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John Green:Ein Podcast als Buch

John Green

"Meiner Ansicht nach war ich ein rundum unbegabter Mensch": der hochbegabte John Green.

(Foto: Richard Drew/AP)

"Ich bin wirklich sehr, sehr gut darin, Fremde zu googeln": John Greens gesammelte Texte über das Leben im Anthropozän sind eine helle Freude.

Von Alex Rühle

Die Band Von wegen Lisbeth hat vor ein paar Tagen einen neuen Song freigeschaltet, in dem sich zwei Freunde in einer Bar treffen. Der eine sagt, er sei grad "in so einer Phase", in der er sein Leben jetzt mal "ganz neu strukturiert / Und einfach tausend neue Sachen gleichzeitig probiert". Der Sänger wünscht ihm dabei viel Glück, schließt aber mit den flehentlichen Zeilen: "Oder was mit Blockchain? Oder brau' dein eignes Bier. / Aber eines, verspreche mir / Mach doch bitte, bitte, bitte keinen Podcast."

Und damit zu John Green. Von dem wird am heutigen Dienstag ein neues Buch freigeschaltet. Hanser bewirbt es als "Greens erstes Sachbuch", und für alle bekennenden Aficionados ist da Vorfreude höchstens ein schaler Hilfsausdruck. Green ist der Autor von jugendlichen Liebesromanen wie "Eine wie Alaska" oder "Margos Spuren", der dann mit seinem Welterfolg "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" bewiesen hat, dass das mit diesen Jugendbuch-Etikettierungen in dem Moment Quatsch ist, wo einer einfach Wahr- und Schönheit in große Literatur umschmiedet.

Jetzt also "Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?". Darin versammelt er laut Hanser "Facetten dieser Epoche" und wirft "eine berührende Perspektive auf unsere Lebenswirklichkeit". Ja, lieber Hanser-Verlag, das stimmt alles irgendwie. Aber schreibt doch bitte deutlich dazu, dass das Buch größtenteils überarbeitete Folgen seines gleichnamigen Podcasts "Anthropocene Reviewed" versammelt. Weil die Irritation viel geringer ausfällt, wenn man von vornherein weiß, ach so, keine überwölbende "Perspektive", sondern kurze, heterogene Kapitel im rezensierenden Parlandostil; mal zu Phänomenen, die zur Matrix des amerikanischen Alltags gehören - CNN, Kanadagänse, das Rennen von Indianapolis -, mal zu autobiografisch intimen Themen wie Depression oder Mobbingerfahrungen in der Schule, die freilich auch jeweils angedockt werden an die popkulturelle Sozialisation eines 1977 geborenen Amerikaners.

Der Film "Mein Freund Harvey" zeigte Green, dass man verrückt und trotzdem Mensch sein konnte

Wenn man erst mal begriffen hat, dass das Ganze ein so loser wie bunter Strauß an Beobachtungen, Thesen, Themen ist, geht auch bald schon die Sonne auf beim Lesen. Nein, Green bietet keine Lösung an für den Großschlamassel namens Anthropozän. Aber einige der Texte schaffen es, das Kleine sinnstiftend mit dem Großen namens Leben zu verbinden, etwa wenn er in seinem Text über "Mein Freund Harvey" erzählt, wie dieser Film ihn aus seiner suizidalen Depression mit Anfang 20 herausgeholt hat, einfach indem er ihm zeigte, "dass man verrückt und trotzdem ein Mensch sein konnte."

Oder in dem Versuch über Sonnenuntergänge, der das ästhetische Problem daran - Sonnenuntergangsbeschreibungen werden meist rührselig oder sentimental - mit der physikalischen Tatsache verschaltet, dass man erst abends in die Sonne blicken kann, wenn die Lichtwellen einen längeren Weg durch die Atmosphäre nehmen müssen und daraus dann ein Bekenntnis zur Zurschaustellung der eigenen Verletzlichkeit ableitet. Womit vielleicht doch so was wie ein Kern dieses Buchs aufscheint.

John Green hat seit Jahren ein auktoriales Problem im wahrsten Sinne des Wortes: Die Erzähler seiner Romane klingen so authentisch, dass viele Leserinnen und Leser überzeugt sind, dass da jeweils Green selber spricht. Dass mehrere Bücher in seiner Heimatstadt Indianapolis spielen, hat diese Verwechslungsdynamik genauso befeuert wie die Tatsache, dass alle seine Helden so ticken wie er, schüchtern-einfühlsame Spätzünder mit philosophischer Ader und beeindruckendem Triviawissen.

Als Kaplan ist er gescheitert, stattdessen schenkt er heute Millionen Lesern Trost

In den Anthropozän-Texten erzählt Green nun immer wieder ganz offen über sich selbst, so als trete da einer die Flucht nach vorne an: Okay, das hier bin ich wirklich, aber lasst dafür meine Figuren in Ruhe ihr fiktionales Leben leben. Am berührendsten gelingt das vielleicht in "Fremde googeln". In allen Porträts über ihn wird erwähnt, dass Green mit Anfang 20 als Kaplan in einem Kinderkrankenhaus gearbeitet hat. Hier nun erzählt er, warum er das Ganze damals abgebrochen hat: Eines Nachts wurde ein dreijähriger Junge eingeliefert mit schwersten Verbrennungen. Während man im OP hörte, wie die Ärzte um sein Leben kämpften (der Junge war bei Bewusstsein), saß er mit dessen Eltern im Warteraum und hatte ihnen außer seinem verdrucksten Mitleid nichts zu geben. Die Ärzte waren überzeugt, dass der Junge sterben werde. Green gab nach dieser Nacht seinen Plan auf, Theologie zu studieren.

Diese zentrale Erinnerung ist nun eingesenkt in einen Text, in dem sich deJohn Green als kleiner Junge über den Satz seiner Mutter wundert, jeder Mensch habe eine besondere Gabe. "Meiner Ansicht nach war ich ein rundum unbegabter Mensch. Aber wie sich herausstellen sollte, war mein Talent damals nur noch nicht erfunden worden, denn ich bin wirklich sehr, sehr gut darin, Fremde zu googeln." Schließlich hilft es einem zwanghaften Soziophobiker immens, wenn er vor dem Besuch einer Party alle Gäste googeln kann, um dann gesprächstechnisch gewappnet zu sein für eventuelle Begegnungen.

Green dreht alle Bedenken einfach mal um: Ja, wir geben alles ab an die großen Konzerne, ja, es "widert" ihn selbst an, wie einfach man im Leben fremder Menschen herumstöbern kann, andererseits fällt es vielen nun mal leichter, in Digitalien "ihr Innerstes mit der Welt zu teilen." Und so traut er sich 15 Jahre nach dem traumatischen Erlebnis, den Jungen zu googeln, dessen Tod er damals glaubte miterlebt zu haben - und findet ihn auf Facebook.

"Da war er. 18 Jahre alt. Er findet seinen Weg und dokumentiert sein Leben, das viel öffentlicher ist, als ihm wahrscheinlich bewusst ist. Wie könnte ich nicht dankbar dafür sein, dass ich das wissen darf?" Das ist dann doch eine überraschende Wendung. Und fasst zugleich Greens Werk neu ein, denn nach dem Scheitern als Kaplan begann dieser vermeintlich rundum unbegabte Mensch zu schreiben und leistet seither mit seinen Büchern, was er damals im Krankenhaus glaubte nicht zu schaffen: Er schenkt uns Trost, mitten im dunklen Anthropozän.

John Green: Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen? Notizen zum Leben auf der Erde. Aus dem Englischen von Henning Dedekind, Friedrich Pflüger, Wolfram Ströle, Violeta Georgieva Topalova. Hanser Verlag, München 2021. 320 Seiten, 22 Euro.

© SZ/fxs
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