Im Kino: Das Blaue vom Himmel Das Gelbe vom Bernstein

Bilder wie in einem TV-Edelmovie: Hans Steinbichlers Film "Das Blaue vom Himmel" mit einer anrührenden Karoline Herfurth und einer exzentrischen Hannelore Elsner enttäuscht durch hölzerne Figuren.

Von Rainer Gansera

Forschend betrachtet die junge, hübsche Marga (Karoline Herfurth) die in Bernstein eingeschlossene Fliege - und gleich dürfen wir die Schicksalssymbolik darin erahnen: Auch sie wird vom Leben eingeschlossen werden, in verhängnisvoller Liebesleidenschaft.

Karoline Herfurth als Marga in dem Drama "Das Blaue vom Himmel" von Hans Steinbichler: Wie die Fliege im Bernstein wird sie vom Leben eingeschlossen werden.

(Foto: dapd)

Seltsam symbolbemüht, ohne sinnliche Evidenz beginnt Hans Steinbichlers "Das Blaue vom Himmel": Bilder wie in einem TV-Edelmovie. Da tollen im Lettland der frühen dreißiger Jahre zwei Frischverliebte, Marga und Juris, durch den Wald, beide im blütenweißen Outfit der Unschuld, begleitet von einer tanzenden Kamera und gefühlsverstärkendem musikalischen Pathos. Juris küsst die baltendeutsche, einem begüterten Elternhaus entstammende Marga und überreicht ihr den Bernstein als Präsent. Die beiden werden heiraten - aber Juris liebt eine Lettin.

Zeitsprung über fünfzig Jahre hinweg ins Deutschland des Jahres 1991. Die 70-jährige Marga (Hannelore Elsner) leidet an Demenz, entflieht ihrem Altenpflegeheim, lässt sich von einem Taxi nach Wuppertal kutschieren, wo sie in einer altehrwürdigen Villa nach Juris ruft. In der Küche mixt sie Dosenravioli mit Kaffeepulver, vom Balkon aus bewirft sie den auf seine Bezahlung wartenden Taxifahrer mit Porzellantellern. Ortswechsel nach Berlin.

Margas Tochter Sofia (Juliane Köhler), eine ehrgeizige Fernsehjournalistin, beschäftigt sich mit der aktuellen Autonomiebewegung in Lettland und sucht nach einem persönlichen Zugang zum Thema. Da läutet das Telefon und sie hat ihn. Sie soll sich um ihre Mutter kümmern und wird mit ihr auf eine Lettlandreise gehen, bei der sich dunkle Familiengeheimnisse offenbaren sollen.

Schon merkwürdig, dass die beiden Chef-Melodramatiker des jüngeren deutschen Kinos, Chris Kraus und Hans Steinbichler, deren innerstes Thema das Aufwühlen schmerzensreicher Familiengeheimnisse ist, in ihren neuesten Arbeiten ganz ähnliche Motive angehen: das Baltikum als historische Kulisse für eine lodernde Amour fou. Kraus' "Poll" war visionäre Fabel - "Das Blaue vom Himmel" enttäuscht nun durch hölzerne und fahrige Figurenzeichnung.

In den Retro-Passagen gelingen Karoline Herfurth zwar anrührende Momente, und Juliane Köhler darf recht schön zum mädchenhaften Wesen aufblühen - aber Hannelore Elsners Exzentrik lässt weder die Demenz noch die Obsessionen ihrer Figur glaubwürdig erscheinen.

Hans Steinbichler liebt Figuren und Darsteller, die ihre Selbstentblößung bis ins Exzessive treiben - siehe "Hierankl" und "Winterreise". Seine Kunst ist die grandiose Demontage von dominanten Vater- oder Mutterfiguren. Hannelore Elsner entzieht sich diesem Konzept mit einer manierierten Spielweise, die ihre Marga so leblos erscheinen lässt wie eine Fliege im Bernstein.

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