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Independent-Kino:Auf diesen Regisseur wurde Netflix neugierig

Netflix Porträt Philipp Eichholtz

Die Crew ist winzig, das Budget überschaubar - und die Dialoge improvisiert. Hier eine Szene aus "Luca tanzt leise" (2016).

(Foto: daredo)

Helden zwischen Langzeitpraktikum und Tinder: Philipp Eichholtz dreht für kleines Geld große Independent-Filme über Selbstverwirklichung, beruflichen Erfolg und Liebesglück.

Er hat keine Filmhochschule besucht und sagt von sich selbst, dass er keine guten Dialoge schreiben kann. Der Regisseur Philipp Eichholtz ist ein Sportmuffel in Jogginghose, der auf den perfekten Lebenslauf pfeift. Vielleicht macht der 34-Jährige aber gerade deshalb Kinofilme, die das Lebensgefühl seiner Generation wiedergeben, wie nur wenig andere. Zum Beispiel in seiner neuesten Indie-Produktion "Luca tanzt leise", die nach ihrer Premiere im Wettbewerb des Max-Ophüls-Festivals in Saarbrücken eine kleine Kinoauswertung hatte und nun seit Anfang April für ein größeres Publikum auf dem Streamingdienst Netflix zu sehen ist.

Der Film ist der zweite Teil einer Trilogie über junge Frauen. Im Mittelpunkt steht die rotzig starke, aber auch verletzliche Heldin Luca, der das Leben nicht leicht fällt. Sie will nach jahrelangen Depressionen endlich ihr Abitur machen, und dafür muss die 25-Jährige hart kämpfen, mit sich selbst und mit anderen. Luca ist eine sympathische Figur, die man sofort zur Freundin haben möchte: Sie liebt Omas Schnitzel, obwohl sie eigentlich Veganerin ist, trinkt wasserglasweise Wodka, wenn sie verzweifelt ist und beißt ihrem Exfreund ein Stück Ohr ab, als er versucht, sie zu vergewaltigen.

Man könnte Philipp Eichholtz und seine Kinoheldinnen als Geheimtipp der deutschen Mumblecore-Szene bezeichnen, die sich in den letzten Jahren vor allem in Berlin gebildet hat und das deutsche Independent-Kino umkrempelt. Ganz im Sinne des Mumblecore-Ansatzes verfasst Eichholtz seine Drehbücher, die stark autobiografisch geprägt sind, in nur wenigen Tagen aus einem plötzlichen Schreibimpuls heraus. Sie sind aber nie mehr als grobe Handlungsskizzen. Um spontane Emotionen zu befördern, den Film lebendig zu machen, entwickelt der Regisseur die Dialoge gemeinsam mit seinen Schauspielern am Set.

Seine Crew ist überschaubar, er setzt gerne auf kontinuierliche Zusammenarbeit, wie mit seiner Kamerafrau Fee Scherer. Die Budgets sind winzig, wenige tausend Euro, keine Filmförderung. Zu Beginn aus Notwendigkeit, später, weil er seine Ideen ohne Kompromisse und sofort in die Tat umsetzen wollte. Die Dreharbeiten dauern bloß einige Tage und finden mit Schauspielern und Laien statt. Eine seiner liebsten Laienentdeckungen ist Ruth Bickelhaupt, die mit 85 Jahren zum ersten Mal vor der Kamera stand, in "Dicke Mädchen", dem Debütfilm seines Mumblecore-Kollegen Axel Ranisch. In "Luca tanzt leise" spielt sie die Großmutter und hat ihre Plattenbauwohnung als Kulisse zur Verfügung gestellt.

Da ist es fast schon enttäuschend, dass ein Regisseur, der sich so gegen Konventionen sträubt, für ein Interviewtreffen ein Standard-Hipster-Café in Kreuzkölln vorschlägt. Ursprünglich wollte er zum Frühstück in seine Tempelhofer Wohnung einladen, die eigentlich mehr eine Videothek ist, weil Eichholtz über dreieinhalbtausend DVDs und Blu-Rays besitzt. Aber er hatte einen Hexenschuss, und deshalb sei die Wohnung ein bisschen unaufgeräumt. Mit einem Bart der sich irgendwo zwischen Drei-Tage- und Vollbart befindet, mit der Jogginghose und dem Wintermantel, den er einfach anbehält, sticht er aus seiner modischen Umgebung heraus. Und als ob er die Irritation über den Treffpunkt spüren würde, sagt er: "Mit meinen Schauspielern treffe ich mich normalerweise beim Sparbäcker um die Ecke." Also in Tempelhof, wo es statt Karottenkuchen eine Salamistulle und statt Americano einen Filterkaffee gibt.

Eichholtz interessiert sich nicht für das große Drama, sondern für die kleinen, alltäglichen Kämpfe um Liebe und Anerkennung. Und die stellt er ohne Klischee, Pathos und moralisch erhobenen Zeigefinger dar, aber mit einem untrüglichen Gespür für die tragikomischen Momente des Lebens. Ein wenig erinnern seine Protagonistinnen deshalb an die US-Serie "Girls" von Lena Dunham, die aus dem Leben von vier Freundinnen in New York ohne Glamourfaktor, dafür mit viel Realismus erzählt. Auch bei Eichholtz geht es um die Probleme seiner Generation, die Selbstverwirklichung, beruflichen Erfolg und Liebesglück anstrebt, sich aber mit Langzeitpraktika und Tinder herumschlagen muss. Der Frustration, die dabei entsteht, ist nur mit Improvisation, Humor und ausgestrecktem Mittelfinger beizukommen.

Eine besonders neurotische Generation? Der Regisseur selbst ist es zumindest ein bisschen. Durch das ständige Sitzen im Schneideraum hat er mit Rückenproblemen zu kämpfen, die sich nur durch Sport lindern lassen, was ihn so sehr nervt wie kaum etwas anderes. Seine Aversion gegen Sport geht sogar so weit, dass er nicht möchte, dass diese Art der körperlichen Betätigung in irgendeiner Weise mit seiner Person verbunden wird. Als er einmal für kurze Zeit ein Fitnessstudio besuchte, verheimlichte er das. "Da kommst du irgendwann echt in Erklärungsnot, wo du hingehst. Aber ich finde Sport dermaßen bescheuert, dass keine meiner Figuren im Film jemals Sport treiben wird."

"Jetzt erst recht"

Auch sonst haben seine Figuren viel von ihm und seinem Umfeld. Der reale Hintergrund seiner Geschichten wird besonders deutlich in "Liebe mich!" von 2014. Die Heldin, Anfang 20, hat große Ähnlichkeit mit seiner Exfreundin, sagt der Regisseur, so dass er ihr sogar denselben Namen gegeben hat.

Mit dem Film verarbeitete er drei Jahre Liebeskummer, aber nicht aus Rachsucht, sondern empathisch und liebevoll. "Ich wollte, dass auch fremde Leute Sarah verstehen." Und so begleitet man die fiktive Sarah dabei, wie sie um die Zuneigung ihres Vaters kämpft und bei einem Streit mit dem Liebsten eine Scheibe zerdeppert. Wie sie den Job als Grafikdesignerin nicht bekommt und stattdessen im Hühnerkostüm Flyer verteilen muss. Die echte Sarah hatte übrigens kein Problem damit, Vorlage dieses Films zu sein, sagt der Filmemacher: "Sie mag die Figur und wir sind immer noch befreundet."

Durch Netflix sind seine Filme weltweit zu sehen, Brasilien und Mexiko sind begeistert

Aber Eichholtz greift auch auf sich selbst zurück, wenn er Figuren entwirft. Zum Beispiel kennt er die depressiven Phasen, die seiner Protagonistin Luca das Leben schwer machen, aus eigener Erfahrung, wenn auch nicht so stark. Und seine Mutter diente in vielen Bereichen als Vorbild für Lucas Mutter, die als Lehrerinnen die Sorge um die mathematisch unbegabten Kinder vereint. "Ich habe damals, statt Mathearbeiten zu schreiben, lieber Drehbuchideen notiert", erinnert sich Eichholtz, den Schule nie groß interessierte und der stattdessen seit seinem fünfzehnten Lebensjahr kontinuierlich auf seinen Traumberuf hingearbeitet hat. Obwohl das in seinem Heimatdorf Hasbergen bei Osnabrück genau so gewesen ist, "als ob du Astronaut werden willst".

Eichholtz ließ sich aber nicht beirren, gründete an seiner Schule eine Video-AG, jobbte in einer Videothek und investierte sein Gehalt in eigene kleine Produktionen und seine Filmsammlung. Um seine Mutter zu beruhigen, machte er nach der Realschule eine Ausbildung zum Mediengestalter für Bild und Ton und hält sich seitdem mit Auftragsjobs über Wasser. Auf eine Ablehnung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin reagierte er mit einem "Jetzt erst recht". Einen Tiefpunkt erlebte er, als sein Spielfilmdebüt "Liebe mich!" zunächst von allen wichtigen Festivals abgelehnt wurde. Dann aber rief mit einiger Verspätung der damalige Leiter der Internationalen Hofer Filmtage Heinz Badewitz an. Die DVD sei hinter seinen Schreibtisch gefallen, er wolle den Film beim Festival zeigen. "Auf einmal war da wieder ein Weg, mein Produzent Oliver Jerke und ich haben vor Freude auf der Straße getanzt."

Netflix Porträt Philipp Eichholtz

Philipp Eichholtz wurde 1982 in Hildesheim geboren. Er lebt als Regisseur, Autor und Cutter in Berlin und drehte die Improvisationsfilme "Liebe mich!" und "Luca tanzt leise".

(Foto: Netflix)

Ein großer Schritt war für Eichholtz, bei Netflix unterzukommen. Der Streamingdienst kaufte in den letzten Jahren vermehrt kleine deutsche Produktionen auf, die günstig zu haben sind und ein junges Publikum ansprechen. So können seine Filme nun weltweit gesehen werden, statt als Raritäten-DVDs im Regal zu versauern. Die meisten positiven Rückmeldungen zu "Liebe mich!" kämen aus Argentinien, Brasilien, Mexiko und Spanien, sagt der Filmemacher. In Deutschland spaltet die Protagonistin Sarah das Publikum. Es gebe diejenigen, die sich in ihr wiederfinden würden und die, denen das Mädchen aufgrund ihrer Ausraster zu heftig sei. Er habe übrigens nicht geplant, dass immer Frauen im Mittelpunkt seiner Geschichten stehen, sagt Eichholtz, für den die Probleme seiner Figuren unabhängig vom Geschlecht sind. Die Entscheidung für weibliche Hauptfiguren kann er sich nur so erklären: "Mein Vater ist gestorben, als ich zwei Jahre alt war. Ich bin von meiner Mutter und Großmutter großgezogen worden und deshalb mit starken Frauenbildern aufgewachsen."

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Mit seiner speziellen Art, Filme zu machen, verdient Eichholtz mittlerweile auch Geld. Zuletzt hat er als Regisseur für eine neue Krimiserie mit dem Titel "Suspects" gearbeitet. Die Produktionsfirma UFA hat von der britischen Serie ein deutsches Remake produziert. Sie besteht zum großen Teil aus improvisierten Dialogen und soll bald auf einem deutschen Sender zur Primetime ausgestrahlt werden.