Jan-Ole Gerster "Jetzt warten's nicht so lange"

Nicht noch mal sieben Jahre: Regisseur Jan-Ole Gerster.

(Foto: Studiocanal)

Sieben Jahre lang war "Oh Boy"-Regisseur Jan-Ole Gerster gehemmt, verfolgt von einem Kompliment von Michael Haneke. Nun stellt er seinen Film "Lara" vor. Eine Begegnung.

Von Alex Rühle, München

Bayrischer Hof, Emporencafé, gediegenes Tassengeklapper. Jan-Ole Gerster ist noch nicht da, gestern war Premierenfeier von "Lara", endlich, die Pressefrau sagt sehr dezent, alle Fragen seien natürlich erlaubt, aber vielleicht nicht gleich auf die sieben Jahre ansprechen .

.. Vor sieben Jahren hatte hier, auf dem Münchner Filmfest, "Oh Boy" Premiere, der Film eines unbekannten Berliner Debütanten, gedreht in Schwarz-Weiß, über einen jungen, wortkargen Mann, der einen Tag lang durch die Hauptstadt treibt und vergeblich versucht, eine Tasse Kaffee zu bekommen. Der Rest ist Geschichte, Bayerischer, Deutscher, Europäischer Filmpreis, der kleine große Film reiste um die Welt, der Regisseur Jan-Ole Gerster reiste mit. Und dann war er irgendwie weg. Tom Schilling, sein Protagonist, der den ziellosen Studienabbrecher gegeben hatte, spielte danach extrem zielstrebig eine Hauptrolle nach der anderen, Woyzeck, Brecht, Kurt Barnert aka Gerhard Richter, aber was macht eigentlich dieser Jan-Ole Gerster? Die einen sagten, er arbeite an einer Verfilmung von Christian Krachts "Imperium", dann hieß es wieder, er sei in L. A. gesichtet worden und sitze an einem großen Film über das Berlin der Neunzigerjahre.

Jetzt ist der 41-Jährige also endlich wieder da - ein großer Schlaks, der erst mal Cola und Cappuccino bestellt, weil es wohl doch sehr spät wurde beim Feiern, und so ziemlich das Erste, was er von sich aus sagt, bezieht sich auf die sieben Jahre Pause. Es geht gerade um Corinna Harfouch, seine neue Hauptdarstellerin, um ihre Figur Lara, eine sechzigjährige Frau, die als Jugendliche rasend gern Pianistin geworden wäre, aber dann von ihrem Lehrer einen derart toxischen Satz zu hören kriegte, dass sie ihren Traum begraben hat. Wodurch ihr weiteres Leben zu einem ziemlichen Albtraum wurde. Diese Lara erinnert von ferne an Isabelle Huppert in Michael Hanekes "Klavierspielerin". Das Beherrschte, Verkapselte. "Ouuu", sagt Gerster und lacht, "Haneke ... Der hat nicht unbeträchtlich mit diesem Film zu tun. Beziehungsweise mit der langen Zeit davor."

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Gerster hatte im Zuge von "Oh Boy" ein Stipendium in der Villa Aurora, in L. A., und verbrachte dort seine Wochen damit, die Filme von Haneke zu studieren und seine Interviewbücher zu lesen. "Und ich hab mich immer wieder bei dem peinlichen Gedanken erwischt, wie wohl Haneke auf 'Oh Boy' reagieren würde. So wie er über Filme schreibt, würde er den bestimmt total hassen. Abends hab ich dann alle Mitstipendiaten genervt." Die saßen entspannt in der Küche, bis dieser Gerster wieder mit seinem Haneke-Ziegel reinkam und sagte: "Lasst uns doch noch mal über 'Funny Games' reden."

Haneke gratulierte ihm, aber von da an saß ein kleines Wiener Männchen auf seiner Schulter

Eines Morgens hatte er dann eine Mail von Haneke im Postfach. Betreff: "Oh Boy". Zunächst dachte er, einer seiner Mitstipendiaten wolle ihn verarschen. Aber die Mail war tatsächlich von Haneke. "Er schrieb, dass er mir nur sagen wolle, dass ihn sehr selten ein deutscher Film gleichermaßen so amüsiert und angerührt hat wie 'Oh Boy' und dass er mir alles Gute wünscht. Dass ich ein Talent sei und er sich sehr auf meinen zweiten Film freut."

Ein größeres Lob wäre in dem Moment kaum vorstellbar gewesen. Leider hatte das dann aber zur Folge, dass ihm von dem Tag an beim Drehbuchschreiben permanent so ein kleines Wiener Männchen auf der Schulter saß, das sagte: "I gfrei mi auf Eanan nextn Füm." Gerster kriegt das Wienerische ziemlich gut hin, der Satz, grundfreundlich gemeint, bekommt plötzlich was Diabolisches, oder zumindest spöttisch Abwartendes. Gerster sagt das Ganze natürlich ohne anklagenden Ton. Eher belustigt. Was ein einzelner Satz für eine verquere Wirkung haben kann.

„Sie tritt immer mit der Hacke zuerst auf“: Der Film „Lara“ ist ein Denkmal für die Hauptdarstellerin Corinna Harfouch.

(Foto: Studiocanal)

Gerster versuchte sich an "Cool Germania", einem Projekt über die Clubs und das Berlin der Neunzigerjahre. Haneke saß dabei und freute sich ganz extrem darauf. Gerster arbeitete an der Adaption von "Imperium". Große Vorfreude beim Haneke-Zwerg. Und so ging die Zeit ins Land. Irgendwann sehnte er sich nach einem Gegenüber. Einem Co-Autor, mit dem man gemeinsam in aller Ruhe Dinge ausspinnen kann. Er fand ihn in dem Slowenen Blaž Kutin. Der erwähnte eines Tages ein Drehbuch, für das er zwar Preise bekommen hatte, das aber nie verfilmt worden war und seit Jahren in den Tiefenschichten seines Schreibtischs sedimentierte. "Und so", sagt Gerster, "kam Lara zu mir."

Eine Frau wacht im Morgengrauen auf. An der Wand, auf die sie schaut, muss früher mal ein Klavier gestanden haben. Jetzt markieren nur noch Bücherregale den Umriss des Instruments. Die Frau tritt ans offene Fenster, stellt einen Stuhl hin, steigt drauf. Es klingelt. Sie springt nicht. Es ist übrigens ihr 60. Geburtstag. Ein Film um eine leere Mitte. Um ein nichtgelebtes Leben. Um nichtgesagte Dinge. Um eine Familie, die es nicht mehr gibt. Einen Sohn, der an ihrem 60. Geburtstag nicht an- und später auch auf ihre Anrufe hin nicht zurückruft. Der aber gleichzeitig sein alles entscheidendes Debütkonzert genau auf diesen Tag gelegt hat. Er wird am Abend eine Eigenkomposition spielen, ein Klavierkonzert. Lara ist nicht eingeladen. Glaubt sie jedenfalls. Sie kauft dann alle Restkarten und verteilt sie an ehemalige Arbeitskolleginnen und wildfremde Menschen, Freunde scheint sie nicht zu haben. Man ahnt, dass das für alle Beteiligten kein allzu unbeschwerter Abend werden dürfte.

Gerster las das Buch und wusste am nächsten Tag, dass er das verfilmen muss. Und dass Corinna Harfouch diese verhärtete Frau spielen muss, die ihr eigenes Leben verpasst hat. "Ich hab Corinna vor ein paar Jahren im Theater in Tschechows 'Möwe' gesehen und war danach geradezu besessen von der Idee, etwas für sie zu schreiben. Sie spielte da eine manipulative, niederträchtige Mutter. Ich saß da und dachte, es gibt ja doch eine deutsche Huppert. Dann kam dieses Drehbuch zu mir, und auf der zweiten Seite merkte ich, wie Corinna Harfouch aus dem Text hochkam." Gerster hat die Entscheidung, ob er den Film macht oder nicht von ihrer Zusage abhängig gemacht.

Harfouch wäre tatsächlich blöd gewesen, abzusagen. Der Film setzt ihr ein Denkmal, es gibt keine Szene in "Lara" ohne sie. "Das war natürlich eine kleine Parallele zu meinem vorherigen Film." Das ist so die Komik von Jan-Ole Gerster. Kleine Parallele. "Lara" und "Oh Boy" wirken wie Vorder- und Rückseite eines Lebens, komplementäre Geschichten, die einander spiegeln. Jeweils ein Tag, jeweils ein Mensch, jeweils Berlin. Jugend und Alter, Komik und Tragik. Leichter Jazz und diesmal schwerste Romantik. Und beide Male spielt Tom Schilling den jungen Mann, das eine Mal als cooler Drifter, hier als ziemlich zermarterter Sohn und Künstler.

Allein für die stumpfe Implosion in Corinna Harfouchs Gesicht lohnt sich dieser Film

So wie Harfouch diese Lara spielt, wird das Ganze zum Überdruckkammerspiel. Man folgt ihr durch die Stadt wie einem Pfeil, der vor langer Zeit abgeschossen wurde und nun einfach immer weiterfliegt. "Sie tritt immer mit der Hacke zuerst auf", sagt Gerster. Wie schon der wortkarge Niko in "Oh Boy" wird sie über die Begegnungen mit anderen porträtiert. Sie besucht ihre ehemaligen Mitarbeiterinnen in der Planungsbehörde, die noch heute, da sie pensioniert ist, Angst vor ihr zu haben scheinen. Sie will ihren ehemaligen Klavierprofessor zu dem abendlichen Konzert einladen, trifft aber nur einen Schüler an, zu dem sie mit ihrem harten Habichtmund einen so vernichtenden Satz sagt, dass er kaum noch mal spielen wird. Es gibt einen Ex-Mann, eine ähnlich kalte Mutter, wie sie selbst ist, vieles bleibt unklar, "und genau das ist schön mit Harfouch - ihr reicht das geschriebene Wort. Sie kann ja auch nicht zu Tschechow gehen und fragen, was ist denn jetzt die Backstory von dieser Frau, gib mir mal mehr Futter."

Bei "Oh Boy" schwebte die Kamera Niko hinterher. Hier ist sie immer schon da, alles wirkt beherrscht, statisch, Totalen, Auftritt, Abgang. "Ich wollte eine hermetische, fast freudlose, gefängnishafte Kamera. Als würde Lara aus diesen Bildern auch nicht rauskommen." Am Abend wird Lara doch noch ihren alten Professor treffen. Er hat vor Jahrzehnten den verheerenden Satz zu ihr gesagt: "Ich erinnere mich ganz genau. Sie sagten: Lara, wenn ich an den Tag Ihres ersten öffentlichen Auftritts denke, bedaure ich Ihre Eltern jetzt schon für die Blamage." Danach hat sie aufgehört zu spielen - und ihr Sohn musste es anscheinend ausbaden.

Lara sagt dem Professor den Satz, um von ihm bestätigt zu bekommen, dass es doch richtig war, aufzuhören. Er sagt, ach, der Satz, das sagt man doch nur so, "Sie hatten sehr großes Talent." Allein für die stumme Implosion, die danach hinter Corinna Harfouchs Betongesicht stattzufinden scheint, lohnt es sich, den Film anzusehen. Haneke hat Gerster übrigens tatsächlich getroffen. Da stellte der Österreicher sein neues Buch in Berlin vor, "ich hab mir das signieren lassen, da kuckt er mich an: 'Für wön, bütte?' - 'Jan-Ole Gerster, wir hatten mal eine kleine Mailkorrespondenz, Sie haben mir ein sehr schönes Kompliment für 'Oh Boy' gemacht."

"Oh, der ist super! Und? Hamm's seitdem schon mal wieder was gemacht?"

"Nee. Und Sie sind nicht ganz unschuldig daran." "Geh heast. Jetzt warten's nicht so lange, einfach fertig machen, ich freu mich drauf."

Kann er jetzt wirklich. Im November kommt "Lara" ins Kino. Und Gerster sagt, es wird nicht noch mal sieben Jahre dauern. Er arbeitet an drei Geschichten, darunter Krachts "Imperium". Klingt fast, als ob es jetzt alle acht Monate einen neuen Gerster geben werde. "Ach, wenn's alle zwei Jahre wäre, wär das schon sehr schön." Wobei - das ist ihm dann doch wichtig, "Maren Ade hat auch sechs Jahre gebraucht. Alle wundern sich, wie die nach Cannes kommt. Man könnte ja mal draufkommen, dass das mit einer Sorgfalt zu tun hat, die manche Filme einfach brauchen."

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