Im Kino: Mr. Nobody Mach mir den Schmetterling

Der älteste Mann der Welt lebt als letzter Sterblicher in einer Zukunft, die den Tod überwunden hat: Jaco van Dormaels "Mr. Nobody" verrät kindliche Wunschfantasien an Kitsch und Clip-Bombastik.

Von Rainer Gansera

Man kennt das: Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien, ein gewaltiger Tornado in Texas - und Edward Lorenz, der die beiden in seiner Chaostheorie zusammenbrachte. Von diesem "Schmetterlingseffekt" haben sich zahlreiche Filme inspirieren lassen, "Per Anhalter durch die Galaxis" etwa oder Richard Kellys "Donnie Darko".

Jared Leto als Nemo Nobody und Diane Kruger als Anna in dem Drama "Mr. Nobody": Auch der älteste Mann der Welt war einmal jung und verliebt.  

(Foto: ddp)

Ein Mann kocht sich ein Ei

In Jaco van Dormaels "Mr. Nobody" wird folgende chaostheoretische Episode daraus: Ein brasilianischer Schneider, arbeitslos, weil Billigjeans den Markt überschwemmen, kocht sich ein Ei. Der Wasserdampf des Kochtopfs gerät in den meteorologischen Kreislauf und geht irgendwo in der Ferne als Gegenguss auf Nemo (Jared Leto), den Helden des Films, hernieder - um die Telefonnummer der heiß geliebten Anna (Diane Kruger), die er sich auf einem Zettel notiert hat, unleserlich zu machen. Für sich betrachtet eine hübsche Idee, im Kontext des Films jedoch führt diese Episode exemplarisch vor, wie Dormael seine Zusammenhänge voluntaristisch herbeizerrt und mit größtem tricktechnischen Aufwand in Szene setzt - um damit geradewegs den emotionalen Ernst seiner Story zu verspielen.

In "Mr. Nobody" gibt es keinen emotionalen Flügelschlag, der einen Sturm der Leidenschaft auslösen würde. Ansätze dazu - etwa in der herrlich unbeschwert sich anlassenden Teenie-Lovestory - verpuffen recht schnell in einem Bilderlabyrinth ohne Ariadnefaden, das nur in seelenlose Virtuosität führt.

Zu viele gute Ideen

Dormael erliegt einer Versuchung, die seine Arbeiten immer schon gefährdet hat: kindliche Wunschfantasien an Kitsch und Clip-Bombastik zu verraten. In den dreizehn Jahren seit seiner letzten Arbeit ("Am achten Tag") hat er sich jede Menge Ideen notiert. Philosophische Ideen, die von Zufall und Notwendigkeit handeln, Storyideen von der scheiternden großen Liebe - und von verschiedenen Konstellationen dahinsiechender Middleclass-Ehen. Alles zusammen hat er in einen Film gepackt, der über dreißig Millionen Euro an Produktionskosten verschlang und dem diese Ideenfülle zum Fluch gerät.

Auch der Held will sich alle Möglichkeiten offen halten. Er heißt Nemo (lateinisch für "Niemand") und lebt als letzter Sterblicher in einer Zukunft, in der die Menschheit mittels unendlicher Zellteilung den Tod überwunden hat. Der 118 Jahre alte, sterbenskranke Nemo wird von einem Journalisten nach seiner Lebensgeschichte befragt - und verblüfft mit der Eröffnung höchst unterschiedlicher, parallel möglicher Biographien. Wo aber alles möglich ist, ist alles auch gleichgültig. Wo die existenzielle Wahl abgeschafft ist, entschwindet auch das Glück, die Verzweiflung, die Verantwortung, die Schönheit.

Nemo ist das Double eines Filmemachers, der omnipotent die Sphären von Traum, Erinnerung und Wunschwelt in jeder Richtung durchqueren will und bei den verschiedensten Genres Station macht. Die Idee, Leben und Kunst in die pure Möglichkeitsform zu setzten, erweist sich aber gerade nicht als Flügelschlag eines Fantasie-Schmetterlings, sondern als hohle Falle.

Davon ahnt "Mr. Nobody" nichts - und deshalb hinterlässt er kaum mehr als extravagante Konfusion.

MR. NOBODY, Kanada/Belgien/F/D 2009 - Buch und Regie: Jaco von Dormael. Kamera: Christophe Beaucarne. Musik: Pierre van Dormael. Mit: Jared Leto, Sarah Polley, Diane Kruger, Linh-Dan Pham. Concorde, 138 Minuten.

Die Schöne mit dem Tick

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