E-Books in Bibliotheken:Lies an einem anderen Tag

Online-Leihe in Sachsen-Anhalts Bibliotheken immer beliebter

Verkehrte Welt: Analog sind Bibliotheken (hier die Stuttgarter Stadtbibliothek) bei vielen Büchern schneller als online.

(Foto: Bernd Weissbrod/dpa)

In Bibliotheken landen Bestseller meist druckfrisch. Wer auf dem E-Book leihen will, wartet allerdings oft eine Ewigkeit. Warum eigentlich?

Von Thomas Balbierer

Es kann kein Zufall sein, dass sich am Ende dieser Recherche plötzlich ein Hit der Fantastischen Vier in den Kopf schleicht. "Es könnt' alles so einfach sein, ist es aber nicht", singen sie im Song "Einfach sein". Denn die Frage, um die es geht, ist simpel. Eigentlich. Sollten E-Books in öffentlichen Bibliotheken generell zum selben Zeitpunkt in die Ausleihe gehen wie gedruckte Bücher? Leider ist die Antwort, dieses Gefühl stellt sich nach Telefonaten und Mails mit Verlegerinnen, Bibliotheksverbänden und Ministerien ein, alles andere als das. Um die Frage tobt ein zäher Streit. Aber von vorn.

In Deutschland ist es üblich, dass Bestsellerromane oder angesagte Biografien nach ihrer Veröffentlichung auch schnell im Bücherregal der Stadtbibliothek um die Ecke auftauchen. Die Einrichtungen erwerben die Neuerscheinungen und dürfen sie dann an ihre Mitglieder verleihen. Zum Ausgleich zahlen Bund und Länder eine Bibliothekstantieme an Verlage und Autoren. So weit, so einfach. Bei der E-Book-Leihe greift das System nicht, Bibliotheken haben keinen Anspruch darauf, jedes E-Book am Markt ins Sortiment aufnehmen zu können. Derzeit müssen sie über einen Vermittler mit jedem Verlag gesondert über die Lizenzierung von digitalen Büchern verhandeln und dabei oft Einschränkungen in Kauf nehmen.

Das Ergebnis: Viele aktuelle Bestseller, das missfällt Stammkunden der "Onleihe", tauchen im Sortiment der Onlinebibliothek nie oder erst spät auf. Das liegt daran, dass viele Verlage das E-Book ihrer Verkaufsschlager erst Monate oder gar ein Jahr nach dem Erscheinen für den Verleih verfügbar machen. Das Hinauszögern wird in der Branche als "Windowing" bezeichnet. Die Unternehmen hoffen so, mehr Bücher zu verkaufen. Schlecht für die Bibliotheken.

In Hessen waren vergangene Woche nur 30 Prozent der Belletristik-Titel verfügbar

Wer am Ende der vergangenen Woche etwa das Onleihe-Portal der Stadtbibliothek München geöffnet und die Titel der aktuellen Spiegel-Bestsellerliste in der Kategorie Belletristik ins Suchfeld eingetippt hat, fand nur sechs von 20 Büchern. Stephen Kings "Billy Summers" oder Juli Zehs "Über Menschen": Leider nicht verfügbar. In Hessen führt ein Verbund von Bibliotheken eine ausführliche Statistik über das "Embargo" für Teile der Bestsellerliste. Demnach waren vergangene Woche nur 30 Prozent der Belletristik-Titel und 20 Prozent der Sachbücher in der Onleihe verfügbar. Auf den Roman "Der Buchspazierer" von Carsten Henn warten die Bibliotheken seit mehr als 320 Tagen.

"Ich sehe das Risiko, dass Bibliotheken dadurch ausgetrocknet werden", sagt Andreas Degkwitz, Vorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbandes (dbv). "Sie sind so nicht in der Lage, aktuelle und zeitgemäße Angebote zu machen. Das könnte sie langfristig uninteressant machen." Sein Verband drängt seit Jahren darauf, die Verlage gesetzlich zum vollumfänglichen E-Lending zu verpflichten. Es sei an der Zeit, die Digitalisierung auch im Bereich der öffentlichen Bildung voranzubringen, fordert er.

"Versteh doch, es geht um unsere Existenz", rappen die Fantastischen Vier weiter - ein Satz, der auch von der Interessenvertretung der Bibliotheken stammen könnte. Unter dem Motto "Ein Buch ist ein Buch" pocht der dbv auf eine rechtliche Gleichstellung von gedruckten und digitalen Büchern und formulierte im Januar einen offenen Brief an die Abgeordneten des Bundestags: Die gesetzlichen Grundlagen müssten geändert werden, hieß es darin, sonst werde die "kommunale Kultur- und Bildungsinfrastruktur der Öffentlichen Bibliotheken ausgehöhlt".

Der Konflikt zwischen Büchereien und Verlagen eskaliert

Bislang haben die Verlage das Drängen der Bibliotheken erfolgreich abgewehrt. Ein Vorstoß des Bundesrates, die digitale Leihe in die Novelle des Urhebergesetzes aufzunehmen, fand im Bundestag keine Zustimmung. Auch dank heftigem Lobbying der Verlage. Dabei hatten sich Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag darauf geeinigt, Bibliotheksnutzern einen "noch besseren Zugang zum Repertoire von E-Books" zu ermöglichen. Auf die Frage, was die Regierung für dieses Ziel konkret erreicht habe, antwortet das federführende Justizministerium ausweichend. "Der Hauptfokus" in dem Bereich habe auf der im Sommer verabschiedeten Urheberrechtsreform gelegen - "ein höchst umfangreiches und umstrittenes" Projekt. Mit anderen Worten: Das Thema Onleihe hatte nun wirklich keinen Platz mehr auf der Agenda.

"Eine Zwangslizenz", sagt Nadja Kneissler, "wäre für Verlage und Autoren wirtschaftlich nicht zu stemmen. Weil ein ausgeliehenes E-Book nur einen Bruchteil dessen einbringt, was bei einem E-Book-Verkauf erlöst wird." Kneissler ist Managerin im Special-Interest-Verlag Delius Klasing und sitzt dem Verlegerausschuss des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels vor. Würde der Staat die Unternehmen zur Lizenzierung von E-Books verpflichten, wäre das "eine Art Enteignung geistigen Eigentums", sagt sie. Es beschwere sich ja auch niemand darüber, dass der neue "James Bond" zunächst im Kino laufe und erst Monate später als DVD in den Verleih komme.

"Die Filmindustrie betreibt die ganze Zeit Windowing", sagt Kneissler. "Am Buchmarkt betrifft das nur sehr wenige Titel." Tausende E-Books würden den Bibliotheken sofort angeboten. Gleichzeitig mache die Onleihe in Bibliotheken 40 Prozent des gesamten E-Book-Konsums aus, trage aber nur fünf Prozent des Umsatzes bei. "Inzwischen gibt es immer mehr Menschen, die den Mitgliedsbeitrag der Bibliothek bezahlen und dann unzählige E-Books umsonst lesen", sagt Kneissler. Digitale Bücher seien mit den gedruckten Versionen eben nicht gleichzustellen: Sie nutzten sich nicht ab, müssten nie ersetzt werden und könnten bequem von der Couch aus ausgeliehen werden. "Das ist für die Leute toll, aber die Verlage und Autoren müssen auch von etwas leben."

"Diese Welt ist in den Miesen", meinen die Fantastischen Vier, "und vor allem braucht sie endlich mal 'ne Entscheidung" - doch die lässt im Streit um E-Book-Leihe in Büchereien auf sich warten. Der dbv-Vorsitzender Degkwitz zweifelt an der Behauptung, dass das E-Lending dem Buchabsatz der Verlage massiv schaden würde. "Unsere Kunden gehören doch zu den aktivsten Käufern von Büchern", sagt er. "Die würden ja nicht plötzlich aufhören, Literatur zu kaufen." Er glaubt, dass sich die Buchbranche stattdessen selber schade, indem sie sich des Werbeeffekts unter den vielen Bibliotheksnutzerinnen und -nutzern beraube. Degkwitz hofft, dass eine neue Regierung das Thema nach der Wahl wieder aufgreifen werde.

Enteignung, Zwang, offene Briefe. Der Konflikt zwischen Büchereien und Verlagen wird scharf geführt, dabei sind beide auf eine gute Zusammenarbeit angewiesen. Und spricht man kurz nacheinander mit Verlegerin Kneissler und Bibliothekenvertreter Degkwitz, scheinen die Gräben auf einmal gar nicht mehr so tief. Das E-Lending sei ein Modell, das in Zukunft noch wichtiger werde. "Da machen wir uns nichts vor", sagt Kneissler. Es müsse aber ein "faires" Vergütungsmodell geschaffen werden, das Verlage und Autorinnen finanziell nicht schröpft.

Das sieht der dbv-Mann ähnlich: Ja, man müsse eine "angemessene" Bezahlung sicherstellen - nur hätten die Bibliotheken einen sehr begrenzten finanziellen Spielraum. Deshalb sei Flexibilität auf beiden Seiten nötig. "Wir und die Verlage haben ja ein gemeinsames Interesse daran, dass die gedruckte und digitale Buchkultur in Deutschland erhalten bleibt", sagt Degkwitz. Man werde bestimmt einer Lösung finden, irgendwann. Was sangen nochmal die Fantastischen Vier? "Doch was du brauchst, das ist Vertrauen und Fantasie"

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