Jugendroman:Ein Drache am Fernsehturm

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Tobias Goldfarb: Niemandsstadt. Roman. Thienemann Verlag, Stuttgart 2020. 368 Seiten,15 Euro. (Foto: N/A)

Berlin als fantastische digitale Welt, in der zwei Jugendliche erleben, dass fantastische Figuren um jede Ecke lauern.

Von Nicolas Freund

Die Schwelle zum Erwachsenwerden ist heute auch die Schwelle in die digitale Welt. Wie oft bei solchen Schwellen, gibt es aber keinen sauberen Übergang. Vielmehr vermischen sich an ihr die Bereiche, die sie eigentlich voneinander trennt. In einem solchen Grenzbereich ist der Jugendroman "Niemandsstadt" von Tobias Goldfarb angesiedelt.

Es ist natürlich ein Vorurteil, dass sich jeder "digital native" praktisch von Geburt an mit jedem Computer und allem was dazugehört auskennt. Auch für junge Menschen kann die Digitalisierung eine große Herausforderung sein, wenn auch auf andere Art als für die Älteren. Nach einer Kindheit mit Zeichentrickvideos bei Youtube und harmlosen Computerspielen werden viele Jugendliche spätestens auf dem Pausenhof der weiterführenden Schulen mit den Dynamiken, Regeln und Gefahren sozialer Netzwerke konfrontiert. Die Welt der überall abrufbaren Daten und der ständigen Verfügbarkeit des Selbst bricht da über manchen so alles bestimmend herein, wie über die beiden Schülerinnen Josefine und Elisabeth in "Niemandsstadt". Die eine, Elli, kommt mit der Selbstdarstellung in der digitalen Welt instinktiv klar, die andere, Fine oder Fein, hat nicht mal ein Smartphone und möchte mit der ganzen Sache am liebsten auch gar nichts zu tun haben. Beide merken aber: Irgendwas stimmt hier nicht, mit der Welt und besonders mit dieser Stadt. Vor allem Fine ist sensibilisiert dafür, wie Berlin immer mehr von einer anderen Welt überlagert wird und die Wirklichkeit nicht mehr so leicht vom Fantastischen zu unterscheiden ist: "Wenn ein Drache am Fernsehturm vorbeifliegt, ist es einfach. Dann bin ich drüben. Wenn die Steinplatten der Gehwege auf Lava schwimmen und sich in den Ritzen kleine Dämonen tummeln, bin ich drüben. Dämonen sind nicht so schlimm, wie alle denken. Frau Granitz aus dem dritten Stock ist viel schlimmer." Haben diese fantastischen Gestalten, die an jeder Ecke zu lungern scheinen, irgendetwas zu tun mit dem Digitalkonzern "Magick", der alle Menschen mit mechanischen Krähen ausspioniert und angeblich aus einer alten Spielkonsole eine künstliche Intelligenz entwickelt hat? Irgendwie geht die verhuschte Fine zwischen diesen Welten verloren und Eli, die nicht ganz sicher war, ob sie die Mitschülerin mobben möchte oder lieber mit ihr befreundet wäre, macht sich auf die Suche zwischen Großstadt und brandenburgischer Provinz, digitalen Räumen und fantastischen Welten.

Goldfarb scheint sich bei diesem Abenteuer selbst keine Grenzen gesetzt zu haben. Den Assoziationen, Wortspielen und Zitaten lässt er freie Bahn, auch wenn manches Witze und Symbole sind, die wahrscheinlich nur ältere Leser verstehen, wie der nach James Joyces Bruder Stanislaus benannte Buchladen, Anspielungen auf die deutsche Romantik oder die Chatgruppe "Josef und seine Brüder". Nötig wären diese Verkomplizierungen nicht, vieles bleibt ohnehin etwas zu vage. Die kurzen Kapitel sind oft skizzenhaft, von skurrilen Ideen und Beobachtungen getragen. Diese mäandernde Erzählweise passt aber gut zu Jugendlichen auf Sinn- und Selbstsuche. Junge Leser bekommen nebenbei noch einiges beigebracht, nicht nur, dass man sich besser nicht alleine und ohne jemandem Bescheid zu sagen mit Fremden im Wald trifft. Was die Digitalisierung betrifft, hat der Roman durchaus einen pädagogischen Anspruch. Soziale Medien, künstliche Intelligenz und sogar das Darknet werden in die Erzählung eingebettet und erklärt, ohne zu belehrend zu wirken.

Deshalb wirkt es umso seltsamer, dass im Verlauf der Handlung zunehmend die Welten des Fantastischen und des Digitalen gegeneinander ausgespielt werden, als seien sie einander unbedingt ausschließende Gegensätze. Denn bietet nicht gerade der digitale Raum der Fantasie auch in der grauesten Großstadt ungeahnte Möglichkeiten? Der Roman versucht diese selbstgemachte Trennung zu kitten, aber so recht gelingt es ihm nicht.

© SZ vom 13.03.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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