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Jugendroman:Mila tänzelt

Ein Junge verschwindet, und die Schüler seiner Klasse werden einzeln befragt, ob sie wissen, warum. Die Verhörprotokolle entrollen die Geschichte eines Außenseiters, als Opfer der sozialen Spannungen seiner Umgebung.

Von Fritz Göttler

Nirgends dabei sein dürfen, immer abseits bleiben müssen ... Das Schicksal des Außenseiters, des Nerds, des Freaks, des Verstoßenen. Das Schicksal von Nils. "Ein kleiner Wicht, der sich nicht anpassen konnte. Doofes Gesicht. Irre Bewegungen. Und dabei weiß der alles." Sagt Sara, die nicht wirklich etwas hat gegen Nils, in einer Befragung nach Nils' Verschwinden. Nils, wie Nils Holgersson, der tapfere Winzling, der ebenfalls vom Hof seiner Eltern verschwand, in der berühmten Geschichte von Selma Lagerlöf. In der Klasse nennen sie ihn boshafterweise nur Detlef. Eine Mobbing-Geschichte, kühl und unsentimental erzählt. Nils findet sich ab mit seinem Schicksal, auch als das 'schreckliche Quartett' in seiner Klasse ihn gemein ausgrenzt und ihn benutzt, um die ganze Klasse zu dominieren, zu Mitläufern zu machen. Die fürchterlichen Vier, Jo und Rasmus, Fadi - der das Verstoßensein aus eigener Erfahrung kennt, er kommt aus Tunesien, wird meistens als "Terrorist" verhöhnt, darf aber hier als "Quotenaraber" im Quartett fungieren - und Mila. Dann aber kommt die Chance für Nils. Er soll Mila Nachhilfe geben in Mathematik, sie besteht die Prüfung, es gibt eine unerwartete Annäherung zwischen den beiden, Öffnung und Intimität - Mila, die tänzelt, ein "Elfending". Eine Ahnung von Magie, Nils beginnt zu hoffen. "Ich weiß nicht", kommentiert Sara das in der Befragung, "woran es lag, dass er die Übersicht verlor. Dass er nicht wusste, wann es genug war. Dass er immer mehr wollte. Mehr von Mila. Mehr von allem." Nils überschreitet Grenzen, verlässt den ihm zugewiesenen Raum. Jo wird eifersüchtig. Die Mobbing-Konstellation entwickelt sich aus einem sozialen Gefälle, Gabi Kreslehner zeichnet es mit signifikanten Nuancen, in der österreichischen Kleinstadt, in der Klasse, im schrecklichen Quartett. Es läuft auf eine Generalabrechnung hinaus, Nils wird fertiggemacht, von der ganzen Klasse, physisch und psychisch. Und Rasmus filmt das gemeine Geschehen, und stellt es ins Netz, "Nils' Weinen, den Schmerz und die Angst. Es war wie ein Sterben, ohne Tod zwar, aber wie ein Sterben, ohne Gnade, ohne Sinn." Auf einmal ist der Sommer gespenstisch geworden. Die Weggucker unter den Schülern versuchen, ihr Verhalten runterzuspielen, eine Mutprobe, da muss jeder durch, die Schule wiegelt feige ab. Mila "zuckt weg", als wäre sie "reif für die Klapsmühle" Rasmus vermisst sein Messer, mit dem er gern prahlte, in Nils' Händen taucht es plötzlich wieder auf, er attackiert Jo ... Durch das Buch zieht sich eine Befragung, zwei sollen erzählen, wie es dazu gekommen ist, Sara Auster und Johannes (Jo) Bellmann. Sein Vater ist der Boss eines großen Konzerns der Stadt, Sara ist die Jugendfreundin von Nils. Es gibt Widerstände bei den Befragten, Schweigen, Verdrängung, Trotz. Ich bin das Opfer, jammert Jo, nicht der Täter. Nils ist verschwunden, auf der Flucht, vor sich selbst.

Draußen leben, als Outsider, die Liebe unerfüllt: "Er schaute auf die Linie ihrer Beine und dachte, dass er selten etwas so Schönes gesehen hatte und dass ihm das aber nichts, rein gar nichts nützen würde. Wie im Museum war das, nur schauen, nichts berühren, schon gar nichts bekommen, noch weniger besitzen."

Gabi Kreslehner: Nils geht. Tyrolia Verlag, Innsbruck, Wien 2020. 139 Seiten, 16,95 Euro.

© SZ vom 17.07.2020
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