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Jazz:Ich gebe mich geschlagen, Schatz

New Jazz Festival in Moers - Brötzmann

„Wenn ich im Wald spaziere oder durch eine Stadt schlendere, pfeife ich immer Stücke, die ich mein ganzes Leben im Kopf hatte“: Peter Brötzmann.

(Foto: dpa)

Der Jazz-Pionier Peter Brötzmann kündigt auf seinem Soloalbum den radikalen Rückzug an, den Abschied von der Avantgarde. Meint er das ernst?

Der Saxofonist und Free-Jazz-Pionier Peter Brötzmann hat ein Solo-Album veröffentlicht, das man als Grundsatzerklärung zum Zustand der Avantgarde verstehen kann. Der Großteil der zwölf Stücke sind Standards. Auf dem Cover erklärt Brötzmann das zum Rückzug ins Private, den man als Akt der Rebellion verstehen kann. "Ich bin nicht mit einem Konzept ins Studio gekommen", schreibt er da im Covertext. "Wenn ich im Wald spaziere oder durch eine Stadt schlendere, pfeife ich immer Stücke, die ich mein ganzes Leben im Kopf hatte."

Brötzmann inszeniert diesen Rückzugähnlich radikal, wie einst den Sturm auf Harmonie und Rhythmus. Ohne Begleitung, ohne Hall und Be-Bop-Phrasierung drängt sein Saxofon mit einer Direktheit aus den Lautsprechern, der man beim Zuhören nicht entkommt. Und wenn er "I Surrender Dear" als Eröffnungs- und Abschlussstück spielt, jenen Song, mit dem Bing Crosby seinen ersten Hit hatte und den Nat King Cole und Ray Charles später zur Ballade herunterbremsten, wirkt das wie eine Absage an jene Avantgarde, die er selbst 1968 mit dem Album "Machine Gun" musikalisch so letztgültig radikalisierte, dass er bis heute den Ruf des Free-Jazz-Berserkers nicht mehr losgeworden ist. Nicht ganz zu Unrecht. Er kann das gesamte Register seines Tenorsaxofons mit einer solchen Kraft in eine Klangwalze verwandeln, die die Zuhörer immer noch überwältigt. Auch auf dem Album gibt es solche Momente. Aber um die geht es nicht.

"Was in den Sechzigern Revolution genannt wurde, war nicht mehr, als der logische Schritt in die richtige Richtung", schreibt er da weiter. "Stark, aber nicht stark genug, wenn man das, was derzeit in der Musik und der Kunst passiert anhört und betrachtet. Es gibt zwei Wege, dieses Leben zu meistern - man kann versuchen, clever zu sein und Erwartungen zu erfüllen, oder man kann einen (manchmal sehr masochistischen ) Spaziergang durch Zeit und Ewigkeit unternehmen, um herauszufinden, was mit einem nicht stimmt. Deswegen bin ich damit so beschäftigt und . . . fuck the rest of the world". Dann setzt er ein Zitat des Theoretikers Slavoj Žižek dahinter: "Die Linke hat keine Antworten mehr, deswegen liebt sie die Moral so sehr, anstatt etwas für die Ausgebeuteten zu tun." Muss man den Albumtitel also wörtlich verstehen? "Ich gebe mich geschlagen, Schatz"? Immerhin waren Free Jazz und abstrakter Expressionismus in den Sechzigerjahren eine Utopie, die sehr viel weiter ging, als die Kampfansage gegen die Konventionen der Musik und der Kunst reichte. Gerade im Free Jazz steckte die Hoffnung, dass im Kollektiv der großen Individuen ein noch größeres Gesamtkunstwerk der Solidarität stecken könnte. Brötzmanns Rückzug ins Private einer Jazz-Klassik der reinen Interpretation wäre also Absage und Bankrotterklärung zugleich. Hätte er fast zeitgleich nicht noch zwei Alben veröffentlicht. Zum einen "Fifty Years Later" (Trost), das er gemeinsam mit dem Pianisten Alexander von Schlippenbach und dem Schlagzeuger Han Bennink live aufgenommen hatt. Da zeigen die drei Weggefährten, dass sie in diesen fünfzig Jahren eine gemeinsame Sprache entwickelt und bewahrt haben, mit der sie aus den Momenten heraus eine gemeinsame Musik und den Gegenbeweis zu "I Surrender Dear" entwickeln.

Und dann ist da noch "South Moon Under" (HL/BR), eine Konzertaufnahme aus dem derzeit so wegweisenden Kulturzentrum Pioneer Works in Brooklyn, bei der er gemeinsam mit seiner aktuellen Wegbegleiterin Heather Leigh spielt. Die 38 Jahre jüngere Amerikanerin spielt Pedal-Steel-Gitarre, ein Hybrid aus Zither und Gitarre, das sonst im Country für melancholische Atmosphäre sorgt. Was die beiden aus der Klangschnittmenge der Holzblasinstrumente und Stahlsaiten herausimprovisieren ist so eigenartig wie gelungen.

Sicher, Brötzmann hat schon Recht, wenn er mit seinem Solo-Album einer Avantgarde die Absage erteilt, die ihre gesellschaftliche Relevanz und ihre künstlerische Wucht verloren hat. Was er ja weniger der Avantgarde als der Gesellschaft vorwirft, die Freiräume so bereitwillig aufgibt. Gerade deswegen steckt in "I Surrender Dear" eben nicht nur Resignation, sondern im Kontext der drei Alben ein Wille zum ständigen Aufbruch, der die Grundbedingung freier Improvisation bleibt.

Denn es ist ja keineswegs so, dass Free Jazz eine Domäne der Vergangenheit und ihrer alten Helden ist. Es gibt genügend Beispiele, dafür, dass radikale Freiheit lebendig bleibt. In der Musik des Saxofonisten Mats Gustafsson und seiner Gruppe The Thing, in den ausgesprochen komplexen Werken des Schlagzeugers Tyshawn Sorey, im politisch radikalen "Coin Coin"-Projekt von Matana Roberts und in den Experimenten der Flötistin Nicole Mitchell. Die Widersprüchlichkeit, mit der Peter Brötzmann mit seinen drei Alben in den Diskurs eingreift, zementiert deswegen weniger seinen Rückzug als seine Gültigkeit als Musiker mit Gespür fürs Hier und Jetzt.

© SZ vom 31.12.2019

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