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Jazz:Suite für ein Telefon

Carla Bey Trio

Eine schnellfingrige Virtuosin ist die Jazzpianistin Carla Bley nie gewesen. Sie schuf Größeres.

(Foto: Caterina de Perri / ECM Records)

Ton um Ton: Die Pianistin Carla Bley hat ihr aktuelle Album "Life Goes On" mit den alten Weggefährten Steve Swallow und Andy Sheppard eingespielt.

Ein Flügel ist ein herrliches Instrument. Man muss nur einen Ton anschlagen, entschlossen, am besten im nicht ganz tiefen Bass, dort, wo es tief und bauchig und zugleich drahtig klingt. Schon füllt sich der Raum mit Wärme und Erwartung: "Dong", und was kommt dann? Mit einem solchen Ton, mit einem Kontra-As, beginnt das Album "Life Goes On" (ECM Records), das die Pianistin Carla Bley zusammen mit zwei alten Weggefährten, dem Bassisten Steve Swallow und dem Saxofonisten Andy Sheppard, im vergangenen Frühjahr in einem französischen Tonstudio einspielte. Auf das As folgt eine Tonreihe, wie man sie in solcher Schlichtheit seit den frühen Siebzigern wohl selbst unter Amateuren für nicht mehr spielbar hielt: ein langsamer Blues, ein einfaches Schema mit zwölf Takten und drei Tonarten. Ein Grundton, eine Oktave, eine kleine, dann eine große Terz, mit äußerster Behutsamkeit gespielt, so als würde man gerade erst lernen, einen Ton nach dem anderen zu setzen und als wäre man des Fortgangs noch nicht sicher. Aber dann tapsen die vertrauten Intervalle durch den Raum, und je mehr von ihnen kommen, desto sicherer wird der Schritt.

Eine schnellfingrige Virtuosin war Carla Bley nie gewesen. Sie schuf Größeres: Werke von hohem Geist, getragen von einer schon abenteuerlichen Fantasie, was man mit Akkorden alles anstellen kann, Kompositionen von abgründiger, manchmal bizarrer Schönheit, in denen das Herzergreifende binnen zwei Takten ins Ironische übergeht und am Ende meist der Witz triumphiert. Das neue Album ist anders, zumindest in seiner ersten Hälfte. Im Begleitheft sind ein paar Verse abgedruckt, zu singen im Dreivierteltakt, über den Refrain eines alten Schlagers: "Carla was hit by a bucket of shit / and the band played on. / She opened the door and was hit by some more / and the band played on." Fast 82 Jahre ist Carla Bley nun alt, und worin immer der Dreck bestand, der sie traf: Zu Beginn des neuen Albums ist es, als rappelte sie sich auf, als suchte sie gleichsam die müden Knochen zusammen und hakte sich bei ihrem Lebensgefährten Steve Swallow unter, um sich erst allmählich aufzurichten und dann doch wieder zur früheren Leichtigkeit zurückzukehren. Gegenwärtig aber, von vornherein und an jeder Stelle, ist die Erfahrung der vergangenen sechzig Jahre. Der Blues mag einfach sein, aber so frei und reif ist er selten intoniert worden - weshalb Carla Bley mit dem letzten Ton eines jeden Taktes ein wenig wartet und ihn dann gleichsam mit spitzem Finger anschlägt: "Ploing".

Es ist beinahe alles wie früher, allerdings in vorsichtigen Tempi

Aus drei Suiten besteht das Album. Die erste ist der Rückkehr ins Leben gewidmet: Auf "Life Goes On", den Blues, in den bald der Bassist und der Saxofonist einfallen, folgt ein Duo mit Steve Swallow, das auf einer chromatisch abfallenden Basslinie gründet. Wollte man im Rahmen der Geschichte mit dem Eimer Dreck bleiben, erzählte dieses Stück davon, wie sich die Heldin erhebt und den Schmutz abschüttelt, während der Bass ihr dabei hilft und am Ende das Saxofon die Rückkunft besserer Tage verspricht. Der dritte Teil der Suite, "And On" benannt, sorgt dann dafür, dass man diesem Versprechen tatsächlich glaubt: Denn für die ersten vier Töne werden die Intervalle aus John Coltranes Klassiker "Giant Steps" (1960) verwandt. Tatsächlich hebt sich die Stimmung mit Riesenschritten, und der schwarze Humor ist auch wieder da. In der folgenden Suite, "Beautiful Telephones" geheißen, ist dann schon beinahe alles wie früher, allerdings in vorsichtigen Tempi. Der erste Teil lebt von der Spannung zwischen den dunklen Akkorden des Klaviers und einem Thema, das nur aus zwei Halbtönen besteht und vom Bass gespielt wird. Und wer mag, kann nach dem Grundton fahnden: Er besteht in einem "F", ist fast immer zu hören und wird doch selten gespielt.

Einer der ersten Sätze, die von Donald Trump nach seinem Einzug ins Weiße Haus zu hören waren, lautete: "These are the most beautiful phones I've ever used in my life", "das sind die schönsten Telefone, die ich in meinem Leben benutzt habe". Carla Bley soll dieser Satz als Inspiration für die Suite gedient haben: So wäre dann der ausgesparte Grundton zu deuten, wie auch die sich immer weiter um einen Ganzton emporschraubende Akkordfolge im zweiten Teil, die sich plötzlich in eine andere Akkordfolge auflöst, und der überraschende dritte Teil, der Thelonious Monk und Erik Satie zitiert, um dann plötzlich in einem Zitat aus "My Way" zu enden. Frédéric Chopins "Trauermarsch" befindet sich plötzlich in Gesellschaft des "Yankee Doodle", die Lage scheint also einigermaßen finster zu sein. Und wie zum Trotz: Thelonious Monk. Er war im Werk Carla Bleys immer gegenwärtig, als Vorgänger und Inspirationsquelle. Am Ende dieses Albums aber, in einem Stück namens "Copy Cat III" lugt er aus jedem Winkel hervor, wie ein mit sich selbst multiplizierter Springteufel, der hier eine lange Nase dreht und es dort mit einem Hüftschwung versucht.

Auf dem Cover des Albums ist Carla Bley zu sehen, wie sie einem Notenblatt nachsieht, das über den Flügel davonzufliegen scheint. Auf dem nächsten Bild, im Booklet abgedruckt, ist dann zu sehen, wie eine fremde Hand das flüchtige Blatt ergreift. Es wird die Hand eines der beiden Mitspieler sein, mit denen Carla Bley schon seit 25 Jahren arbeitet. Wie eng und fein ihr Zusammenspiel in dieser langen Zeit geworden ist, davon zeugt die Suite "Copy Cat" auf programmatische Weise: Spielt einer der drei Musiker eine Sequenz, wird sie danach von einem anderen Musiker aufgegriffen oder variiert (weshalb die Teile "After You", "Follow the Leader" und "Copy Cat" heißen). Diese Art des Zusammenspiels wird auch im Kleinen und Kleinsten praktiziert, in Motiven und Wendungen, Klangfarben und rhythmischen Akzenten, sodass ein Eindruck von großer Behendigkeit und Flüssigkeit entsteht: erstaunlich für ein Album, das mit einem dicken, runden As begann.

© SZ vom 04.03.2020

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