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Im Kino: Lebanon:Im Inneren des Krieges

Dann drückt er ab: "Lebanon" erzählt von den Kämpfen im Libanon aus der Perspektive eines Präzisionsschützen. Ob das Kino noch etwas Neues über den Krieg sagen kann? Vielleicht ja doch.

Tobias Kniebe

Kann das Kino noch etwas Neues über den Krieg sagen? Oder Bilder finden, die noch einmal anders klarmachen - anders als in tausend Kriegsfilmen zuvor -, was da passiert? Vielleicht ja doch.

Themendienst Kino: Lebanon

Nur das letzte Bild in Samuel Maoz' Film "Lebanon" zeigt den Blick von außen. Davor sitzt man im Inneren des Monsters, in derselben Falle gefangen wie die Besatzung des Panzers.

(Foto: dapd)

Dieser Blick des Richtschützen zum Beispiel, wenn er durch die Optik eines modernen Kampfpanzers starrt. Er sieht die Welt - wenn man "Lebanon" von Samuel Maoz glauben darf, der letztes Jahr in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen hat - praktisch in Großaufnahme.

Er sieht Zivilisten. Oder Menschen, die aussehen wie Zivilisten, aber Kämpfer sein könnten. Er sieht weit aufgerissene Augen, die sein halbes Blickfeld füllen. Angst. Schweißperlen auf der Stirn. Oder auch: finale Teilnahmslosigkeit. Gesichter, die schon alles verloren haben, und die nun auch das Zehn-Zentimeter-Geschützrohr, das auf sie gerichtet ist, mit Gleichmut betrachten.

Ein Fadenkreuz hat der Richtschütze auch. Es fehlt aber dieses Chirurgische, der Fetischismus der Präzision, den man aus Scharfschützenfilmen kennt. Wenn der Abzug des Panzers durchgezogen wird, vibriert es. Dann macht die Kartusche "Plomp" auf dem Boden der Panzerkabine. Die Optik zeigt zunächst einmal Staub. Dann wird langsam der Krater sichtbar, der jetzt da ist, wo gerade noch die Großaufnahme war.

Man glaubt dem israelischen Regisseur Samuel Maoz, dass er weiß, was er da zeigt. Weil man in Interviews gelesen hat, dass er selbst dieser Panzerschütze war, ahnungslos, zwanzig Jahre alt, im Juni 1982, im ersten Libanonkrieg. Er hat bis jetzt gebraucht, um überhaupt davon zu erzählen. Man glaubt es aber auch unabhängig davon, obwohl man nie im Inneren eines Panzers saß: Denn manche Bildern tragen ihre Glaubwürdigkeit schon in sich, auch wenn die Art, wie man das als Zuschauer spürt, immer noch, und immer wieder, rätselhaft ist.

Der Richtschütze, der im Film jetzt Shmulik heißt (Yoav Donat), springt um drei Uhr nachts durch die Luke in den Panzer, dem er zugewiesen wurde. Dort trifft er auf drei andere Soldaten, die er noch nicht kennt: Assi, den Kommandanten. Herzel, den Ladeschützen. Und Yigal, den Fahrer. Dann geht der Krieg los. Etwa 24 Stunden später, nach einem Tag voller Terror, Versagen, Weinen, Tod und Verzweiflung, wird Shmulik die Luke wieder öffnen und hinausschauen. Dazwischen verlassen er, seine Kameraden und auch der Film das Innere des Panzers nicht.

Das ist natürlich ein starkes formales Stilmittel - aber es ist auch absolut notwendig für den Gefühlshaushalt des Films. Erst im allerletzten Bild sieht man von außen, dass dieser Panzer ja doch ein ziemlich gewaltiges, todbringendes Monstrum ist. Davor sieht und fühlt man nur, was die jungen Männer in seinem Inneren sehen und fühlen, und das ist etwas völlig anderes. Man sitzt mit ihnen in der Falle.

Kaum ist der Panzer, umringt von zwölf Fallschirmjägern, die ihn zu Fuß begleiten, durch eine Bananenplantage auf einen Feldweg vorgerückt, rast bei Sonnenaufgang ein BMW auf ihn zu. Warnschüsse stoppen ihn nicht. "Nashorn, spiel deine Musik!" kommt die Anweisung über Funk, die Worte so absurd wie die Situation. Shmulik müsste jetzt abdrücken. Er sieht direkt ins Gesicht des BMW-Fahrers. Er kann nicht.

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