Im Gespräch: Suelette Dreyfus:Die Angst vor dem Unbekannten

SZ: Wie politisch war Assange denn damals?

Im Gespräch: Suelette Dreyfus: Dreyfus sagt über Assange: "Solange ich ihn kenne, hat er sich für Fragen der Gerechtigkeit interessiert. Er hat sich auch immer offline für die Gesellschaft engagiert."

Dreyfus sagt über Assange: "Solange ich ihn kenne, hat er sich für Fragen der Gerechtigkeit interessiert. Er hat sich auch immer offline für die Gesellschaft engagiert."

(Foto: AFP)

Dreyfus: Solange ich ihn kenne, hat er sich für Fragen der Gerechtigkeit interessiert. Er fand auch immer schon, dass es unvernünftig sei, nur um des Hackens willen zu hacken. Dass es im Leben Wichtigeres gäbe. Er hat sich auch immer offline für die Gesellschaft engagiert.

SZ: Im Buch gehen Sie in der Beschreibung einzelner Hacks seitenweise in extreme Details, bei der Beschreibung der Gerichtsverfahren zitieren Sie ganze Passagen aus dem Protokoll. Kommt dieses Maß an Genauigkeit von Julian Assange oder von Ihnen?

Dreyfus: Von uns beiden. Wir sind buchstäblich Zehntausende Seiten Dokumente durchgegangen - Telefonmitschnitte, Abhörprotokolle, Gerichtsakten, Zeugenaussagen. Man muss dem Leser einen Grad an Detailreichtum liefern, damit er das Vertrauen hat, dass das, was beschrieben wird, wahr ist. Das kann man nur aus den Originaldokumenten bekommen. Teile davon müssen in den Text, das kann man nicht nur mit Fußnoten machen, weil man dem Leser die Beweise dann nicht wirklich zugänglich macht.

SZ: Das erscheint einem wie ein Vorgeschmack des "Scientific Journalism", den Julian Assange heute propagiert.

Dreyfus: Das stimmt. Julian nennt das "Scientific Journalism". Im Kern geht es darum, ungefilterte Informationen zu liefern, die die Menschen selbst verifizieren können. Das war beim Schreiben des Buchs auf jeden Fall sehr wichtig.

SZ: Man könnte auch den Eindruck gewinnen, dass Wikileaks eine Abkehr von Julian Assanges Hackerwurzeln darstellt. Anders als manchmal in der Öffentlichkeit der Eindruck erweckt wird, ist ja keiner der großen Wikileaks-Scoops durch Hacks ans Tageslicht gekommen. Man hätte doch denken können, dass jemand mit seinen Hackerfähigkeiten davon mehr Gebrauch macht.

Dreyfus: Es geht nicht nur um technische Fähigkeiten. Hacken im ältesten, ursprünglichen Sinn des Wortes bedeutet überhaupt nichts Illegales. Gemeint ist jemand, der ein schwieriges Problem nimmt, eine clevere technische Lösung dafür findet und umsetzt. Das ist die ursprüngliche Bedeutung eines Hacks und eines Hackers. In diesem Sinne hat Julian die alte Definition des Hackers genommen und auf Wikileaks übertragen. Es ist eine clevere technische Lösung für das schwierige Problem des Whistleblowing. Und das ist wirklich ein schwieriges Problem. Er hatte schon sehr früh das Interesse, eine Veröffentlichungsplattform für Whistleblower und Gruppen die sich für Gerechtigkeit einsetzen, zur Verfügung zu stellen.

SZ: Wenn Sie die Zeit beschreiben, als die australische Polizei in Verbindung mit dem FBI hinter den Hackern her war, klingt das an manchen Stellen wie Räuber und Gendarm. Andererseits beschreiben Sie die Zeit auch als traumatisch für die Hacker. Manchmal hat man den Eindruck, dass die Behandlung durch die Polizei objektiv nicht so schlimm war wie die Ängste der Hacker. Gab es da eine selbstgeschaffene Paranoia?

Dreyfus: Ja, vor allem eine Angst vor dem Unbekannten. Man hatte von anderen Leuten aus dem Underground gehört, bei denen es eine Razzia gab, da kursierten Horrorgeschichten, die viel schlimmer waren als die Wirklichkeit. Es gab auch ein paar richtig harte Polizisten. Aber die Realität war wahrscheinlich in den meisten Fällen nicht so schlimm, wie sie sie selbst damals aus der Distanz wahrgenommen haben. Nachts im Dunkeln, wenn es komische Geräusche in ihrem Hinterhof gab, die Eltern ausgegangen waren, und sie bis drei Uhr morgens gehackt hatten und erschöpft waren. Das sind Momente, in denen man es mit der Angst bekommen kann.

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