt die das Abendland umtreibende Frage: Warum ist man in meiner Kultur so wütend auf Bilder?

Die Nacht kann lang werden, auch für den Leser. Angesichts der geballten Körperlichkeit von Picassos Malerei und speziell der während seinem Museumsaufenthalt gerade laufenden Ausstellung "Picasso 1932 - das erotische Jahr" begibt sich der Autor auf den Weg einer anthropologischen, kultur- und religionsgeschichtlichen, psychoanalytischen, Mentalitäten vergleichenden Reflexion und stellt das Thema der Erotik in den Zusammenhang eines Nachstellens, Vertilgens, Einverleibens. "Erotik ist ein Jagdritual", lautet die Eingangsthese. Manches wirkt umständlich und etwas verstiegen in diesem Text. Ein bisschen weniger vollmundige Ausmalung - "der Wunsch von vielen ist die unendliche Frau - die Frau, deren Körper sich endlos durchstreifen lässt, in dem man vom Sich-Vergraben träumend versinkt" - hätte auch gereicht. Das Buch liefert aber zahlreiche Denkanstöße.

Besonders irritiert den Schriftsteller die radikale Nacktheit

Es beginnt schon auf dem Weg ins Museum. Paris sei für den, der aus dem Süden kommt, ein Paradies, schreibt der Autor. Traumhafte Brüste und Körper in Schaufenstern, auf Plakaten und auf der Straße. Es seien jedoch Verlockungen, die sich dem Fremden aus Nordafrika sofort verweigern, aus Argwohn ihm gegenüber, wegen seines Andersseins oder seiner Armut. Verheißungen, die ihm gleichzeitig sein Recht auf Genuss, auf sein Geschlecht, ja seinen Körper rauben.

Was den in der muslimisch-algerischen Dorftradition aufgewachsenen Schriftsteller in der einsamen Museumsnacht besonders irritiert, ist die radikale Nacktheit von Picassos Figuren. Selbst deren allfällige Bekleidung kommt ihm verfleischlicht vor. Sein erster prägender Eindruck von Paris, schreibt Daoud, sei nicht der Eiffelturm gewesen, sondern der Anblick eines am Metroeingang offen und lustvoll sich küssenden Paars.

Um seine Überlegungen aber nicht ins anekdotisch Persönliche abgleiten zu lassen, erfindet der Autor für jene Nacht an seiner Seite eine zusätzliche Figur namens Abdellah. Sie hat keine besondere Herkunft, keine Geschichte und kein eigenes Profil, sondern ist einfach ein Kind der Kalligrafien wie der Autor selber. In sie projiziert er all seine potenziellen Anflüge von Verlegenheit, Verstörung oder eventueller Aggression gegenüber dem grenzenlosen Drang der abendländischen Kultur nach Offenlegung und totaler Entblößung. An dieser Stelle kommen Daouds Überlegungen in Fahrt. Was ist da passiert, fragt er, dass statt des Europäers nunmehr der "Andere", Fremde, vom Anblick der Nacktheit in Verlegenheit gerät? Dass nicht mehr Robinson den nackten Freitag, sondern dieser schamhaft den Zivilisierten in Kleider hüllen möchte?

Eher als minutiöse Bildbeschreibungen bietet dieses Buch Assoziationen, Hypothesen, Spekulationen allgemeiner Art, die aus der Betrachtung einzelner Gemälde entspringen. Vor dem Bild "Liegender Frauenakt" hebt der Autor zu einer Gegenüberstellung von Picasso und seinem Mitbetrachter Abdellah an. Was der Künstler 1932 malend und real an der Frau - seinem damaliges Modell Marie-Thérèse - vollzogen habe, "Vergewaltigung", glaube auch Abdellah tun zu können, allerdings kunstlos und hilflos. In seiner Verstörung über so viel Laszivität habe dieser keinen anderen kulturellen Deutungsschlüssel als die rudimentäre landläufige Theo-Fiktion, das müsse gesühnt, die Schande verhüllt werden, und sei es mit dem Tod durch einen kollektiven Selbstmord.

Daoud neigt dazu, die Kulturen zu essenzialisieren

"Über meinen Körper hinweg", schreibt Daoud, werde Abdellah mit geschlossenen Augen in sein Paradies marschieren, wo die "Huris", die Jungfrauen, auf ihn warten. Den abendländischen Erzählungsablauf, wonach der Liebende erst nach zahlreichen Prüfungen zur Frau gelangt, habe Abdellah in seiner Pathologie umgedreht: Der Tod kommt vor dem Sex, der Opfermord vor dem Orgasmus, das Gekochte verschlingt das Rohe. Oder so ähnlich, möchte man bisweilen sagen. Manches wirkt in diesem anregenden Buch begrifflich etwas lose gestrickt.

Ohne Hinweise auf einschlägige Studien und praktisch ohne Zitate anderer Autoren, abgesehen von Defoes "Robinson Crusoe" und dessen Fortschreibung bei Michel Tournier, extemporiert Daoud bei den nächtlichen Gängen durchs Picasso-Museum über die abendländische Bilderfreude. Er wundert sich über deren Kunst, selbst den Stein in Architektur und Skulptur als Spiegel des Körpers zu bearbeiten, wo die islamisch-arabische ihn entsprechend des heiligen schwarzen Steins in Mekka eher als Spiegel des Himmels sieht. Er meditiert über den übervölkerten Himmel europäischer Kirchen gegenüber der Leere in den Moscheen, Abbild der Wüste. Er wirft die Frage auf, ob die Institution Museum, mit ihrer bunten Vielfalt an Objekten das "Gegenteil eines heiligen Buches", in den "arabisch" genannten Ländern überhaupt möglich sei.

Lauter spannende Überlegungen, die allerdings dazu neigen, die Kulturen zu essenzialisieren. Daoud scheut sich nicht, offen als ein "Okzidentalist" aufzutreten, in Anspielung auf den von Edward Said kritisierten Orientalisten - eine Spiegelperspektive, die seit "Der Fall Meursault" in seinem Werk angelegt ist. Doch auch wenn man als Leser ihm nicht auf allen Umwegen durch die Museumssäle folgt, bleibt im Buch immer noch eine reichliche Fülle aufschlussreicher Betrachtungen. Und die Übersetzerin hat den komplizierten, mitunter raunenden Text sorgfältig in eine solide deutsche Fassung gebracht.

Kamel Daoud: Meine Nacht im Picasso-Museum. Über Erotik und Tabus in der Kunst, in der Religion und in der Wirklichkeit. Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2020. 170 Seiten. 20, Euro.

© SZ vom 30.09.2020
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