"Crossroads", der neue Roman von Jonathan Franzen:Die Unverdorbenen

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"Crossroads", der neue Roman von Jonathan Franzen: Die Zeiten ändern sich, die Anwohner wundern sich: Die Bürgerrechtsbewegung erreicht Cicero, einen Vorort von Chicago im jahr 1966.

Die Zeiten ändern sich, die Anwohner wundern sich: Die Bürgerrechtsbewegung erreicht Cicero, einen Vorort von Chicago im jahr 1966.

(Foto: AP)

In seinem neuen Roman "Crossroads" erzählt Jonathan Franzen von den Siebzigerjahren, dem Jahrzehnt, in dem unsere Gegenwart erfunden wurde.

Von Felix Stephan

Um die Jahrtausendwende wollten die Schriftsteller Jonathan Franzen und David Foster Wallace einmal den Roman neu erfinden. Der Gedanke war, dass sich zeitgenössische Literatur, wenn sie etwas gelten wollte, in einer Welt würde behaupten müssen, in der das Fernsehen das dominante Medium war. Die amerikanischen TV-Serien waren längst Teil des kollektiven Bewusstseins geworden, und wenn die Literatur etwas über die Welt erzählen wollte, in der sie entstand, musste sie auf diese Formen reagieren.

Die Romane von Franzen und Wallace entwarfen sich deshalb auf einen impliziten Leser hin, der vom Fernsehen vollkommen abgestumpft und zynisch geworden war und den Glauben an das Gute längst verloren hatte; der Politik nur noch als Inszenierung begreifen konnte, Moral nur noch als Werbeeffekt, Liebe nur noch als Verkaufsargument. Aus diesem Geist entstand damals der Roman "Die Korrekturen", der sich über weite Strecken an der Ästhetik von Sitcoms orientierte und der Jonathan Franzen weltberühmt machte.

Franzens neuer Roman "Crossroads" bricht mit dieser Ästhetik nun auf dramatische Weise. Der Roman erzählt von der Pfarrersfamilie Hildebrandt, die 1971 in einem Vorort von Chicago lebt, und in der Welt der Hildebrandts kommt das Fernsehen nicht vor. Alles hier ist unironisch und echt. Wenn die 17-jährige Tochter Becky auf eine Party der Gemeinde voller amerikanischer Highschool-Schüler geht, dann hat sie weder das "Beastie Boys"-Video im Hinterkopf, noch den Film "American Pie", noch Ashton Kutscher in "Die wilden Siebziger". Sie erlebt den Abend ganz neu und unverdorben, und er kann ihr noch auf genuine Weise etwas bedeuten. Und indem Franzen dieses unverbrauchte Erleben ernst nimmt, ermöglicht er es in gewisser Weise auch uns.

Jedes Kind der Familie wird auf seine eigene Weise unglücklich

Selbst die Midlife-Crisis von Russ Hildebrandt kann er so noch einmal erzählen, als sei so etwas noch nie erzählt worden und nicht längst zum Klischee erstarrt. Russ ist der Gemeindepfarrer von New Prospect und dort bekannt für seinen Intellekt und seine politischen Predigten: Er redet gegen den Vietnamkrieg an, preist den Pazifismus und bindet seine Argumente jeweils philologisch an die frühesten biblischen Urtexte an. Mit der unbequemen Wahrheit, dass die Predigten weitgehend von seiner Frau Marion geschrieben werden, verschont man das Publikum. Vier Kinder hat das Ehepaar, und im Laufe der 800 Seiten des Romans, die nur den Auftakt bilden zu einer Trilogie, wird jedes Einzelne von ihnen auf seine eigene Weise unglücklich.

Russ Hildebrandts Leidensgeschichte beginnt in dem Moment, in dem ein neuer, jüngerer Pfarrer in seiner Gemeinde auftaucht und eine Jugendgruppe namens "Crossroads" gründet, in der neue religiöse Praktiken ausprobiert werden. Die Gruppe verzichtet auf jegliche biblischen Bezüge, niemand muss knien oder das Haupt beugen. Die Idee von "Crossroads" besteht vielmehr darin, Gott in den Beziehungen zueinander zu erleben, wodurch der Gottesdienst zu einer Art spirituell aufgeladener Gruppentherapie wird: Die Teenager sind aufgefordert, aufeinander einzugehen, das "Risiko echter Nähe" in Kauf zu nehmen und zu lernen, sich von der Gemeinschaft helfen zu lassen. Von Gott ist nur noch als Erfahrung die Rede, die man schon einmal gemacht hat oder eben nicht.

"Crossroads", der neue Roman von Jonathan Franzen: Jonathan Franzen: Crossroads. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt Verlag, Hamburg 2021. 825 Seiten, 28 Euro.

Jonathan Franzen: Crossroads. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt Verlag, Hamburg 2021. 825 Seiten, 28 Euro.

Unter den jungen Gemeindemitgliedern ist die Gruppe aus dem Stand irrsinnig beliebt, sie gewinnt rasant neue Mitglieder, und Russ Hildebrandt wird in der Gemeinde, die eben noch die seine war, zum altmodischen Außenseiter. Diese Erniedrigung verkraftet er schlecht, und die Krise, in die er darüber gerät, schlägt durch auf sein Familienleben. Seine Frau kommt ihm auf einmal noch übergewichtiger vor als ohenhin schon, seine Kinder können sein Interesse kaum mehr wecken, seine Gedanken verharren jetzt häufiger bei Frances, einer jungen Witwe, die neu zur Gemeinde gestoßen ist und sich von Russ auffällig gern instruieren lässt.

Fast scheint sich Franzen in der Figur des Russ Hildebrandt selbst zu karikieren

Die Familie Hildebrandt ist der Prototyp des spießigen, weißen, protestantischen Vorort-Amerikas, das Feindbild der Bürgerrechtsbewegung, das in der Romangegenwart, drei Jahre nach 1968, seine große Zeit eigentlich schon hinter sich hat. Marion kümmert sich um den Haushalt, die Highschool für die Kinder ist nicht weit weg, und einem Afroamerikaner ist man in New Prospect auch noch nie begegnet.

Fast scheint sich Franzen in der Figur des Russ Hildebrandt selbst zu karikieren: Er ist eine aus der Zeit gefallene Witzfigur, die Inkarnation des Uncoolen, ein verkniffener Vorortpfarrer, dessen Leben darin besteht, sonntags vor einer Handvoll schwerhöriger Seniorinnen zu predigen und einmal im Jahr eine Busreise nach Arizona zu organisieren, um dort in der Begegnung mit dem authentischen Amerika seinen Spiritualitätshaushalt zu sanieren. Die äußeren Dimensionen dieses Lebens sind sehr überschaubar. Aus der Perspektive der Billigfliegerjahrzehnte sind sie winzig.

Das Innenleben der Figuren aber ist grenzenlos, das haben sie mit dem Personal aus George Eliots Epochenroman "Middlemarch" gemein, dem Franzen den unbescheidenen Titel seiner Trilogie entlehnt hat: "Ein Schlüssel zu allen Mythologien". Permanent befragen sie ihre Motive: Wenn etwa Clem, der älteste Sohn der Hildebrandts, das College abbricht, um sich für den Vietnamkrieg zu melden, verbirgt sich hinter diesem Patriotismus nicht vor allem ein Konflikt mit dem pazifistischen Vater? Oder wenn Becky, die einzige Tochter der Hildebrandts, ihren Glauben entdeckt und Mitglied bei "Crossroads" wird, will sie nicht eigentlich nur den gutaussehenden Tanner Evans rumkriegen, der dort Mitglied ist? Und nimmt sie nicht den Verrat am Vater billigend in Kauf? Und ist Marions Gottesfürchtigkeit nicht letzten Endes nur ein Weg, sich ihrer traumatisch schlimmen Jugend nicht stellen zu müssen?

Franzen schreibt im 21. Jahrhundert Romane aus dem 19. Jahrhundert

Unentwegt prüfen die Figuren ihr Verhältnis zum absolut und relativ Guten, unentwegt sehen sie sich mit den Doppelbödigkeiten ihres moralischen Rigorismus konfrontiert. Die Fragen entstammen der Moralphilosophie des Deutschen Idealismus, und der Roman verhandelt sie mit einer Penibilität, einer Ernsthaftigkeit und unironischen Feierlichkeit, wie man es vielleicht tatsächlich seit Tolstoi nicht mehr gelesen hat: Wenn ich etwas Selbstloses tue, damit aber auch persönliche Motive verfolge, ist es dann noch wirklich gut? Wie kann ich Gott - und viel schwieriger: mir selbst - beweisen, dass meine Motive lauter sind? Kann eine Tat schlecht sein, wenn die Intention gut ist? Und immer so weiter.

Franzen nimmt diese Welt und die moralischen Nöte seiner Figuren so ernst, als wäre dieses weiße Vorstadtmilieu nie ironisiert worden. Die Welt, von der Franzen erzählt, ist eine Welt vor dem Internet und vor dem Musikfernsehen und popkulturell gewissermaßen unberührt. Die Menschen dort sind wie wir und doch die Ewigkeit einer Medienrevolution von uns entfernt.

Im 21. Jahrhundert schreibt Franzen Romane aus dem 19. Jahrhundert, das zeigt sich in diesem wundervollen, zutiefst menschenfreundlichen, vor schierer Könnerschaft nur so leuchtenden Roman vielleicht noch stärker als in den vorherigen: Wie Dostojewski in seinen "Brüdern Karamasow" diskutiert Franzen an jeder Figur auf exemplarische Weise ein moralphilosophisches Problem. Wie Flaubert in der "Erziehung der Gefühle" lässt er eine moralische Gemeinschaft auf manchmal komische, manchmal tragische Weise mit den sexuellen Begierden ihrer Mitglieder kollidieren. Wie bei Tolstois "Anna Karenina" steht hier ein erwachsener Mann unerträgliche Qualen aus, weil er sich mit seinem übersteigerten Ideal moralischer Vollkommenheit der Möglichkeit beraubt, sich selbst zu verzeihen. Man kommt, wenn man diesen Monolithen von einem Roman liest, aus dem Staunen kaum mehr heraus.

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