Im Kino: Public Enemies Glamouröser als die Polizei erlaubt

Verbrechen als einzig mögliche Berufswahl: Johnny Depp spielt den legendären Bankräuber John Dillinger, Amerikas einstigen "Staatsfeind Nr. 1".

Von Doris Kuhn

Manche Männer erkennen ihre Chance. Sie sehen, wie für einen kurzen Moment historische Voraussetzungen zusammenfallen, die etwas anbieten, was vorher so nicht möglich war und es später nie wieder sein wird. John Dillinger war einer dieser Männer. In den Monaten zwischen Mai 1933 und Juli 1934 räumte er zahllose Banken aus und erwarb sich als erster in Amerika den Titel "Staatsfeind Nummer 1".

Unbedingt gejagt: Johnny Depp spielt den legendären Gangster John Dillinger.

(Foto: Foto: Filmverleih)

Ermöglicht wurde ihm der Erfolg einerseits durch die Depression. Das Land war in der Krise, die Banken allerdings, die es dorthin gebracht hatten, waren noch mit Geld bestückt. Wer es ihnen wegnahm, holte sich letztlich nur, was diese Banken bereits gestohlen hatten - so sah es jedenfalls die Bevölkerung, und verbarg keineswegs, dass ihre Sympathien auf der Seite Dillingers lagen. Diese doch überraschend aktuelle Grundstimmung liefert nun auch den Hintergrund für Michael Manns "Public Enemies", mit Johnny Depp in der Rolle des legendären Gangsters.

John Dillinger wiederum definierte sich auch selbst über seine Popularität. So unbekümmert waren seine Coups, so nonchalant stellte er sich den Medien, dass er bald mehr von Glamour umstrahlt war als alle Gesetzesvertreter. Aus jeder Verfolgungsjagd ging er als Sieger hervor, immer waren seine Autos neuer und schneller als die seiner Jäger.

Er nutzte die Schwerfälligkeit des Polizeiapparats, er nutzte gleichzeitig die ungeschickte amerikanische Gesetzgebung der Zeit, die Verbrechensbekämpfung noch allein als Sache der Bundesstaaten definierte. Oft brachte die Flucht in den nächsten Staat einem Kriminellen schon den entscheidenden Vorsprung. Verbrechen erschien Dillinger als die beste Berufswahl - einfach, weil es kaum effiziente Gegenmaßnahmen gab.

Erst durch Dillinger bekam J. Edgar Hoover die Rechtfertigung, sein FBI zur mächtigen Bundesbehörde auszubauen, seine Agenten zur Armee aufzurüsten. Erst Dillinger veranlasste die Polizei, Techniken einzusetzen, die über das Observieren eines Hauseingangs hinausgingen.

Um diese Veränderungen geht es dem Regisseur Michael Mann. Er lässt sich nicht allzu sehr vom Charisma seiner Protagonisten blenden - weder von der Figur des populären Gangsters, noch von Johnny Depp, der Dillinger eindrucksvoll verkörpert. In der Unbedingtheit, mit der Gejagte das Garderobenmädchen Billie Frechette (Marion Cotillard) zu seiner großen Liebe erwählt, liegt zwar noch ein Moment ganz altmodischer, ungebrochener Gangsterromantik.

Aber eher versucht Michael Mann doch, das Gefühl einer Ära zu beschwören, die im Verschwinden begriffen ist - vor allem im Kontrast zu der kühlen Rationalität des oberstes Dillinger-Verfolgers Melvin Purvis (Christian Bale). So wird John Dillingers Verwandlung vom Revolverhelden zum Staatsfeind deutlich - fast könnte man sagen, Michael Mann beobachtet, wie der Western sich verabschiedet und zum Thriller wird.