Johann Joachim Spalding Beifall ist ein Geschenk, das man nicht einfordern kann

Johann Joachim Spalding im Hausrock, porträtiert von Anton Graff.

(Foto: bpk/Nationalgalerie, SMB/Kla)

Für Freunde des Glaubens und der Geschichte: Die Briefe von Johann Joachim Spalding, dem Kopf der protestantischen Aufklärung im friderizianischen Berlin.

Rezension von Johann Hinrich Claussen

"Ach, was waren das für Zeiten, als die Menschen noch Briefe schrieben!", möchte man seufzen, wenn man in der neuen kritischen Ausgabe der Briefe von Johann Joachim Spalding (1714 bis 1804) liest. Er war ein Meistertheologe der evangelischen Aufklärung, außergewöhnlich menschenfreundlicher Kirchenfürst im friderizianischen Berlin, Pendant zu Moses Mendelssohn, nichts Geringeres als ein protestantischer "Nathan". Als solcher unterhielt er ein weitgespanntes Netz von Korrespondenzen, von denen leider das meiste im Zweiten Weltkrieg vernichtet wurde.

Doch die Fragmente, die sich erhalten haben, genügen, um einen Ahnung davon zu geben, welch reiches Leben Spalding auch in seinen Briefen geführt hat. In ihnen öffnet sich eine Kultur der Freundschaft, der zivilen Kommunikation, der intellektuellen, kirchlichen und gesellschaftlichen Verantwortung sowie des sprachlichen Ausdrucks, wie man sie in der digitalen Gegenwart meist vermisst.

Kurze Briefe und Bruchstücke an Immanuel Kant, Moses Mendelssohn, den Verleger Friedrich Nicolai oder den Aufklärungstheologen Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem belegen, wie weit Spaldings Horizont war. Leider hatte er ausgerechnet mit den Korrespondenzen, von denen sich die meisten Stücke erhalten haben, kein ungetrübtes Glück. Dass man heute fast alle seine Briefe an den Dichter Johann Wilhelm Gleim nachlesen kann, verdankt sich einer Indiskretion. Als junge Männer hatten die beiden ein anakreontischer Freundschaftskult verbunden. Dieser kühlte sich ab, als Spalding eine Familie gründete und in den kirchlichen Dienst eintrat. Im Jahr 1771 veröffentlichte Gleim - aus enttäuschter Liebe oder verletzter Eitelkeit? - die homoerotisch aufgeladenen Briefe. Für den inzwischen 57 Jahre alten höchsten Geistlichen in Berlin war dies keine kleine Beschämung.

Durchaus mühsam war für Spalding - ebenso wie für Goethe - auch die Freundschaft mit dem dreißig Jahre jüngeren Johann Caspar Lavater. Dieser hatte ihn im Frühjahr 1763 mit seinen Zürcher Freunden Johann Heinrich Füssli, dem später berühmten Maler, und Felix Hess, einem früh verstorbenen Theologen, für einige Monate in seinem Pfarrhaus besucht, um sich "unter Ihren heiteren Lehren zu wahren Gottesgelehrten zu bilden und die unverfälschte Milch der evangelischen Lehre in dem Schoße Ihrer Freundschaft zu genießen". Danach unterhielten die beiden eine intensive Brieffreundschaft, die durch Lavaters zunehmend schwärmerische und aufklärungskritische Frömmigkeit auf die Probe gestellt wurde. Dennoch hielt Spalding über alle Differenzen hinweg die Verbindung aufrecht.

Dass ihm dies gelang, verdankt sich einer charakteristischen Grundüberzeugung, die er in einem Brief an den großen Historiker Johannes von Müller so ausgedrückt hat: "Mir ist es von ganzem Herzen darum zu thun, daß die Menschen durch die Religion weise, gut und glücklich werden möchten. Es dünkt mich, es werde zur Ausbreitung dieser Denkungsart mehr durch gelassene und liebreiche Ueberzeugungen, als durch Bitterkeit des Tadels und des Spottes gewonnen."

Seine reflektierte Menschenfreundlichkeit wurde am schärfsten von dem ebenfalls dreißig Jahre jüngeren Johann Gottfried Herder herausgefordert. 1774 hatte dieser eine extrem scharfe Kritik gegen Spaldings Predigtverständnis veröffentlicht und damit einen der interessantesten theologischen Generationskonflikte ausgelöst. Herder war Spaldings milde Weisheitslehre zuwider, er verachtete dessen "ewige Einförmigkeit, die güldne Mittelmäßigkeit". Eine Predigt solle "keine Rede! - sondern unmittelbarer Wink von Herz zu Herz" sein. So brachte Herder den Sturm und Drang in die Kirche und gegen Spalding in Stellung. Allerdings ließ er es dabei an Fairness und Anstand mangeln. Sein Verhalten war nicht eben ehrlich. So polemisch seine Schrift gegen Spalding geraten war, so überaus höflich, fast unterwürfig war der Brief, mit dem er sie ihm schickte. Wie reagierte nun Spalding?

Seine beiden Antworten an Herder sind Meisterwerke der Noblesse und Souveränität. Er ließ sich nicht zu Gegenaggressionen provozieren: "Denn Beifall ist ein Geschenk, daran man sich freuen kann, nicht aber eine Schuld, die man fordern und über deren Ausbleiben man sich kränken darf." Unbeirrt suchte Spalding nach Gemeinsamkeiten und Punkten, an denen Herder recht haben mochte. Auch zeigte er die Größe, eigene Unzulänglichkeiten zuzugeben. Allerdings ließ er es sich nicht nehmen, den Briefempfänger taktvoll auf das Problematische seines Verhaltens aufmerksam zu machen: "Ich ehre von ganzem Herzen die großen Talente, die Gott Ihnen gegeben hat; aber ich bitte Sie, sie durch Klarheit, Sanftmuth und unparteiische Billigkeit den Predigern und den Menschen nützlicher zu machen." Der Jüngere mochte genialischer sein, als die reifere Persönlichkeit erwies sich der Ältere.

Der schönste Brief in diesem Band übrigens ist der kürzeste. Spalding hat ihn mit 64 Jahren an einem Sommermorgen, dem 26. Juni 1778, an seine Frau Maria Charlotte geschrieben. Er war zur Erholung in ihr kleines Charlottenburger Landhaus gefahren und dort so früh zu einem Spaziergang aufgebrochen, dass er schon zwischen fünf und sechs Uhr seiner in Berlin gebliebenen Frau davon berichten konnte: "Ich komme eben jetzt von einem Spaziergange zurück, den ich vielleicht in meinem Leben nicht schöner gehabt habe. So viel Liebliches und Mildes in der ganzen Natur! Ich ging langsam neben dem Wasser bis gegen die Zelten (eine idyllische Promenade von Charlottenburg bis zum Tiergarten) hin. Mich dünkt, ich sähe die wohlthätige erfreuende Gottheit in jedem Anblick, auf welchen ich mein Auge umher warf, fühlte sie in jedem anmuthigen Hauche der Luft, des Grases und Laubes. Ich setzte mich endlich, in Freude verloren, auf ein beschattete Bank, wo die geschmückte Welt ausgebreitet und offen vor mir lag. O Freundin Gottes und meine, warum saßen Sie nicht neben mir!"

Johann Joachim Spalding: Briefe. Hrsg. von Albrecht Beutel und Olga Söntgerath. Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2018. 442 Seiten, 119 Euro.

Friedrich der Große Der schwule Fritz Bilder

Friedrich der Große

Der schwule Fritz

Friedrich II. vertraute seinem Kammerdiener Fredersdorf blind bei Geld, Spionen und Hämorrhoidenleiden. Der Briefwechsel zeigt den Preußen-König ohne Legende - dafür voller Liebe.   Oliver Das Gupta