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Interview:"Was? Das soll's gewesen sein?"

Komponist Wolfgang Rihm

„Es kann sein, dass ich eine Projektionsfläche bin, wo sich viele Wunsch- und Feindbilder realisieren lassen“ – Wolfgang Rihm wird an diesem Mittwoch 67 Jahre alt.

(Foto: dpa)

Der Tonsetzer Wolfgang Rihm über Gartenbau-Mentalität beim Komponieren und undotierte Lebenswerk-Preise.

Wolfgang Rihm, 1952 in Karlsruhe geboren und bis heute da ansässig, ist einer der erfolgreichsten Komponisten der Welt. Seine zweite Oper "Jakob Lenz" wurde seit der Uraufführung 1979 fast 500 Mal gespielt und begründete Rihms Ruf als Erneuerer, der eine immer packende und expressive Musik schreibt, fern aller Dogmen der Hardcore-Avantgarde. Mittlerweile hat Rihm gut 400 Stücke komponiert. Vor zweieinhalb Jahren wurde ihm ein Sarkom aus dem Oberschenkel operiert, die Wunde heilt nur sehr langsam, weshalb er seither nicht mehr reisen kann. An diesem Mittwoch wird Rihm 67 Jahre alt, am Donnerstag erhält er den Deutschen Musikautorenpreis der Gema für sein Lebenswerk und am Freitag kommender Woche spielen die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev die Uraufführung seines Orchesterstückes "Transitus III".

Hat die Krebserkrankung Ihr Komponieren verändert?

Wolfgang Rihm: Das weiß ich noch nicht. Etwas, das ich an mir beobachte, ist eine enorme Geduldfähigkeit, von der ich gar nicht wusste, dass sie in mir steckt. Es ist die Fähigkeit, sich einem Zustand zu ergeben und trotzdem nicht in Untätigkeit zu verharren. Aber aus dieser Ergebung heraus nicht gleich in die Aktion zu münden, das ist schon etwas sehr Neues gewesen, und ich muss sagen, dass ich mittlerweile einen nicht unerheblichen Genuss daran empfinden darf. Es sind schon grundstürzende Erfahrungen, denen ich da ausgesetzt war und bin.

Es war ja doch ein rastloses Leben zwischen Karlsruhe und Berlin, wo Sie auch einen Wohnsitz haben. All die Reisen zu den Uraufführungen: Fehlt das?

Nein, es fehlt nicht. Es ist eher einer sehr freudigen Erfahrung gewichen, dass alles, was vorher so eilig sein musste, plötzlich seine Zeit haben darf. Die vielen Aufforderungen, etwas unbedingt fertig haben zu müssen, sind einfach verstummt und man sagt mir: "Du, wenn es fertig ist, dann machen wir's."

Aus welcher Überlegung entstand "Transitus III" für München?

Naja, für Orchester schreibe ich sehr gern und für Orchester sind immer viele Ideen da. Ich liebe das verschlungene Liniengeflecht orchestraler Möglichkeiten. So ist es auch hier. Es sind die ineinander geschriebenen Lineaturen, an denen ich jetzt schon jahrelang arbeite. Es ist das Gewebe, das Geflecht von orchestraler Lineatur, von Orchester-Polyphonie, was mich interessiert. Im Gegensatz zu früheren Stücken, die mehr aus der momentanen Setzung, aus der punktuellen Setzung, aus der Setzung von Vertikalen entstanden sind.

Stücke wie "Gesungene Zeit" haben etwas Metaphysisches, etwas Geistiges. Linie aber ist etwas ganz real in der Wirklichkeit zu Findendes.

Das ist etwas, das wir in uns selber finden: die Linien, die Aderungen unserer natürlichen Verläufe. Das hat schon mit einer Sehnsucht nach Organik zu tun.

Was war die Grundidee für dieses Stück?

Aus der Verschlingung immer wieder in neue Gestaltfindungen zu gelangen, einen Durchgang, einen Transitus durch Zustände zu ermöglichen, die sich in jedem Moment neu zeigen und neu wieder öffnen und erschließen. Ich kann das nicht konkreter ausdrücken. Das ist das Komponieren selber. Das Schaffen von Zuständen, von Verwandlungen. Je mehr man es ins Wort zu bringen versucht, umso konkreter wird es unkonkret.

Schönberg schrieb einmal, dass er sich vor den Musikwissenschaftlern fürchtet. Wenn sie die Partituren einmal richtig lesen könnten, dann würden sie herausfinden, was da hineingeheimnist ist an intimsten Gedanken und Gefühlen.

Ich würde mich nie vor einer erhellenden Erforschung fürchten. Ich würde sagen: Gut, macht das. Aber lasst mich damit in Ruhe. Das kann nicht die Aufgabe des Künstlers sein, dass er sich gleichzeitig noch erforscht und womöglich einordnet und mit Wertungen überzieht.

Würden Sie auch ohne Aufträge komponieren?

Tu ich ja. Aber wenn ich was mache, dann will das ja sofort jemand spielen. Was heißt denn Auftrag in der Musik? Das heißt ja nicht: "Herr Mozart, schreiben Sie mir bitte ein Klavierkonzert in ceff-Moll und bitte da in Takt 63 hätt ich gern ein Tuba-Solo." Das ist ja nie so. Jemand will ein Stück von mir, und das, was es wird, wird es.

Sie unterrichten noch immer: Was ist Ihnen daran wichtig?

Mir ist wichtig, dass diejenigen, die zu mir kommen, zu sich kommen, nicht zu mir. Dass sie eine Ahnung davon kriegen, dass es nur Sinn hat, wenn sie ihren Eigensinn entwickeln und sich nicht an Forderungen des Tages binden. Und wenn Sie sich die Komponistinnen und Komponisten anschauen, die aus meiner Klasse kommen: Das sind alles Individuen, Eigenköpfe, Eigenbrötler im schönsten Sinne. Alles Leute, die ihre Sache verfolgen, weil sie auf der Suche sind nach ihrem eigensten Ton.

Das mit dem Eigensinn war ja bei Ihnen auch. Sie haben sich in einer Zeit durchgesetzt, als die Apologeten der Hardcore-Avantgarde noch das Sagen hatten.

Gesagt werden kann vieles. Mir kann man viel sagen, ich mach's dann trotzdem nicht.

Warum komponieren Sie?

Was sollte ich sonst tun? Das war die Kunstform, die mir am nächsten kam, die mir am nächsten geworden ist. Dass ich etwas mit Kunst machen will, dass ich etwas schaffen will, was Kunst ist, war von Anfang an klar. Ob das im bildnerischen, im sprachlichen oder im musikalischen Bereich angesiedelt werden wird, darüber habe ich als Kind noch nicht reflektiert. Ich habe einfach angefangen.

Ich habe den Eindruck, dass Sie in letzter Zeit stärker von Richard Strauss fasziniert sind, der für die Avantgardisten lange ein rotes Tuch war.

Nein, das war ich immer schon. Mich hat eine wunderbar geschriebene technische Perfektion schon immer angeregt. Musik aller Zeiten hat das zu bieten. Auch Monteverdi ist technisch perfekt. Oder Ravel oder Alban Berg.

Fasziniert Sie neuerdings die alte Tonalität stärker als früher?

Nicht stärker. Sie hat mich nie verlassen. Ich habe nie gesagt: Das ist ein Bereich, da darf nur Tonalität rein, und das ist ein Bereich, da darf nur das Geräusch rein. Diese monokulturellen Gartenbau-Mentalitäten, die sind mir irgendwie fremd.

Die heutige Polystilistik ...

Allein die Vorstellung, es gäbe Stile! Es gibt Menschen und es gibt deren Artikulationsweisen. Aber zu sagen: Hier gibt es diesen Stil und den wenden wir jetzt an. Das geht nicht. Ich glaube, dass die Dinge von denen stammen, die sie tun, dass die Hände sich abdrücken im Handwerk, dass die Menschen sich zeigen in dem, was Menschenwerk ist, und dass es nicht abstrakte Stilideen oder was auch immer gibt.

Sie werden mit Preisen überhäuft.

Zur Zeit bekomme ich hauptsächlich Preise, die nicht dotiert sind, und die werden immer für das Lebenswerk gegeben. Wobei ich ja erst mal mit dem Begriff des Lebenswerkes zu ringen habe, was denn das sei. Zunächst löst das ein gelindes Erschrecken aus: Was? Das soll's gewesen sein? Was ist mit Lebenswerk gemeint? Ich habe immer versucht, mir das zurechtzureden. Da ist wohl gemeint, dass in meinen Werken und in dem, was ich tue, das Leben am Werk ist. Dass es nicht Theoreme sind oder irgendwelche abstrakten Ideen. Dass es organische Formen sind, organische Prozesse, Lebensvorgänge, die etwas mit Atmung zu tun haben, mit Energieweitergabe. Das meine ich mit Leben. Dass das am Werk ist, wenn ich etwas mache, das will ich hoffen. So habe ich mir den Begriff des Lebenswerks konsumierbar gemacht, sonst hätte ich das nicht ertragen.

Ist das für Sie auch die Erklärung, warum Sie so erfolgreich sind?

Weiß ich nicht. Es kann sein, dass ich eine Projektionsfläche bin, wo sich viele Wunsch- oder Feindbilder realisieren lassen. Es gibt sehr viel von mir und es gibt sehr viel Verschiedenes, sodass jeder, der sich ein Bild machen will, etwas findet.

Haben Sie einen Zugriff auf den Kompositionsprozess oder setzt sich der über Ihr Wollen hinweg und Sie müssen dann etwas machen, was das Material, die Einfälle, die gewählten Voraussetzungen mit sich bringen?

Ich erlebe oft, dass ich wo hinwill, wo ich dann nicht hingelange. Dann muss ich aus der Not eine Tugend machen und den Weg, der mir möglich ist, zur Arbeitshypothese erklären. Ich weiß es im Vorhinein nie. Ich habe nicht die Arbeitsweise, dass ich erst einen großen Plan mache und ihn dann ausmale oder ausfülle. Ich beginne und sehe dann, wo es sich hinbewegt, und folge dem nach Kräften. Nach Möglichkeit greife ich dann ein und gestalte um oder gestalte neu.