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Joseph Andras: "Kanaky":Warum habt ihr das getan?

Freiheitskämpfer in Neukaledonien am 27. April 1988, während der Geiselnahme von 27 Gendarmen. Als am Morgen des 5. Mai der Schauplatz vom französischen Militär gestürmt wird, stirbt ihr charismatischer Anführer Alphonse Dianou.

(Foto: REMY MOYEN/AFP)

Joseph Andras holt die Opfer und Gegner der französischen Kolonialpolitik aus dem Schatten. In seinem Buch "Kanaky" erzählt er vom Freiheitskämpfer Alphonse Dianou aus Neukaledonien.

Von Florian Kaindl

An der Öffentlichkeit ist Joseph Andras nicht sonderlich interessiert. Er meidet sie, sein Name ist ein Pseudonym. Ihn beschäftigen die blinden Flecken Frankreichs, das gewaltsame Erbe der Kolonialisierung. Für sein erstes Buch "Die Wunden unserer Brüder" bekam er 2016 sofort den Debütpreis des Goncourt, des wichtigsten Literaturpreises im Land. Und lehnte ab: Die Literatur müsse "auf ihre Unabhängigkeit achten und sich von Bühnen, Ehrungen und Scheinwerferlicht fernhalten".

Jetzt kommt sein zweites Buch, in dem er zeigt, dass die Ideale von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nicht für alle Mitglieder der multikulturellen Bevölkerung Frankreichs in gleichem Maß gelten. Er erzählt davon am Beispiel des Freiheitskämpfers Alphonse Dianou, also an einer Episode aus der Geschichte des französischen Überseegebiets Neukaledonien, dessen Name in der Sprache der Ureinwohner - wie der Titel von Andras' Buch - "Kanaky" lautet.

Zwischen 2015 und 2018 ist Andras mehrmals auf den Archipel östlich von Australien gereist, hat die örtliche Kultur kennengelernt und die Stammesgemeinschaften der kanakischen Urbevölkerung, ihre Rituale und Bräuche. Sein "Bericht" darüber ist ein beeindruckend dichtes Zeitdokument, ein Zeugnis der unermüdlichen Kleinarbeit, die Andras als Autor unverwechselbar macht. Die Übersetzerin Claudia Hamm hat seinen Stil präzise ins Deutsche übertragen. "Kanaky" ist als Porträt eines Einzelnen angelegt, aber, wie Andras schreibt, auch "eine Erzählung mit vielen Stimmen, eher eine Suche als eine Untersuchung, ein biografisches Buch, das verschiedene Zeiten und Sichtweisen verbindet". Er spricht mit Augenzeugen, trifft Wegbegleiter Dianous und wühlt in Archiven. Alles mit dem Ziel, ein vollständiges Bild des Volkshelden zu schaffen.

Womit die Besetzer nicht rechnen, ist Gegenwehr. Und so läuft alles furchtbar schief

Dieser Kahnyapa Dianou, genannt Alphonse, ist angehender Priester, ein Mann in seinen Zwanzigern mit vielen Interessen, als er den Entschluss fasst, künftig "lieber für das Volk" zu kämpfen als für die Seele. Andras zeichnet seinen Weg in den Widerstand nach, besonders prägend sei eine gewaltsam aufgelöste Demonstration im August 1987 gewesen, an der Dianou teilgenommen hatte. Er kommt ins Gefängnis: "Das also", schreibt Andras, "war der Bruch. Schläge mit Knüppeln und zwei Tage Knast dafür, dass man mit Luftballons in der Sonne saß." Der friedfertige Familienvater Dianou, Menschenfreund und Musikliebhaber, spielt fortan mit dem Gedanken, den Kampf für die Freiheit Neukaledoniens mit Gewalt fortzuführen.

Ein halbes Jahr später besetzt er an der Spitze einer Gruppe von etwa dreißig Mitstreitern die französische Gendarmerie auf dem Ouvéa-Atoll. Gemeinsam wollen sie die Verlegung der anstehenden Regionalwahlen erzwingen. Womit die Besetzer nicht rechnen, ist Gegenwehr. Und so läuft alles furchtbar schief: Es fallen Schüsse, vier Gendarmen sterben, die übrigen werden von Dianou und dessen Gefährten als Geiseln in einer Grotte festgehalten. 13 Tage nach dem Angriff auf die Gendarmerie stürmt die Armee das Versteck. Es gibt ein Blutbad, in dessen Folge auch der charismatische Anführer sein Leben lässt.

Wie in "Die Wunden unserer Brüder" erzählt Andras an einem markanten Einzelschicksal von einem historischen Thema. In jenem Erstlingswerk war es die Geschichte des Fabrikarbeiters Fernand Iveton vor dem Hintergrund des Algerienkriegs, an der Andras das Streben einer ganzen Nation nach Unabhängigkeit veranschaulichte. In präziser, poetischer Sprache füllte er die Persönlichkeit des scheu vom Cover blickenden Widerstandskämpfers mit Leben, erklärte das Wesen eines Überzeugungstäters, der keineswegs ein Fanatiker war. Das Engagement eines Einzelnen kreuzte auch da die Entscheidungswege der großen Politik. In verantwortlicher Position an Ivetons Hinrichtung beteiligt war übrigens der damalige Innenminister François Mitterrand.

Mit seinem Tod steht er in der blutigen Tradition einer Reihe von neukaledonischen Nationalhelden

Dreißig Jahre später, die kanakische Freiheitsbewegung ist gerade auf ihrem Höhepunkt, steht Mitterrand als Amtsinhaber zwischen zwei Präsidentschaftswahlgängen. Premierminister Jacques Chirac, zugleich sein Widersacher von der konservativen Seite, sitzt ihm im Nacken. Die Ansichten der Kontrahenten flicht Andras in kursivierten Passagen mit ein, die als Countdown fungieren. Darin ist von der Koordination des Einsatzes zur Befreiung der Geiseln die Rede, am Ende steht immer die Anzahl der Tage, die noch vergehen, bis die Grotte gestürmt wird: "Jacques Attali, Mitterrands Sonderberater, schreibt später im zweiten Band seines Tagebuchs Verbatim, es sei damals schwierig für sie gewesen, den Sieg des ersten Wahlgangs zu genießen, 'der Fall Ouvéa' habe die 'Freude doch sehr getrübt'. Elf Tage später wird der Befehl zum Sturmangriff gegeben."

Premierminister Chirac hingegen "prangerte den 'Terrorismus' an und (...) erklärte sich 'bestürzt über die rohe Gewalt und Barbarei dieser Menschen, falls man sie überhaupt als solche bezeichnen kann'". Vor dem Hintergrund der Politik des imperialen Frankreich schildert Andras die Zerrissenheit seiner Titelfigur, die zwischen den Idealen von Gandhi und von Martin Luther King schwankt. Und er beschreibt die Sinneseindrücke seiner eigenen Spurensuche in der neukaledonischen Hauptstadt Nouméa. Ihm schlägt auch Misstrauen entgegen, er werde dem Andenken des Freiheitskämpfers und dem Verlangen seines Volkes nach Selbstbestimmung nicht gerecht: "Warum", fragt ihn Alphonse Dianous Sohn, "soll ich glauben, dass Sie uns nicht genauso verraten wie alle anderen?"

Joseph Andras: Kanaky. Auf den Spuren von Alphonse Dianou. Ein Bericht. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Hanser, München 2021. 320 Seiten, 25 Euro.

Mit am eindrücklichsten ist Andras' Gespräch mit Philippe Legorjus, dem Leiter der GIGN-Spezialeinheit, der bis heute mit dem Sturmangriff hadert. Vorher hatte er mit den Geiselnehmern verhandelt und behielt Dianou als angenehmen Gesprächspartner in Erinnerung. Sie hätten sich gut verstanden und unter anderem über Platon und Aristoteles diskutiert, der Mann sei "verheizt" worden. Die Schuld an der Eskalation, sagt er zum Schluss, trage die Regierung von Premier Chirac und vor allem Präsident Mitterrand. Legorjus ist es auch, den Dianou, nach dem Gemetzel am Bein verletzt auf der Bahre liegend, inmitten seiner 19 toten Gefolgsleute fragt: "Philippe, warum habt ihr das getan? Hätten wir das nicht anders machen können?" Aus dem Satz spricht eine entwaffnende Offenheit, die Überzeugung, auch in einer heillos verfahrenen Situation über alles reden zu können.

Die Realität sieht anders aus. Alphonse Dianou starb auf dem Weg ins Krankenhaus mit nur 28 Jahren an den Folgen körperlicher Misshandlung. Die französische Regierung räumte das 1988 schließlich ein. Mit seinem Tod steht er in der blutigen Tradition einer Reihe von neukaledonischen Nationalhelden, die gewaltsam ums Leben kamen: der Stammesführer Ataï etwa, im Jahr 1878 enthauptet. Oder Jean-Marie Tjibaou, erschossen 1989 - er war Führer der Kanakisch-Sozialistischen Befreiungsfront (FLNKS) und damit sozusagen Dianous Auftraggeber. Die Situation der Ureinwohner, die seit 2014 nur noch einen Bevölkerungsanteil von 39 Prozent ausmachen, hat sich seither durch zwei Abkommen mit der französischen Regierung gebessert. Bis zur Unabhängigkeit bleibt es jedoch ein weiter Weg: Bei zwei Referenden in den Jahren 2018 und 2020 hat die Mehrheit Neukaledoniens jeweils für einen Verbleib bei Frankreich gestimmt. Mit "Kanaky" hat Joseph Andras dem Anliegen der kanakischen Urbevölkerung, gleichberechtigt behandelt zu werden, eine Stimme verliehen.

© SZ/masc
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