Jeff Koons Retrospektive Koons'sche Märchenwelt

Die Zielstrebigkeit, mit der Koons sein Atelier zu einem regelrechten Luxusgüterkonzern ausgebaut hat, mit einem Heer von Angestellten, Materialforschungsabteilung, Zulieferbetrieben in Deutschland und etlichen Großgaleristen, die dafür zu sorgen haben, dass sich immer wieder gierige Finanziers für immer teurere Produktionen finden: Das alles macht Koons gerade für marxistische Analysen eher interessant als verdächtig.

Die grimmige "Criticality" der Theorie versteht sich in der Regel als das Gegenmittel zu der dauerbegeisterten Salesman-Attitüde, in der Koons sogar seine Galeristen weit hinter sich lässt. Viele stehen im Bannkreis seiner Persona, man spürt das, wenn er den Arm um einen aufgeregten Jungkurator legt und mit der anderen Hand den gereckten Daumen in die Kameras hält und lächelt, lächelt, lächelt. Und wenn Begriffe wie "wonderful", "engagement" und "transcendence" aus ihm herausgehaucht kommen und durch den Zuhörer mehr widerstandsfrei hindurch diffundieren, als dass sie ernsthaft gehört und verarbeitet würden. Die midasfingrige Fähigkeit, alles und alle um ihn herum in willige Bestandteile der Koons'schen Märchenwelt zu verwandeln, ist beträchtlich.

Man ist in Koons freundlich lächelnder Kunst praktisch gefangen.

(Foto: AFP)

Es ist viel über die spiegelglatten Oberflächen geschrieben worden, in deren Tiefe jeder Betrachter und also auch jeder Kritiker schon deshalb ertrinken muss, weil er sich da ständig selber sieht, Ablehnung und Missgunst aber schlagen auf den Schauenden zurück, und mildes Lächeln ist fast schon Affirmation. Das ist nicht nur ein narzisstischer Trick, es hat schon etwas Totalitäres. Jeff Koons hat seine letzte große Serie 2013 präsentiert, in dem Jahr der Snowden-Enthüllungen über das Ausmaß unserer Überwachung.

Spiegelnde Metallbälle

Die "Gazing Balls" sind blaue, spiegelnde Metallbälle, die zum Beispiel einer vergrößerten Kopie des Herkules Farnese auf der Schulter sitzen. Die Welt als Google zu bezeichnen ist leider erstens ein Kalauer, der zweitens nur auf Deutsch funktioniert, und die spiegelnden Kugeln haben eine Tradition, die über den Gartenschmuck im ländlichen Pennsylvania bis in das Venedig des Mittelalters reicht. Aber diese Bälle sehen tatsächlich selber, und zwar rundherum alles. Man kann nicht aus ihrem Sichtfeld schleichen und diese Skulpturen unbeteiligt und von außen her betrachten.

Man ist in dieser freundlich lächelnden Kunst praktisch gefangen, und dass die Gemälde, die Koons von seinen Gehilfen malen lässt, demgegenüber in jeder Hinsicht stumpfer sind (wie Rosenquists für Kinder, könnte man sagen): Das ist da auch schon fast eher ein Trost als ein Kritikpunkt. Man kann nicht anders, als diese Retrospektive im Whitney Museum überwältigend zu nennen, es ist sehr schön, sehr glänzend, sehr bunt und sehr groß, und irgendwann möchte der klein gemachte Betrachter gerne aus Onkel Koons' lächelndem Paradies wieder abgeholt werden. Aber das kann er dann nur selber erledigen.

Jeff Koons: A Retrospective. Whitney Museum of American Art, New York, bis 19. Oktober. Danach in Paris und Bilbao. Katalog (Yale) 65 US-Dollar. Info: www.whitney.org