Im Kino: In einer besseren Welt:Ein klarer Pyrrhussieg

Genau, sagt da der innere Actionproll: Immer heftig druff, wenigstens im Kino muss ja nun nicht diskutiert werden. Der Gedanke, auch noch die andere Wange hinzuhalten, ist auf der Leinwand jedenfalls besonders schwer zu ertragen - aus merkwürdigen, wohl recht archaischen Gründen.

Adrenalin zum Überkochen

Moment, widerspricht nun sogleich der innere Pädagoge: Rechtzeitige kompromisslose Gegengewalt im Schulmilieu, das soll hier ernsthaft als Lösung gefeiert werden? Das kann ja wohl nicht wahr sein.

Ist es auch nicht. Die Racheaktion, so erfolgreich sie ist, erweist sich als klarer Pyrrhussieg, weil die Jungs nun glauben, jegliches Unrecht rächen zu können. Das führt bald zu neuen, gefährlichen Plänen, die auch schreckliche Konsequenzen haben. Derweil wird Anton, auf Heimaturlaub in Dänemark, in den Augen seines Sohnes immer mehr zum Versager. Auf einem Spielplatz in der rauen Hafengegend lässt er sich grundlos von einem aggressiven Muskelprotz ohrfeigen - und schlägt, obwohl er größer ist, nicht zurück.

Dann beschließt er auch noch, den Kindern eine Lektion in Gewaltlosigkeit zu erteilen, und nimmt sie in die Autowerkstatt mit, wo der Aggressor arbeitet. Dort wird er wieder geschlagen, verkauft aber seine Willenskraft, sich nicht zur Gegenwehr provozieren zu lassen, als Sieg. "Mama würde es sicher mögen, wenn du nicht so ein Feigling wärst", antwortet daraufhin sein enttäuschter Sohn.

Für einen Mann, möge er auch noch so friedfertig sein, ist so ein Satz schwer auszuhalten - sogar als Zuschauer. Susanne Bier und ihr langjähriger Autor Anders Thomas Jensen wissen das natürlich. Und sie tun alles, um das Adrenalin nicht nur in Wallung, sondern zum Überkochen zu bringen. Das passiert schließlich, als Anton nach Afrika zu seiner Krankenstation zurückkehrt - und gezwungen ist, dem Warlord Big Man, an dessen Bein schon die Maden nagen, medizinische Hilfe zu leisten...

Was man noch sagen kann, ohne die emotionale Tortur der Geschichte zu verraten: Anton erscheint am Ende als souveräner, starker Mann, gerade weil er sich fast immer in der Gewalt hat - eine Traumrolle für den Schweden Mikael Persbrandt, hierzulande aus der Serie "Kommissar Beck" bekannt. Mit seiner Sympathie für diese Figur gibt der Film eine Denkrichtung vor - eine allgemeingültige Antwort aber verweigert er.

Denn wer auf jede Aggression reagieren muss, in jeder Situation darauf beharrt, sich nichts gefallen zu lassen - der lässt sich natürlich auch auf das Spiel des Gegners ein, wird Krieger wider Willen, bestimmt sein Leben nicht selbst. Da ist Susanne Bier ganz klar. Genauso aber treibt sie der Gedanke um, dass man Dingen auch Einhalt gebieten muss, dass die Aufgabe, sich zu wehren, nie ganz auf abstrakte Institutionen abgewälzt werden kann. Ein Widerspruch, der nicht lösbar scheint - auch Anton, der Arzt im humanitären Einsatz, wird seine Prinzipien am Ende verraten haben.

HÆVNEN, DK, SW 2010 - Regie: Susanne Bier. Buch: Anders Thomas Jensen. Kamera: Morten Søborg. Mit Mikael Persbrandt, Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, William Nielsen, Markus Rygaard. Universum, 117 Minuten.

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