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Kunst:Überwältigung als Stilmittel

A view of the Forest of Resonating Lamps at teamLab Borderless exhibit at the MORI Building Digital Art Museum in Tokyo

Psychedelische Effekte: Einer der Räume im Digital Art Museum des teamLab Borderless in Tokio.

(Foto: MATTHEW CHILDS/REUTERS)

"Immersive Art" bricht Ausstellungsrekorde. Aber ist der bunte Bombast aus Licht, Skulptur und Digitalem Kunst oder Kitsch? Ein Besuch beim ersten Festival in Paris.

Betritt man das Digital Art Museum auf der künstlichen Odaiba-Insel in der Bucht von Tokio, taucht man in ein Geflecht aus Lichtspielen, Projektionen und Skulpturen, das im Reizschema zwischen Spiegelsaal und Feuerwerk auf einer Fläche von 10 000 Quadratmetern mit Beschallung durch Ambient Music ein bisschen wie ein psychedelischer Rausch ohne Nebenwirkungen funktioniert. Der Effekt ist überwältigend. Wenn man unter Lichtduschen das Gefühl hat, in einem fantastischen Dschungel zu stehen, oder in einem Labyrinth aus Kristallketten das wabernde Strahlen der Beleuchtung wie eine Klimazone auf einem fremden Planeten empfindet, katapultiert einen das sofort aus dem Wirklichkeitsempfinden des Alltags.

Die Überwältigung ist bei den Besuchern dann in der Regel so groß wie die Begeisterung, die sich in den einzelnen Räumen in vielen "Wow"-Stoßseufzern entlädt. Das hat aber auch dazu geführt, dass dieses Haus seit seiner Eröffnung im Sommer 2018 mit seinen 2,3 Millionen Besuchern die 2,16 Millionen Besucher des Van- Gogh-Museums in Amsterdam übertraf und damit aus dem Stand heraus zum erfolgreichsten monothematischen Museum der Welt wurde.

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Nun hat die Überwältigung als Stilmittel einen etwas zweifelhaften Ruf, seit die Blütezeiten der barocken Kirchenmalerei und der höfischen Kunst vorbei sind, also ungefähr seit den 1790er-Jahren. Zu viel Macht, Pomp und Pathos passen nicht zum Zeitgeist der Aufklärung, der Freiheitsgedanken und des Individualismus. Höchstens dem Kino und der Popmusik wird all das noch zugestanden, die beide lange kämpfen mussten, um vom Kulturkanon ernst genommen zu werden. Das macht den Umgang mit der sogenannten immersive art so schwierig.

Streng genommen gibt es die schon länger. Der internationale Kunstgruppenverbund Neue Tendenzen installierte in den Sechzigerjahren solche Räume. Die japanische Pop-Art-Legende Yayoi Kusama baute 1965 den ersten ihrer psychedelischen Spiegelsäle, die sie "infinity rooms" (Unendlichkeitsräume) nennt. Zur selben Zeit begann James Turrell, mit Licht und Raum zu experimentieren. Mit dem Fortschritt digitaler Technologien wurden solche Installationen immer raffinierter und bekamen mit der Ars Electronica in Linz auch ein regelmäßiges Forum.

Für immersive Installationen werden Summen verballert wie sonst für Tech-Startups

Wobei man diese vergleichsweise kleinformatigen Einzelwerke nicht mit dem Monumentalismus vergleichen kann, der sich da gerade in Projekten wie dem Digital Art Museum manifestiert, weltweit. Das teamLab-Borderless-Kollektiv will seinen Erfolg aus Tokio auch sofort exportieren, Shanghai und New York sind in Arbeit. In Manhattan gibt es schon die Color Factory, ein immersives Kollektivkunstprojekt, das vom Smithsonian Museum of Design unterstützt wird. Die Immersive-Art-Gruppe Meow Wolf hat gerade ihr erstes Gebäude in Santa Fe eröffnet. Las Vegas, Denver und Washington folgen bald. Das sind nur einige Beispiele, wobei Meow Wolf ein besonder gutes ist. 400 Festangestellte arbeiten für die Gruppe. Die Kosten sind auf einem Niveau, das sonst Start-ups der Tech-Industrie verballern. Alleine die Installation in Denver wird rund 60 Millionen Dollar kosten.

In Europa gab es schon ein paar Einzelausstellungen solcher Kollektive. Das erste feste Haus für Immersive Art ist das Pariser Atelier des Lumières, das im April 2018 in einer ehemaligen Stahlgießerei im 11. Arrondissement von Paris eröffnete. Dort ging am Donnerstag das erste "Immersive Art Festival" zu Ende, das eine gute Gelegenheit war, dieses neue Genre mal genauer zu betrachten, weil da ein Wettbewerb stattfand, an dem elf eher kleine Teams teilnahmen, die noch keine großfinanzierten Publikumsmagneten bauen durften.

Immersive Art Festival

Kunst als bunte Rundumbilder: Die Van Gogh-Installation im Atelier des Lumières in Paris.

(Foto: Culturespaces)

Erschwerende Bedingung des Wettbewerbs: Die bis zu vier Minuten langen Arbeiten müssen für den sehr speziellen Raum des Atelier des Lumières konzipiert werden. In diesem stehen noch einige Reste der Gießereianlagen, auf die auch projiziert werden muss. 140 Projektoren und 50 Lautsprecher stehen in der zehn Meter hohen Halle. Die Projektionsflächen summieren sich auf 3300 Quadratmeter.

Tagsüber kann man dort noch bis Ende des Jahres eine Immersive-Art-Installation über van Gogh (Ironie, Ironie) ansehen. Sie dauert eine Viertelstunde und taucht die Halle in eine mehrschichtige Projektion aus den bekanntesten Werken van Goghs. Hübsch ist das ja schon, Sonnenblumen, die sich wiegen, Frühlingsblüten, die zu Boden sinken, beim Pfeifenraucher kräuselt es sich über dem Kopf. Landschaftsbilder, Stadtansichten, das Zimmer von Arles, alles über die Wände, den Boden, zwei Wasserbecken. Dazu läuft Musik. Janis Joplin zur Sequenz "Licht der Provence", Smetana für "Natur", Puccini für "Paris" und Miles Davis für die Bilder aus Arles.

Doch ob nun hübsch oder nicht, so ganz ohne den kunsthistorischen Kontext mit dieser Stimmungsduselei durch antihistorische Musikklischees zu wandern, ist, freundlich gesagt, grober Kitsch. Wobei man den kunsthistorischen Dünkel vielleicht doch einhegen sollte, wenn sich eine Halle voller glücklicher Menschen schweigend und andächtig in die Großaufnahmen der Pinselführung und des Gesamtwerks fallen lassen, egal ob sie verstehen, worum es geht oder nicht.

Diese Gesamtkunstwerke mögen kunsthistorisch zweifelhaft sein, aber sie begeistern ein breites Publikum

Am vorvorigen Donnerstagabend stehen dann die Gäste der Festival-Eröffnung vor dem Atelier des Lumières geduldig in Schlangen. Sicherheitsleute in engen Anzügen regeln irgendwie irgendwas, um so eine Achtzigerjahre-Discotür-Wichtigkeit zu vermitteln. Auch wenn sich dann später herausstellt, dass die ganzen wirklich jungen, hübschen, hippen Menschen vor der Türe entweder zu einem der elf Wettbewerbsteams oder deren Freundeskreisen gehören. Die etwas Älteren gehören zur Jury, die aus der traditionellen Kunstwelt rekrutiert wurde. Was ja schon mal ein Risiko ist.

Immersive Art Festival

Raum in Bewegung: Die Arbeit der Gruppe "Ouchhh" beim Immersive Art Festival Immersive Art Festival Paris.

(Foto: Culturespaces)

Es gibt dann bald schon ein Dauerfeuer der Beiträge, die allesamt aus Europa kommen. Gleich zu Beginn setzt das Team "Ouchhh" aus Istanbul die gesamte Halle in Bewegung. Geometrische Muster auf Wänden und Boden dehnen, ziehen, drehen sich zu ohrenbetäubender Musik. Um diese Bewegungen zu generieren, hat das Team eine künstliche Intelligenz auf die Ausgrabungsstätte Göbekli Tepe losgelassen und aus den prähistorischen Funden Daten generieren lassen. Klingt überambitioniert, funktioniert aber. Anders als das, was dann folgt. Es ist sicherlich das Problem, dass die Koordinierung von 140 Projektoren und 50 Lautsprechern nur gelingt, wenn die Programmierer das Sagen haben. Die (man kann die zehn anderen Beiträge ruhigen Gewissens pauschalisieren) nicht nur die Bildsprachen von Science-Fiction-Filmen wie "Star Wars" und "Alien" verinnerlicht haben, sondern auch den Grundgrusel und das Pathos. Es geht um Apokalypsen, die Geschichte des Lebens, der Sterne oder die Übermacht der Technik, alles in kalten Displayfarben.

Wenn man sich aber auf die (sehr vielen) gelungenen Teile im Digital Art Museum und den Beitrag von "Ouchhh" konzentriert, wenn man die glücklichen Reaktionen und natürlich auch die immensen Erfolge dieser Immersive Art betrachtet, gibt es da in jedem Fall eine neue Kunst, die nicht aus der Kunstgeschichte kommt und doch eine enorme Wirkung entwickelt.

Es fehlt ein Vergleich, aber wenn es einen gibt, dann ist es der Cirque de Soleil. Auch der wird gern als Kitsch belächelt, aber man darf seine demokratische Wirkung nicht vergessen. Der Cirque erschließt das Theatererlebnis für Menschen, die noch nie im Theater waren. Doch da hat es eine traditionelle Kunstform geschafft, gegen die Reizüberflutung anzutreten, die in der Popkultur mit dem technischen Fortschritt immer heftiger wird. Genau so funktioniert die Immersive Art. Fürs breite Publikum. Nicht für die Kunstgeschichte.

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