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Science Fiction:Im Stickstofftank der Ewigkeit

Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe. Roman. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2019. 432 Seiten, 22 Euro.

Dieser Text will sich seines Autors augenscheinlich entledigen: Hendrik Otremba erzählt in seinem Roman "Kachelbads Erbe" von Anhängern der Kryonik, die sich für ein späteres Leben einfrieren lassen.

Von Luise Checchin

Wie trauert man um einen Menschen, der nicht mehr lebt, aber auch nicht richtig gestorben ist? Für Anhänger der Kryonik, der Lehre von der Konservierung des Lebens nach dem Tod, dürfte das eine durchaus konkrete Frage sein. Etwa 250 Personen sollen bisher weltweit ihre Körper oder Teile davon einfrieren haben lassen, um sie in einer fernen Zukunft wiederzubeleben. Hendrik Otremba, dessen zweiter Roman in diesem kryonischen Milieu angesiedelt ist, hat auf die Frage nach der Trauer eine bedrückende Antwort. Der Schmerz der Hinterbliebenen wird in "Kachelbads Erbe" genauso konserviert wie die Körper ihrer Lieben. Wie will man auch den Verlust eines Menschen verarbeiten, wenn doch die Möglichkeit besteht, dass er eines Tages zurückkehren könnte?

"Kachelbads Erbe", das zeigt schon dieses Detail, interessiert sich weniger für die Zukunft als für die Gegenwart, aus der heraus die Zukunft erdacht wird. Wobei die Gegenwart des Romans wiederum die Vergangenheit ist, denn die größten Teile von "Kachelbads Erbe" spielen in den Achtzigerjahren. In einer unscheinbaren Lagerhalle in einem Industriegebiet von Los Angeles bewahrt das Unternehmen "Exit U.S." in riesigen Stickstofftanks Menschen auf, die eingefroren auf ein zweites Leben warten. Neben dem etwas fanatischen Direktor Lee Won-Hong besteht das Unternehmen, das in einem Graubereich der Legalität operiert, vornehmlich aus dem titelgebenden H. G. Kachelbad.

Ein deutscher Emigrant, über den man nicht viel mehr erfährt, als dass er introvertiert, menschenfreundlich und pflichtbewusst ist. Um die letzten fünf von "Exit U.S." konservierten Menschen - denn im Jahr 1987 kommt das Einfriergeschäft zu einem plötzlichen Halt - kreist nun "Kachelbads Erbe".

Hendrik Otremba, geboren 1984 in Recklinghausen, der auch als bildender Künstler und Sänger der Band "Messer" tätig ist, hat seinen Roman als eine Sammlung heterogener Perspektiven, Formen und Zeitebenen angelegt. Da wären etwa die Erinnerungen der ehemaligen "U.S.-Exit"-Mitarbeiterin Rosary, die von Kachelbad protokollierten Lebensgeschichten der einigermaßen wundersamen "kalten Mieter" aus Tank C87, Erzählpassagen aus der Sicht Kachelbads oder das Tagebuch von Kachelbads Geliebtem.

Das Fantastische ist nur einen winzigen Schritt von der Realität entfernt und diese Nähe macht es beunruhigend

Die Achtziger- gehen in die Fünfzigerjahre über, springen in eine postapokalyptische Zukunft und wieder zurück. Auch das Medium Text sprengt Otremba, der Roman ist durchzogen von unscharfen Schwarz-Weiß-Fotografien. Diese brüchige Form will sich ihres Autors augenscheinlich entledigen. Immer wieder wird über die Parallelen zwischen der Kryonik und dem Schreiben reflektiert. Auch der Schreibende, so der Gedanke, konserviert durch seinen Text schließlich etwas und macht sich selbst damit überflüssig. Auf Roland Barthes und seinen "Tod des Autors" gibt es einige Anspielungen.

Gleichzeitig entsteht durch die fragmentarische Form der Eindruck des Dokumentarischen, obwohl es in "Kachelbads Erbe" von fantastischen Elementen nur so wimmelt. Es gibt Menschen, die nach Belieben verschwinden können und andere, die ungewollt als Unsichtbare leben müssen. Es gibt Gesteinsmassen mit wundersamen Zauberkräften und rätselhafte Wesen aus anderen Sphären.

Doch Otremba flicht das Übernatürliche so beiläufig in die Wirklichkeit ein, dass es kaum auffällt. Die Fähigkeit zu verschwinden etwa beruht bei seinen Figuren auf einer Art Mimikry-Methode, die man sich, eine gewisse Begabung vorausgesetzt, ziemlich einfach antrainieren kann. Ganz ähnlich scheint auch die Sprache dieses Romans vorzugehen, die um eine lakonische Sachlichkeit bemüht ist. Der Effekt, der so entsteht, erinnert an den Ansatz der Science-Fiction-Serie "Black Mirror". Das Fantastische ist dort immer nur einen winzigen Schritt von der alltäglichen Realität entfernt und gerade diese Nähe macht es so beunruhigend.

Die formalen Ambitionen haben freilich auch ihre Nebenwirkungen. So kunstvoll Otremba die Versatzstücke seines Romans auch arrangiert, so virtuos er die Perspektiven wechselt, so spröde liest sich "Kachelbads Erbe" doch streckenweise. Es dauert lange, bis die Figuren so fassbar sind, dass man sich wirklich für sie interessiert, schließlich werden ihre Innenleben größtenteils ausgespart. Und die Informationsbruchstücke der verschiedenen Handlungsstränge sind dermaßen minutiös über den Text verteilt, dass sich das Lesen manchmal anfühlt, als versuche man ein Puzzle zu legen, das aus zigtausend Teilen mit exakt derselben Farbschattierung besteht. Es mag aber wiederum unfair sein, einem Roman über den Tod einen Mangel an Lebendigkeit vorzuwerfen.

© SZ vom 06.11.2019

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