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Jugendroman:Ein Baum mit toten Ästen

Laurie Halse Anderson: Sprich. Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann. Hanser, dtv München 2019. 288 Seiten, 9,95, Euro.

Laurie Halse Anderson erzählt in "Sprich!" über die Verstörung eines Mädchens nach einem Missbrauch.

Seit dem Sommer ist Melinda nicht mehr sie selbst. Sie ist ein ganz einfaches Mädchen, kein Cheerleader, nicht der Star im Biounterricht - aber es gibt ein Vorher, als sie sich noch dafür interessiert hat dazuzugehören. Das Schuljahr beginnt, es ist ihr erstes an der High School, aber mit ihren alten Freundinnen aus der Zeit vor dem Sommer hat sie sich überworfen. Sie rennt in sackartigen Klamotten herum und gibt sich nur mit einem Mädchen ab, das neu zugezogen ist, damit ihr Desinteresse nicht so auffällt. Geschwister hat sie nicht, und ihre Eltern haben wenig Zeit - sie wundern sich manchmal, warum Melinda sich so sehr in sich selbst zurückgezogen hat, mehr nicht. Und dann brüllen sie, als es plötzlich schlechte Noten hagelt.

Melinda erzählt, als würde sie einem Tagebuch anvertrauen, was geschieht und was sie dabei denkt, obwohl sie nur noch selten antwortet, wenn jemand mit ihr zu sprechen versucht - hier lässt sie den Sarkasmus raus, den sie sich ansonsten verkneift ("Ich brauche einen freien Tag", denkt sie, wenn sie die Schule schwänzt, und sinniert darüber, wie ihre Mutter manchmal die Arbeit schwänzt). Doch niemals, nicht einmal in diesen geheimsten Gedanken kommt die Vergewaltigung vor, die die Dreizehnjährige so verändert hat.

Laurie Halse Andersons Buch heißt "Sprich!", das ist die Aufforderung, mit der Melinda immer wieder konfrontiert wird. Das ist gar nicht so leicht, wie die anderen denken - weil sie ja gar nichts zu sagen hat: Sie weiß nicht, was sie fühlt, was sie will, wie es weitergehen soll. Irgendwann schießt ihr der Gedanke durch den Kopf, dass die alten Freundinnen nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen, seit sie alle zusammen heimlich bei einer Party waren und Melinda die Polizei gerufen hat. Eines Tages sieht sie in der Schule ihren Peiniger wieder - Andy besucht dort den Abschlussjahrgang.

Es gehört zu den Stärken von Andersons Roman, dass sie nicht mit der Tür ins Haus fällt. Behutsam breitet sie aus, was Melinda fühlt, die Erinnerung sickert erst nach und nach in die Geschichte hinein, wenn Melinda schon ganz vertraut ist und klar, dass sie sich nicht einfach bloß in pubertärer Einsamkeit suhlt. "Sprich!" ist eine Anleitung, sich Hilfe zu suchen, oder auch zu erkennen, dass jemand sie braucht - oder gar ein Ratgeber (damit endet das Buch) für all die Andys da draußen, denen nicht klar ist, wie viel Schaden sie anrichten, wenn sie den Willen eines anderen brechen.

Nur Melindas Kunstlehrer Mr. Freeman dringt zu ihr durch, nicht weit genug, sie zum Reden zu bringen, aber so weit, dass er in ihren Bildern mehr erkennt als sie selbst: Schmerz. Er ermutigt sie, ihre Emotionen im Kunstunterricht auszudrücken, und hier findet Melinda dann ihre Stimme, kommt nach und nach zur Besinnung. So bastelt sie ein Gruselkunstwerk aus den Gebeinen des Thanksgiving-Truthahns, den ihre Eltern genauso verdorben haben wie den ganzen Festtag und schnitzt einen Baum mit merkwürdig toten Ästen ins Linoleum, der später einen Wiedergänger im Garten haben wird. Symbole des Überlebens. Auch das macht Laurie Halse Andersons Jugendroman zu einer Besonderheit - wie gut sie erklärt, was Kunst ist, wie sie Melinda Picasso-Gemälde ansehen, verabscheuen und dann langsam begreifen lässt. Die Form an sich ist schon großartig. Die Autorin greift in die kindlichen Monologe manchmal ein, indem sie die Gedanken ein klein wenig weitertreibt, als eine Dreizehnjährige das vielleicht täte, und doch nur so weit, wie sie ihr folgen könnte. Melinda kann in sich selbst keine besonderen Talente erkennen. Ich bin, denkt Melinda, eine Enttäuschung für meine Eltern. Und dann: weil ich so bin wie sie.

Die Geschichte der Vergewaltigung eines Kindes, aus der Sicht des Opfers erzählt? Als Andersons "Sprich!" in den USA 1999 erstmals erschien, war das noch viel ungewöhnlicher als heute - und in den USA war und ist das Buch ein Erfolg, es wurde mit einer ganzen Reihe von Preisen für Jugendliteratur ausgezeichnet.

Zum zwanzigsten Jahrestag legte Anderson mit dem Roman "Schrei!" nach. In den USA im vergangenen Jahr veröffentlicht, erscheint er nun auch bei uns. In "Schrei!" (aus dem Englischen von Bernadette Ott übersetzt und in der Reihe Bold im dtv Verlag erschienen) beschreibt sie ihre eigene Kindheit, die eigenen Erfahrungen mit Missbrauch und Sprachlosigkeit, die "Sprich!" wohl so einfühlsam haben werden lassen. Das ist keine schlechte Idee; allerdings stört, dass sie in Versen schreibt. Ein Prosastück wäre vielleicht klarer und lesbarer gewesen, diese reimlose Poesie ist eben nicht die perfekte Form, wie es der Tagebuch-Gedankenstrom für "Sprich!" war. "Schrei!" steht irgendwie schräg da. Ein bisschen wie Melindas erster Versuch, einen Linoleum-Baum im Kunstunterricht zu schnitzen. (ab 13 Jahre)

© SZ vom 17.01.2020
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