Iranischer Regisseur Mohammad Rasoulof Die Messerprobe

Der zu Berufsverbot verurteilte Filmregisseur Mohammad Rasoulof leuchtet in seinem neuen Film den vielleicht schmutzigsten und dunkelsten Winkel der Islamischen Republik Iran grell aus: die politischen Morde durch den Inlandsgeheimdienst. Nun wagt er die Reise nach Teheran - und stellt die dortige Entspannungspolitik auf die Probe.

Von Stefan Buchen

"Das Messer soll entscheiden", lautet frei übersetzt eine persische Redensart. Entnommen ist sie einer orientalischen Alltagssituation. Ein Kunde handelt mit dem Obstverkäufer über den Preis einer Wassermelone. Der Verkäufer geht mit dem Preis nach unten und sagt: "Das ist mein letztes Angebot." Der Kunde willigt ein, aber "be-shart-e chaghu" - das bedeutet wörtlich "unter der Bedingung des Messers". Das Messer soll die Melone spalten und Gewissheit liefern darüber, dass die Frucht tatsächlich die versprochene Reife und Qualität hat. Wenn dem so ist, kommt das Geschäft zustande. Von hier nimmt die Metapher ihren Lauf. Man sagt "be-shart-e chaghu", wenn man es genau wissen will. Wenn es darum geht, den Pegel eines Konfliktes exakt zu bemessen, sämtliche Unklarheiten auszuräumen. Es ist die Probe aufs Exempel.

Der iranische Filmregisseur Mohammad Rasoulof hat, zumindest innerlich, "be-shart-e chaghu" gesagt, als er sich vergangene Woche auf den Weg von Hamburg nach Teheran machte. Wird das Regime die neue Nachsicht mit seinen Kritikern auch ihm gegenüber walten lassen? Wie steht es zwischen ihm und den Machthabern? Seit Beginn seiner Karriere vor zehn Jahren handelt Rasoulof das Verhältnis Künstler/Diktator mit dem Regime aus. 2010 verurteilte ihn ein Revolutionsgericht wegen "Gefährdung der nationalen Sicherheit" zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot - wie auch Jafar Panahi, der damals gemeinsam mit ihm verhaftet wurde. Die Haftstrafe wurde später auf ein Jahr reduziert.

Nach einigen Wochen im Hochsicherheitstrakt für politische Gefangene des Teheraner Ewin- Gefängnisses kam Rasoulof auf Kaution frei. An das Berufsverbot hat er sich nicht gehalten. Zuerst drehte er das Drama "Auf Wiedersehen / Be-omid-e didar" und gewann damit 2011 den Regiepreis in der Sektion "Un certain regard" beim Filmfest in Cannes. Seit April 2012 hat er mit seiner Frau und seiner Tochter einen Wohnsitz in Hamburg, reist aber regelmäßig in die Heimat. So drehte er teils in Iran, teils in Hamburg den Thriller "Manuscripts don't burn", der im Frühjahr bei den Filmfestspielen in Cannes lief und der am 1. Oktober auf dem Hamburger Filmfest Deutschlandpremiere haben wird.

Der Film enthüllt iranische Zeitgeschichte

Schon mit seinem vorherigen Film "Auf Wiedersehen" - es ging um eine Anwältin, die Probleme bekommt, weil sie Regimekritiker verteidigt - hatte sich Rasoulof weit vorgewagt. Diesmal leuchtet er den vielleicht schmutzigsten und dunkelsten Winkel der Wirklichkeit in der Islamischen Republik grell aus: die politischen Morde durch den Inlandsgeheimdienst. Mitte und Ende der Neunzigerjahre verschwanden unbequeme Schriftsteller beim Morgensport und wurden später tot am Straßenrand gefunden. Regimekritische Politiker wurden in ihrem Wohnzimmer überfallen und mit zahlreichen Messerstichen hingerichtet.

Rasoulof hat diese Mordserie thematisiert. Er hat Schauspieler gefunden, professionelle und Laien, die bereit waren, dabei mitzumachen - die emotionslosen Auftragsmörder des Geheimdienstes und ihre intellektuellen Opfer zu spielen, sie auf der Leinwand leben, töten und sterben zu lassen. Der Film enthüllt iranische Zeitgeschichte und spiegelt zugleich in jeder Szene die persönlichen Erfahrungen des 40-jährigen Regisseurs mit Zensur, Geheimdienstverhören und Angst wider.

Fotoband "Iranian Living Room"

Im Salon beginnt die Freiheit

Der Fall Rasoulof zwingt jetzt die Machthaber, den neuen Präsidenten Hassan Rohani eingeschlossen, zu offenbaren, wie sie es mit der kritischen Kunst und der Regimekritik schlechthin halten. Vergangene Woche hat das Regime die Anwältin Nasrin Sotoudeh zusammen mit anderen kritischen Geistern aus dem Gefängnis entlassen. Dies durfte man als Botschaft des Regimes verstehen, die atmosphärische Entschärfung des Streits um das Atomprogramm mit einer Lockerung der Repression nach innen garnieren zu wollen. Rasoulofs erste Iran-Reise seit Veröffentlichung seines Films stellt diese Entspannungspolitik nun auf die Probe. Seit der Uraufführung von "Manuscripts don't burn" im Mai hatten sich die iranischen Regierungspostillen mit der Bemerkung begnügt, der Film laufe nur "wegen seines antiiranischen Inhalts" bei den diesjährigen Festivals im Westen. Künstlerisch sei er wertlos. Ansonsten schwieg die Staatspresse den frechen Film tot, feierte lieber das aus ihrer Sicht politisch unverfängliche neue Werk von Oscar-Preisträger Asghar Farhadi - "Le Passé", in Frankreich gedreht -, das auch in Iran gezeigt werden darf.

Rasoulofs Reise in die Heimat könnte man für unverfroren oder gar selbstmörderisch halten. Aber sein Anliegen ist es, das Regime zu einem Minimum an Zivilität zu erziehen. Dazu gehört aus seiner Sicht, dass es Künstler und Filmemacher, und seien sie noch so kritisch, in Ruhe lässt. Nach seiner Ankunft am Imam-Chomeini-Flughafen vorige Woche bat ihn ein Geheimdienstmann zur Seite und beschlagnahmte seinen Reisepass und seinen Laptop, wie er danach seiner in Hamburg zurückgebliebenen Ehefrau telefonisch berichtete. Am Donnerstag wurde er vom Geheimdienst in Teheran einbestellt. Zu einer Vernehmung kam es noch nicht. Die wird wohl in den nächsten Tagen erfolgen.

"Niemand hat mir dafür Geld gegeben"

Die Agenten des Regimes werden wissen wollen, in wessen Auftrag und mit wessen Geld er den Film produziert habe. Ihre Aufgabe ist es schließlich, unabhängige Kulturschaffende wie Rasoulof als Erfüllungsgehilfen der westlichen Geheimdienste und Propaganda darzustellen. Die Antwort des Regisseurs wird so einfach sein wie eh und je: "Es war meine Idee, diesen Film zu machen. Ich habe ihn mit eigenen Mitteln produziert. Niemand hat mir dafür Geld gegeben." Der Geheimdienst wird zu hören bekommen, dass die Filmcrew der Stundung ihrer Honorare zustimmte bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Film in den Kinos der Welt Geld einspielt. Rasoulof wird seine Aussage aus früheren Verhören wiederholen, dass er in Iran leben und arbeiten wolle und als Iraner darauf ein Recht habe.

Die Agenten werden wohl auch wissen wollen, wie genau Rasoulof und seine kleine Crew den Film heimlich in Iran gedreht haben. Schließlich unterlag er dem Berufsverbot und hatte keine Drehgenehmigung. Ein vielsagendes Detail hat der Regisseur vor seiner Abreise nach Teheran preisgegeben. Es bezieht sich auf eine Schlüsselszene des Films, die auf einer gewöhnlich viel befahrenen Straße durch das Elborz-Gebirge im grünen Norden des Landes spielt. Um Ruhe für die Dreharbeiten zu haben, hielt die Filmcrew einen Polizeistreifenwagen an und bat die Beamten, die Straße für ein paar Stunden zu sperren. Die Polizisten taten es und leiteten den Verkehr um, für umgerechnet ein paar Euro. Nach einer Dreherlaubnis fragten die Beamten nicht.

Die Frage wird sein, ob der Geheimdienst solche Erklärungen schlucken und Rasoulof laufen lassen wird, auch um die gegenwärtige Atmosphäre der Entspannung nicht zu gefährden. Oder wird er ihn inhaftieren, foltern, bestrafen und genau das Bild bestätigen, das Rasoulofs Film vom iranischen Geheimdienst zeichnet? Dann würde das Regime die gerade vorsichtig begonnene Lockerung schon wieder rückgängig machen.