Französische Literatur In der Schweinebucht

Die Schilderungen der Schweinezucht und ihrer monströsen Bedingungen gleichen bei Del Amo apokalyptischen Höllenbildern. Trotzdem ist der Roman kein Plädoyer für den Tierschutz, sondern Literatur.

(Foto: imago/United Archives)

Gülle und Jauche durchströmen die Koben: Jean-Baptiste Del Amo hat einen dunkel glühenden Roman über eine Schweinezüchterfamilie geschrieben.

Von Harald Eggebrecht

Das Leben auf dem Land ist nicht schön. Es hat nichts Idyllisches. Es strotzt von Dreck und Nässe, von Düsternis und Härte, von Gewalt und Schweigen, von schlimmer Sozialkontrolle und ohnmächtigem Aufbegehren, zuletzt immer nur vom Verschwinden im Tod.

In seinem Roman "Tierreich" erzählt Jean-Baptiste Del Amo, 1981 in Toulouse geboren, mit vor Intensität und Ausdrucksdichte bebendem Ton die Geschichte einer Familie, geboren aus Unfreiheit und Zwang, aus sturer, alle Sensibilität fast auslöschender Landarbeit bis zur Erschöpfung, aus Selbsthass und Missgunst, aus Schroffheit und Abwehr, aus Dumpfheit, Wut und Zerstörung: "Dieser Körper ist ihr fremd, ebenso wie das Wesen, das ihn ausmacht, dieser wortkarge und kränkliche Vater, mit dem sie, seit sie auf die Welt gekommen ist, nicht mehr als hundert Worte gewechselt hat, dieser armselige Bauer, der schuftet bis zum Umfallen und dadurch sein Ende beschleunigt, als ob er es eilig hätte, es hinter sich zu bringen, aber erst nach der Ernte, nach der Aussaat, nach dem Pflügen, nach ..."

Die Tochter Éléonore, die da neben ihrem Vater sitzt, wird im Laufe dieser in vier Teilen aufgebauten Passionsgeschichte zur Ahnin des Bauerngeschlechts. Die ersten zwei Abschnitte spielen vor und im Ersten Weltkrieg, während der traurige Höhepunkt und der unausweichliche "Untergang" 1981 geschehen. Es ist ein Geschlecht, das Éléonore als alte Frau selbst für verdorben und verflucht hält. Schon als kleines Mädchen entwickelt sich zwischen ihr und der Mutter, die Del Amo "Erzeugerin" nennt, ein nahezu wortloser Hass, geboren aus zwanghafter Frömmelei und handgreiflicher Grausamkeit der Mutter und ihrer kreatürlichen Angst vor der ihr fremden Tochter, da die ja irgendwann ihr das Regiment über den schäbigen Hof irgendwo in der Gascogne wegnehmen wird. Diese ferne Bedrohung wird wahr, als ihr todkranker Mann seinen Neffen Marcel auf den Hof holt, damit der nun mit frischen Kräften die Landschufterei in der gleichen selbstmörderischen rücksichtlosen Weise übernimmt. Mit wachsendem Angstargwohn beobachtet die Erzeugerin die scheuen Blicke und Gesten zwischen Éléonore und Marcel.

Man meint, sie riechen zu können bei all ihren körperlichen Verrichtungen

Dann kommt der Krieg, Marcel muss an die Front, die Kluft zwischen Mutter und Tochter wird abgründig. Die Junge spürt, dass die Alte, längst Witwe geworden, nun ihren Herrschaftsanspruch aufrechterhält. Sie belügt sogar die Tochter, denn Marcel ist nicht tot, wie sie Éléonore glauben lässt und sie damit in gotteslästerliche Verzweiflung stürzt, in deren Zuge sie die Dorfkirche verwüstet. Doch als er zurückkehrt, steht ein anderer vor ihr, das Gesicht halb zerstört und zur Monstervisage durch den Krieg und die Nachoperationen verunstaltet: "Ein roter Bart bedeckt einen Teil seiner Wangen, aber die linke Hälfte besteht nur aus Narbengewebe, glatt und bleich an einigen Stellen, zerfurcht und aufgeschwollen an anderen. Der zerstörte Backenknochen bildet eine Kuhle unter dem blinden Auge, denn an dessen Stelle befindet sich nur noch eine leere und verschlossene Augenhöhle, über der das Lid festgenäht wurde. Die Wange durchzieht eine wulstige Narbe, die über das Kinn bis hinunter zum Hals verläuft."

Diese Beschreibung ist ein eindringliches Beispiel dafür, wie nah Del Amo an seine Protagonisten heranrückt und auch bei ihnen bleibt. Man meint, sie atmen, stöhnen, sich schnäuzen zu hören, sie riechen zu können bei all ihren körperlichen Verrichtungen, von denen er keine auslässt, mit ihrem Arbeitsschweiß, ihren Ausdünstungen nach Alkohol, Essen oder Rauch. Man sieht die Erzeugerin, "eine dürre Frau mit rotem Nacken und abgearbeiteten Händen" ebenso vor sich wie ihren armseligen schuftenden Mann, tritt gleichsam in den Dreck, der an dessen Schuhsohlen klebt, sieht die verschmutzten Kleider, die die Frauen nur einmal im Frühjahr an den Fluss ziehen, um sie endlich zu waschen, nimmt den Morast, den Schlamm aus Tierexkrementen und zertretender Gleichgültigkeit der Hofbewohner so wahr, als gebe es keine Ausflucht.

In den Teilen, die 1981 spielen, ist dann Éléonores und Marcels Sohn Henri der erbarmungslose Patriarch der Familie. Die Ahnin lebt zurückgezogen als Zeugin der unaufhaltsam sich ins Katastrophische drehenden Familiensaga. Henri sieht in der Schweinezucht sein Heil, sein ältester Sohn Serge versucht, dem Vater alles recht zu machen, der zweite, Joel, hat dagegen keine Chance in den Augen des mitleidlosen Vaters, der auch gegen sich kein Pardon kennt.

Hier sind Menschen zu erleben, in all ihrem Verhängnis, ihrer Wut und Ohnmacht

Er ist schon vom Krebs unheilbar gezeichnet, ausgelöst durch Pestizide und andere Sprühmittel. Die Schilderungen der Schweinezucht und ihrer monströsen Bedingungen gleichen apokalyptischen Höllenbildern: Gülle und Jauche durchströmen nicht nur die Koben und Buchten der gequälten Sauen, die in einem ununterbrochenen Kreislauf des Entsetzens aus Fressen, Paarung, Abferkeln dahinvegetieren, bis sie nur mehr schlachtreif oder für den Abdecker bereit sind.

Währenddessen flieht Serges Frau Catherine in den Wahn krankhafter Müdigkeit, träumt Joel von Männern, zeigt die nächste Generation, der stumme Jérôme und seine laszive Schwester Julie-Marie, dass sie in diesem Pfuhl aus schreienden, sterbenden, sich deckenden Schweinen und den rohen Anstrengungen der Männer keine Chance hat. Zum Symbol des Unheils und Verhängnisses der Familie wird der Rieseneber La Bête, auf den der Patriarch Henri seine ganze Hoffnung setzt, die Vorahnung einer expandierenden, florierenden neuen Schweinezucht. Doch La Bête entflieht eines Nachts, ab da verfällt Henri bis zum Zusammenbruch der Suche nach dem Eber. Serge ertränkt seine Sehnsucht nach väterlicher Anerkennung in Alkohol, Joel entdeckt eine unheilvolle Infektion unter den Tieren. Rauchwolken steigen am Ende über dem Hof auf.

La Bête aber bleibt frei und versteckt sich vor Verfolgern in einem alten Bauernhaus: "Die Sträucher und Ranken haben das Dach und die Decke ersetzt, ein dichtes und schützendes Gewölbe gewebt. Er riecht den Geruch von Menschen, weit entfernt, von den Jahren wie verdünnt und seltsam beruhigend. Er räumt eine Ecke frei und streckt sich an einer Wand aus. Sein waches Auge durchdringt die Nacht."

Tatsächlich vermag Del Amo in seinem erzählerischen Ingrimm diese Bauernwelt so ausweglos zu beschwören, dass es trotz aller Widerwärtigkeiten dieser furchtbaren Lebensenge, in der alle ge- und befangen sind, trotz aller Aversion gegen die Brutalitäten, mit denen Tiere, ganz gleich ob Hund, Katze, Huhn, Rabe oder Schwein hier misshandelt werden, keinem gelingen wird, diesen Roman gleichsam distanziert kühl zu lesen. Eher wird man ihn erschrocken vor so viel maßloser Armut, Grausamkeit, Hartherzigkeit und Mitleidlosigkeit beiseitelegen, um sich diesem wütenden Erzählstrom nicht hingeben zu müssen.

Doch wer den Mut hat, sich auf diesen Duktus manchmal fast verzweifelten Zorns, der schriftstellerische Präzision kaum verlässt, einzulassen, der lernt ein in all seiner Fürchterlichkeit großartiges Buch kennen, im Deutschen dank der tollen, bewunderungswürdig sprachreichen Übersetzung von Karin Uttendörfer. Jean-Baptiste Del Amo verrät die Personen nicht an ein Programm, wie manche meinen, weil er selbst vegan lebt, kein gutes Haar an solcher Art vermeintlich konsumverpflichteter Tierquälerei lässt und sich bei einer französischen Tierschutzorganisation engagiert. Nein, hier sind Menschen zu erleben in all ihrem Verhängnis, ihren Verzweiflungen, ihrer Wut und Ohnmacht, in ihren kläglichen Gefühlsbewegungen und ihren andere und sich selbst zugrunde richtenden Ängsten. Das hat durchaus mit Émile Zolas naturalistischer Vehemenz zu tun. Wer's gelesen hat, wird den Ort Puy-Larroque und den Untergang der Schweinezüchter nicht vergessen.

Jean-Baptiste Del Amo: Tierreich. Roman. Aus dem Französischen von Karin Uttendörfer. Matthes & Seitz, Berlin 2019. 440 Seiten, 26 Euro.