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Juli Zehs "Unterleuten":Identische Figurenkonstellationen

Mit diesem Scherz ist die Sache zunächst vergessen, bis einige Zeit später die Mail einer gewissen Gloria Frank eintrifft. Diese behauptet, ebenfalls bei der Veranstaltung gewesen zu sein. Daraufhin habe sie das Buch von Frau Zeh und auch das von Herrn Gortz gelesen, und da gäbe es doch erstaunliche Überschneidungen, ja ganze Figurenkonstellationen wären praktisch identisch, im Grunde habe Frau Zeh die Beispielgeschichten aus "Dein Erfolg" genommen und daraus ihr eigenes Buch gestrickt. Warum sind jetzt alle so wild darauf, irgendwo irgendwelche Plagiate zu entdecken? Dann aber schickt Frau Frank einige Passagen aus Gortz' Buch, und diese Passagen sind tatsächlich erstaunlich.

Auf der Internetseite von Manfred Gortz findet sich seine E-Mail-Adresse. Kurze Bitte um ein Interview. Telefonieren mag Herr Gortz nicht, aber auf die Frage, ob er denn Frau Zehs Buch gelesen habe, kommt die Antwort: keineswegs, aber da sie erfolgreich zu sein scheine (und das ist sie - Platz drei der Spiegel-Bestsellerliste), "vermute ich, dass ich sie mögen würde. Grundsätzlich macht es mir nichts aus, zitiert zu werden, im Gegenteil, mir ist alles willkommen, was den Bekanntheitsgrad meiner Arbeit erhöht." Ein Ellenbogenmensch offenbar, aber immerhin kein missgünstiger, so der Eindruck. Dann folgt allerdings noch ein Nachsatz. Er wolle sich mit einer Literaturempfehlung revanchieren: "Cybris" von Carol Felt: "Derzeit mein absolutes Lieblingsbuch."

Buchmesse Leipzig

Juli Zeh, geboren 1974 in Bonn, ist Juristin und Schriftstellerin. Für ihr Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet. Ihr jüngster Roman "Unterleuten" ist im Luchterhand Verlag erschienen.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Das Problem ist nur: Dieses Buch gibt es gar nicht, es ist ein Fake, eine Nebelkerze, im letzten Herbst von den beiden Journalisten Sascha Lobo und Volker Weidermann entzündet. Und da geht einem dann endlich ein Licht auf: Diesen Manfred Gortz gibt es ebenso wenig. Er selbst ist, auch wenn es sein Buch wirklich gibt, ebenso ein Fake wie diese Carol Felt. Was steht da in seiner Kurzvita? Unternehmensberater, hat in Ingolstadt studiert? Genau wie dieser Konrad Meiler im Roman? Gehört Goldmann nicht ebenso wie Juli Zehs Verlag zu Random House? Und dann die Fotos: Auf der Startseite schaut er aus wie ein ganz harter Hund, zu hundert Prozent auf Erfolg getrimmt. Auf der Kontakt-Seite wiederum lacht er auf eine Weise in die Kamera, die den Verdacht nahelegt: Der lacht einen doch aus. Das ist doch ein Schauspieler.

Lieber Herr Gortz, gibt es Sie überhaupt oder sind Sie ein Fake, gut erfunden von Frau Zeh? Das finde er nun ein wenig befremdlich, lautet die Antwort. Außerdem: Die anderen gebe es doch auch. Und dann folgt der Link zur "Reiterrevue", einem Internetorgan, das in "Unterleuten" ebenfalls eine Rolle spielt. Auf der Seite ein Eintrag von Frederik Wachs - dem Freund von Linda Franzen.

"Bei uns piept's."

Das Spiel lässt sich locker noch viel weiter treiben. Nur ein paar Klicks entfernt findet sich die Seite des "Vogelschutzvereins Unterleuten", Motto: "Bei uns piept's". Daneben ein Foto des Ersten Vorsitzenden Gerhard Fließ (des Killjoys aus dem Roman). Ein Link führt zur Seite des Märkischen Landmanns, das ist der Gasthof im (fiktiven!) Unterleuten. Nächste Gemeinderatssitzung am 12.6.2013, steht da. Und: Der Fischeintopf ist übrigens wieder erhältlich . . . Etwas später, bei der schließlich unvermeidlichen Lektüre von "Dein Erfolg", ist sogar das spektakuläre Ende von "Unterleuten" zu entdecken. Wie Gerhard Fließ seinen Nachbarn krankenhausreif schlägt. Nicht einmal alle Namen sind verändert.

Höchste Zeit also für einen Anruf: "Liebe Frau Zeh, wie verkauft sich denn ,Dein Erfolg'?" - "Ich glaube, nicht so gut, aber da müssten Sie mal beim Portobello Verlag nachfragen." - "Aber den Portobello Verlag gibt es doch gar nicht, liebe Frau Zeh." - "Nein?" - "Anders gefragt, wer ist denn der Mann, unter dessen Foto auf der Internetseite des Vogelschutzbundes der Name ,Gerhard Fließ' steht?" - "Ist das nicht Gerhard Fließ? Ich dachte immer, das wäre der Gerhard." - "Hmm . . ." - "Ich fürchte, Sie werden von mir nicht die Informationen bekommen, die Sie gerne hätten."

Schade eigentlich. Oder auch nicht. Wie hieß noch Juli Zehs zweiter Roman? Richtig, "Spieltrieb"!

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