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Im Kino: Tannöd:Exzessive Waldeswildheit

Trotz sechs Leichen und eines gruseligen Einödhofs leider kein wirklicher Horrorfilm - die "Tannöd"-Verfilmung von Bettina Oberli und Bernd Eichinger.

Die Rückkehr des verlorenen Sohnes, im Kino ist sie meistens auf den Kopf gestellt. Kein freudiges Wiedersehensglück, keine Heimatgefühle, überall nur Verunsicherung, Misstrauen, Unbehagen. So auch bei der verlorenen Tochter in diesem Film, Kathrin, die aus dem Regionalbus steigt und gleich wie ein Fremdkörper wirkt in dem kleinen bayerischen Flecken Tannöd.

Auf einem abgelegenen Bauernhof wurde die gesamte Familie Danner brutal erschlagen: Brigitte Hobmeier als Barbara Danner und Werner Prinz als Pfarrer Meisner.

(Foto: Foto: ddp)

Sie ist gekommen, um die Mutter zu beerdigen, aber schnell wird sie mit einer Reihe anderer Toten konfrontiert - zwei Jahre zuvor ist auf ihrem Hof die ganze Familie Danner mit einer Hacke erschlagen worden: der Vater und die Mutter, die Tochter Barbara und ihre zwei Kinder, auch die neue Magd Marie. Man hat gesheen, wie diese am Anfang zu ihrer neuen Dienststelle geführt wurde, wo sie die erste Nacht nicht überleben sollte, jenen Jungfrauen gleich, die man in den Hammer-Filmen dem Grafen Dracula auf sein Schloss brachte.

Eine ganze Familie, die brutal ausgelöscht wird, das scheint besonders Frauen heute zu interessieren. Der Film "Tannöd" von Bettina Oberli basiert auf dem unerhört erfolgreichen, gleichwohl doch überschätzten Roman von Andrea Maria Schenkel. Im Frühjahr hatte es bereits eine freie Variation darauf gegeben, den Film "Hinter Kaifeck" von Esther Gronenborn.

Hinterkaifeck hieß der Einödhof in der Nähe von Schrobenhausen, auf den alles zurückgeht - dort wurden im April 1922 die Leichen der Familie entdeckt. Die Morde sind bis heute nicht aufgeklärt, die Fakten wurden von Peter Leuschner in zwei Büchern aufgeschrieben, aus denen auch Andrea Maria Schenkel sich bedient hat. Der Plagiatsprozess, den Leuschner daraufhin gegen sie anstrengte, hat mindestens ebenso viel Aufsehen erregt wie das Buch selbst.

Halbherzige Ermittlerin

Die Rückkehrerin hat man für den Film konstruiert, die Rolle dem Star Julia Jentsch auf den Leib geschrieben. Sie ist die Ermittlerin, ein wenig halbherzig und verunsichert, weil auch sie in Beziehung steht zu dem Dannerbauern, dem Dorftyrann. Die Erfahrung draußen, den Touch Weltläufigkeit, den sie eigentlich mitbringen sollte, sieht man ihr nicht an.

Für die Menschen interessieren sich die drei Tannöd-Frauen nicht unbedingt, ihnen geht es vor allem um die Atmosphäre. Um die Geisterhaftigkeit der einsamen Höfe und die Verwunschenheit des Waldes, dessen Wipfel sich bedrohlich im Wind wiegen. Und um die schäbige Degeneriertheit des Dorfes: Neid und Niedertracht, eine manchmal fatale Art, wegzuschauen. Es geht um Inzest, um archaische Dominanz des Vaters, aber auch um eine Lust, die so unersättlich ist, dass sie sich auf leichtfertige Besitzhändel mit der geschundenen, gedemütigten, ausgebeuteten Tochter einlässt.

Lesen Sie auf Seite 2, warum der Film ignoriert, was das Kino könnte.