Netzkolumne:Die Verstärker

Lesezeit: 2 min

Netzkolumne: Internetdienstleister wie Cloudflare vergleichen ihr Angebot mit dem von Telefongesellschaften, dabei werden im Internet potenziell Millionen Menschen erreicht.

Internetdienstleister wie Cloudflare vergleichen ihr Angebot mit dem von Telefongesellschaften, dabei werden im Internet potenziell Millionen Menschen erreicht.

(Foto: Gerhard Leber/imago)

Welche Verantwortung tragen Netzdienstleister?

Von Michael Moorstedt

Die meisten Internetnutzer wissen vermutlich gar nicht, dass Cloudflare existiert. Doch die Angebote des Unternehmens sind für das Funktionieren des Internets unerlässlich. Weil es kompliziert zu erklären ist, was das Unternehmen genau macht, firmiert Cloudflare in den meisten Presseberichten als "Internetdienstleister". Tatsächlich bietet die Firma neben dem Schutz vor DDoS-Attacken vor allem ein sogenanntes Content Delivery Network an. Das bewirkt, dass Webseiten und Onlinedienste auf weltweit verteilten Servern für Nutzer erreichbar sind und Lastspitzen im Internetverkehr ausbalanciert werden.

Klingt langweilig, ist aber immens wichtig. Groben Schätzungen zufolge verlassen sich bis zu 20 Prozent aller Internetangebote auf diese Dienstleistungen. All das spielt sich im besten Fall im Hintergrund ab, und so bekommen die meisten Nutzer von deren Existenz nur etwas mit, wenn etwas gewaltig schiefläuft und dann auch auf den Lieblingsplätzen im Netz gar nichts mehr geht.

In den vergangenen Monaten ist einiges schiefgelaufen. Hier kommt nun ein Web-Forum namens Kiwi Farms ins Spiel, bis vor kurzer Zeit auch ein Cloudflare-Kunde. Es ist einer jener Orte im Internet, an denen sich rechte Trolle versammeln, um LGBTQ-Personen, Frauen und so gut wie alle anderen Menschen, deren Lebensentwürfe ihnen nicht passen, mit konzentriertem Hass zu überziehen. Ein beliebtes Mittel ist dabei das sogenannte Swatting. Dabei werden Spezialeinsatzkommandos von Polizeibehörden unter falschen Vorwänden an die Adresse der ausgesuchten Opfer geschickt. In der Vergangenheit kam es dabei schon zu mehreren Todesfällen. Zehn Jahre lang konnten die Nutzer von Kiwi Farms dort ihr Unwesen treiben. So gut wie alles an der Geschichte ist furchtbar.

Das führt zu der Frage, welche Art von gesellschaftlicher Verantwortung eigentlich die Anbieter von digitaler Infrastruktur tragen. Lange schon wurde Cloudflare dazu aufgefordert, seine Unterstützung von Kiwi Farms zu beenden. Anfang September war es dann endlich so weit, inzwischen ist das Forum in der Versenkung verschwunden. Presseberichten zufolge waren zuvor mindestens drei Suizide direkt auf einen Zusammenhang mit den Vorgängen auf der Plattform zurückzuführen.

Um das lange Zaudern zu erklären, greift das Unternehmen zu erstaunlich veralteten Analogien. "Genauso wenig wie die Telefongesellschaft Ihren Anschluss sperrt, wenn Sie schreckliche, rassistische, bigotte Dinge sagen", so Cloudflare-CEO Matthew Prince in einem öffentlichen Blog zu der Entscheidung, "sind wir in Absprache mit Politikern, Entscheidungsträgern und Experten zu dem Schluss gekommen, dass es die falsche Politik ist, Sicherheitsdienste abzuschalten, weil wir ihre Veröffentlichungen für verabscheuungswürdig halten."

Ein schlechter Vergleich: Ein öffentliches Portal im Internet, das wie im Falle von Kiwi Farms monatlich beinahe zehn Millionen Besucher angezogen hat, ist kaum das Gleiche wie ein privat geführtes Telefonat. An anderer Stelle führte Prince dann noch die Feuerwehr als Analogie ein. Die unterscheide ja auch nicht an anhand von Moral und Charakter der Bewohner, welche Häuser sie nun lösche und welche nicht.

Rhetorisch rückt man sich also in die Nähe von öffentlichen Versorgungsbetrieben. Und verschweigt dabei, dass man mit der hasserfüllten Kundschaft ja auch gutes Geld verdient hat. Mit möglichem Machtmissbrauch und der geöffneten Büchse der Pandora zu argumentieren, klingt zwar nobel und umsichtig, ist aber ein beliebter Vorwand unter Tech-Unternehmen - auch Facebook und andere Konzerne verwiesen darauf in der Vergangenheit -, um ihre Untätigkeit gegenüber Hassrede im Netz zu begründen und sich gleichzeitig vor gesellschaftlichen Debatten zu drücken.

Natürlich ist das moralische Dilemma, das mit der Moderation von Internetinhalten einhergeht, ein bisschen komplexer, als der Vorgabe zu folgen, schlechten Content zu löschen - und guten einfach stehen zu lassen. Trotz allem: Eine Website ist kein Telefon. Sondern eher ein Verstärker im öffentlichen Raum. Und wer sich selbst als Teil der Infrastruktur sieht, sollte diesen Raum auch schützen.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusJürgen Habermas
:"Der inklusive Sinn von Öffentlichkeit verblasst"

Angesichts der sozialen Medien lernt Jürgen Habermas das lineare Fernsehen ganz neu schätzen.

Lesen Sie mehr zum Thema