Isabela Figueiredo: "Die Dicke":Ein Leben reicht nicht

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Der ungehorsame Körper der Hauptfigur ist ein, aber nicht das zentrale Thema in "Die Dicke".

(Foto: Andreas Berheide via www.imago-images.de/imago images/Shotshop)

Eine Frau, für die jedes Normalmaß zu eng ist in einem Buch, für das alle Genrebegriffe zu einfach sind: Isabela Figueiredos "Die Dicke".

Von Lea Schneider

Isabela Figueiredos Roman "Die Dicke" ist in vielerlei Hinsicht nicht das, was er zu sein vorgibt. Zunächst einmal ist er kein Roman - wenn man unter einem Roman eine linear voranschreitende Erzählung mit klarem Spannungsbogen versteht. Stattdessen bezieht er seine Ordnung aus dem Grundriss einer Wohnung: Es ist die Wohnung der vor Kurzem gestorbenen Eltern von Figueiredos Hauptfigur María Luisa, die ihre Geschichte erzählt, während sie sich durch deren Räume bewegt.

Entsprechend heißen die Kapitel "Diele" oder "Elternschlafzimmer"; und so wie sich Erinnerungen aus unterschiedlichen Momenten eines Lebens in einem Raum, auf einem Möbelstück übereinanderlegen können, erzählt auch María Luisa ihre Lebensgeschichte nicht von Anfang bis Ende, sondern setzt in jedem Raum neu an, kehrt zu Ereignissen zurück, die in einem vorherigen Kapitel angerissen wurden, erweitert, hinterfragt und vertieft ihre Erzählung zyklisch um weitere Details. Dem Ganzen vorangestellt sind gleich drei literarische Motti, unter anderem von Mary Shelley und Henry David Thoreau, sowie eine "Musikalische Inschrift" - eine Art Playlist zur Erzählung, die von 1965 (Nina Simone, "I Put a Spell on You") bis 2021 (Lana del Rey, "Born to Die") für jedes Jahr den passenden Soundtrack liefert.

"Die Dicke" ist aber nicht nur kein klassischer Roman, es ist auch keiner übers Dicksein - oder zumindest nicht in erster Linie. María Luisas ungehorsamer Körper, der sich weigert, sich in den Grenzen eines vermeintlichen "Normalgewichts" zu bewegen, und die misogynen und lookistischen Beschämungen, die sie ertragen muss, spielen zwar eine Rolle für die Konflikte des Buchs. Sein eigentliches Thema aber ist die Beziehung zu den Eltern. María Luisa schwankt zwischen unbedingter töchterlicher Liebe und einem enormen Bedürfnis nach Eigenständigkeit, nach Flucht vor der Kontrolle der Eltern. Die Wohnung zu erben, in der sie aufgewachsen ist, dorthin zurückzukehren, löst widersprüchliche Fragen in ihr aus: "Was bleibt mir ohne meine Eltern, ohne etwas, auf das ich warten kann, dem ich gehorchen, das ich respektieren, für das ich sorgen muss? Ohne Fesseln, ohne Anker, ohne die Lust zu flüchten? Wie lebt man da?!"

Sprache und Bilder berühren einen beim Lesen fast unangenehm

Dieses von emotionalen Extremen geprägte Verhältnis zu den Eltern beschreibt Figueiredo in drastischen, viszeralen, ungeschönten Bildern: Etwa wenn es vom Vater kurz vor seinem Tod heißt, dass er nun "wie ein alter Hund ist, schwerfällig, stinkend, im Weg". Oder wenn María Luisa ein fast schon inzestuöses Begehren nach dem Körper ihrer Mutter äußert, den sie pflegt, und der so viel dünner ist als ihrer: "Ich will sie immer noch küssen. Die alten Brüste meiner Mutter, so weiß, so schön! Wie ich sie küssen würde! Meine ungehörige Nase würde ich darin vergraben, würde ihren lauen Fleischgeruch einatmen, den Geruch meines eigenen Fleisches, nur vollkommen."

So fassen einen Figueiredo und ihre Übersetzerin Marianne Gareis immer wieder unangenehm an, mit Sprache und Bildern, berühren einen beim Lesen auf eine Art, auf die man eigentlich nicht berührt werden will. Das ist stark, auch in den zahlreichen Sex- und Nacktszenen, die gerade wegen der abjekten Körper und wegen des transgressiven Begehrens, das sie schildern, eine unbedingte Lust entwickeln.

Wie María Luisas Körper sich nicht zurückhalten lässt, seine gesellschaftlich als "normal" oder "gesund" festgelegten Grenzen mit seiner Masse überflutet und sich exzessiv ausbreitet, wie es ihm gefällt und Lust bereitet, so auch ihr Begehren: nach Sex, nach Essen, nach Sonne, nach Literatur und Musik, nach Schönheit, nach Liebe. Und nach dem Erinnern, das ihre Erzählung vollzieht: "Ich öffne und schließe immer wieder die Türen zu der Vergangenheit, in der mich dieses unauflösliche, beengende und fesselnde Eisenband mit den Eltern verbindet, und ich weiß, ein ganzes Leben reicht noch immer nicht aus für die Liebe."

Der Weidle-Verlag, in dem das Buch in deutscher Übersetzung erschienen ist, bezeichnet "Die Dicke" als "autobiografischen Roman", und die Autorin selbst vermerkt am Ende des Textes: "Alle in diesem Buch beschriebenen Figuren, Orte und Situationen sind reine Fiktion und pure Realität." Damit knüpft sie in gewisser Weise an ihre letzte, in Portugal kontrovers diskutierte Publikation an, die 2019 unter dem Titel "Roter Staub. Mosambik am Ende der Kolonialzeit" ebenfalls bei Weidle erschienen ist. Darin dokumentiert Figueiredo, in ebenfalls oft drastischer Sprache, die Verwicklung ihrer Familie in die portugiesische Kolonialherrschaft in Mosambik und den brutalen Rassismus, der diese prägte.

So ungewöhnlich wie sich die Erzählstruktur und Figurenzeichnung in "Die Dicke" lesen, fragt man sich doch immer wieder, worin genau bei diesem zweiten Buch der Gewinn der Fiktionalisierung liegt. "Reine Fiktion und pure Realität" liest sich, als Nachbemerkung, einigermaßen prätentiös - dass jede Geschichtsschreibung, auch die eigene Autobiografie, immer auch stark von Rhetorik, Auswahl und Narrativierung abhängt, dass es also eine "objektive" Geschichte nicht gibt, dürfte spätestens seit der Postmoderne Allgemeinwissen sein.

Hat diese Entscheidung mit der seltsamen Skepsis des deutschen, womöglich auch des portugiesischen Literaturbetriebs gegenüber den in der englisch- und französischsprachigen Welt seit Jahrzehnten populären Genres der literarischen Memoirs und der Non-Fiction zu tun? Auf deutschen Übersetzungen steht oft sogar "Roman" zur Klärung, wenn es sich offensichtlich um eine Autobiografie, eine Essay-Sammlung oder sogar beides zugleich handelt.

Das ist schade, weil diese seltsame Fetischisierung des Romans ihm auch selbst nicht guttut, wie der Literaturwissenschaftlicher G. Thomas Couser in seiner Einführung ins Genre des Memoirs bemerkt hat: Statt starker nicht-fiktionaler Autobiografien oder Essays bringt der Buchmarkt so immer wieder mittelmäßige autobiografische Romane hervor, die weder die Möglichkeiten der einen noch der anderen literarischen Form richtig ausschöpfen können. So wird man auch beim Lesen von "Die Dicke" das Gefühl nicht los, dass hier erneut eine Autorin, die das Faktuale, Dokumentarische in der Literatur so wunderbar beherrscht wie Isabela Figueiredo, unter die Räder des Romanzwangs geraten ist.

© SZ/masc
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