Island und die Krise:Humor ist, wenn man's trotzdem macht

In Island wirkte nach dem Zusammenbruch alles grau und hoffnungslos. Doch dann eroberten ein schauspielender Punk-Bassist und seine Künstlerfreunde das Rathaus von Reykjavik.

Alex Rühle

Island war ein Land wie auf Koks, bevor die Wirtschaft zusammenbrach. Als alles aussichtslos schien und die Bürger von der Politik enttäuscht waren, kamen der Schauspieler Jon Gnarr und seine Künstlerfreunde an die Macht - mithilfe einer Coverversion von Simply the best. Die gesamte Reportage aus Reykjavik lesen Sie in der Süddeutschen Zeitung vom 2. Oktober 2010.

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Reykjavik im Herbst 2010: Junge Menschen kurven auf bunten Rädern an den legokleinen Häuserschachteln vorbei. Die Luft ist kalt und klar, hinterm Horizont liegen Grönland und der dunkle Winter. All die Geschäfte, deren Inhaber vor zwei Jahren glaubten, sie könnten zumachen, stehen trotz der Krise immer noch da. In einem der Buchläden lag damals "Kreppuspilid" aus, das "Krisenspiel", das einen durch den Wahnsinn des neoliberalen Wirtschaftens führte und das für ausnahmslos jeden Spieler im Bankrott endete. Eine typische Ereigniskarte lautete: "Gehe auf eine Demonstration, halte vorher an einem Laden, um dich mit Eiern zu munitionieren, nur um zu merken, dass sie über Nacht so teuer wurden, dass Du sie dir nicht mehr leisten kannst." Es waren die Tage, in denen die Isländer mit Kochtöpfen und Bratpfannen vors Parlament zogen, um die Regierung zum Rücktritt zu bewegen.

"Ist leider ausverkauft", sagt die Buchhändlerin. "Dabei bräuchten wir das Spiel wieder. Nur in einer härteren Version." Warum? Die Frau spreizt ihre Finger und kriecht damit spinnenartig durch die Luft: "In China gibt es doch diese brennenden Kohleflöze. So ähnlich frisst sich die Krise hier fest. Langsam. Unterirdisch. Ohne dass es eine Chance gäbe, das Ganze zu löschen. Wobei - die Flöze kann man riechen. Hier sehen Sie nichts. Oder sehen Sie mir was an? Ich muss nächste Woche meine Wohnung räumen und zu meinem Sohn ziehen." Die Frau, sie will nur als Eva in der Zeitung stehen, sagt, das Schlimmste sei, dass "diejenigen, die die Flöze angezündet haben, unsere Scheiß-Modernen-Wikinger, über alle Berge sind."

Die modernen Wikinger, so sah sich die Handvoll Unternehmer, die nach der Jahrtausendwende, den Weltmarkt aufrollten: Es gab da diese Oligarchen, denen die Banken verkauft worden waren und die jetzt dänische Firmen und englische Fußballclubs kauften. Island galt als weltweiter Musterknabe. Vierthöchstes Pro-Kopf-Einkommen, kaum Arbeitslose. Die Leute kauften Häuser, Autos, Schiffe. Alles auf Pump. Im Nachhinein wirkt es, als sei das ganze Land auf Koks gewesen. Damals aber kürte eine OECD-Studie noch kurz vor dem Crash Island zur "zukunftsfähigsten Region Europas", vor allem wegen seiner tollen Banken. Und die isländische Wirtschaftskammer schlug vor, Island solle sich "nicht mehr mit den skandinavischen Ländern vergleichen, da wir ihnen auf den meisten Gebieten überlegen sind".

Und dann, vor genau zwei Jahren, kollabierten über Nacht alle drei Banken des Landes. Der ganze Hype war auf Pump aufgebaut gewesen. Die Schulden, die die Oligarchen in ihren Banken angehäuft hatten, waren zwölfmal größer als das Bruttosozialprodukt. Und die Schulden der Kleinanleger vervielfachten sich, weil der Kurs der isländischen Krone abstürzte, die Kredite zur Finanzierung der Besitztümer aber in ausländischen Währungen abgeschlossen worden waren.

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