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Jazz:Zeitgenössisch

Vijay Iyer macht auf seiner neuen CD "Far From Over" mit seinem Sextett auf beeindruckende Weise Avantgarde nachvollziehbar. Hier sprühen die Ideen in einer Frequenz, an der ein Komponist lange arbeiten müsste.

Was so ein Jazzmusiker alles im Kopf hat, zeigt sich oft deutlich, wenn die Grenze zur zeitgenössischen Musik verwischt. Der Pianist Vijay Iyer lässt sowieso gerne alle Grenzen hinter sich. Aber auf dem neuen Album "Far From Over" (ECM) seines Sextetts sprühen die Ideen in einer Frequenz, an der ein Komponist lange arbeiten müsste. Solo und im Trio kennt man das von ihm. In seinem Sextett fungiert Iyer aber gleichzeitig als eine Art Regisseur der Inspirationen. Die drei Bläser (Graham Haynes an Kornett und Flügelhorn, Steve Lehman am Alt- und Mark Shim am Tenorsaxofon) können ihm da kongenial folgen. Die herausragende Figur des Albums ist jedoch der Schlagzeuger Tyshawn Sorey, der Iyer nicht nur folgen, sondern ihm sogar etwas entgegensetzen kann.

Die Konsequenz, mit der Iyer und Sorey die rhythmische Struktur eines Stückes auflösen können, um dann gemeinsam aus der Auflösung neue Formen zu entwickeln, ist beeindruckend. Da verzeiht man ihnen auch, dass die beiden Versuche, sich dem Funk und dem Hip-Hop anzunähern, etwas ungelenk geraten. Wenn sie, wie in dem Stück "Down To The Wire", einen sehr eigenen Swing finden, oder wenn Iyer dem Schlagzeuger wie in "Good On The Ground" die Rolle des Leaders überlässt, haben sich zwei gefunden, die sich sehr einig sind, dass Rhythmus und Melodieführung ein und dasselbe sein können.

Es ist über zehn Jahre her, dass Vijay Iyer und Tyshawn Sorey gemeinsam im Studio gearbeitet haben. Beide haben sich in der Zwischenzeit enorm entwickelt. Beide haben sich jenseits des Jazz als zeitgenössische Komponisten einen Ruf erarbeitet, der ihnen heute ebenso großen Respekt einbringt wie im Jazz. Dass sie es mit dem Sextett nun schaffen, mit "Far From Over" ein Album vorzulegen, mit dem sich der aktuellen Stand der Avantgarde durchaus auch einem breiteren Publikum erschließen kann, ist ein großer Verdienst.

Mit Tyshawn Sorey hat das Jazzfest Berlin in diesem Jahr übrigens erstmals einen "artist in residence" gekürt. Was eine hervorragende Idee ist.

© SZ vom 11.09.2017
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