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Humboldt-Forum:Es ist ein Kreuz

Eine Spende ermöglicht die vollständige Rekonstruktion der Berliner Schloss-Kuppel - vernünftig ist das nicht.

Von Jens Bisky

Wenn Geld für Kunst gespendet wird, sollte man dankbar sein, es ließe sich Dümmeres damit anstellen. Und doch verstimmt die Nachricht, dass dank einer Einzelspende die Berliner Schlosskuppel mit Laterne nahezu vollständig rekonstruiert werden soll. Das ist eine falsche Entscheidung.

Schon jetzt erhebt sich über dem Westportal des Schloss-Neubaus eine Kuppel. Die Spende ermöglicht es, über die einfache Fassadenverkleidung hinaus Verzierungen des 19. Jahrhunderts zu applizieren, vor allem die Laterne: Acht Cherubim tragen eine zweite Kuppelhaube aus Palmenzweigen, darüber in etwa 70 Metern Höhe ein vergoldetes Kreuz. Die Kuppel schuf Friedrich August Stüler für die neue, vom preußischen König gewünschte Schlosskapelle. 1844 angeordnet, 1854 vollendet, trug sie, um ein Wort Friedrich Wilhelms IV. zu variieren, den "Ludergeruch" der Reaktion. Ästhetisch interessant war sie als ein Beispiel für den Versuch, Konflikte und Veränderungen in Geschichts- und Traumbildern stillzustellen.

Als der Bundestag 2002 über die Schlossrekonstruktion abstimmte, ging es um den Nachbau der drei barocken Fassaden und des Schlüterhofs. Die Kuppel kam erst später ins Spiel, als die meisten von den Grundsatzdebatten - Rekonstruktion oder was anderes? - erschöpft waren und sich in dem vergeblichen Bemühen aufrieben, den Leerformeln zur Projektbegründung - Forum, Agora, Dialog der Kulturen - Konkretes abzugewinnen.

Die großzügige, gewiss gut gemeinte Spende trifft zu einer Zeit ein, in der noch immer Millionen für die Fassadenrekonstruktion fehlen. Nach Auskunft der Stiftung Berliner Schloss - Humboldtforum sind von den verheißenen 80 Millionen Euro bislang 62 Millionen eingegangen. Selbst wenn, was wahrscheinlich ist, die 80 Millionen eines Tages beisammen sind, wären zusätzliche Gelder an anderer Stelle besser verwendet. Die Portale insgesamt nach historischem Vorbild zu rekonstruieren, würde dem heiklen Bau guttun, die unvermittelten Übergänge würden plausibel und ein sinnliches Ereignis, denn auf die Portale und die Fassaden antworten die Bauwerke ringsum. Das wieder sichtbar zu machen, war das entscheidende Argument für die Rekonstruktion. Stülers starre Spätromantik aber steht beinahe ausschließlich in Beziehung zum Inneren, zum Raum darunter. Diese Beziehung ist gekappt. Damit unsere Enkel den Kopf schütteln können, wird der Raum der Kapelle, über dessen Eindruck man nur spekulieren kann, nicht wiederhergestellt; ihn teilt in 14 Metern Höhe eine Zwischendecke aus Beton. Konservatorischer Anforderungen wegen, heißt es.

Das Siegeszeichen der Reaktion soll über dem Humboldt-Forum in "alter Pracht" erstrahlen?

Über dem ehrgeizigsten Kulturprojekt der Berliner Republik wird ein Kreuz leuchten; darunter aber, wo einmal die Kapelle war, kann man dann Wandmalereien aus buddhistischen Höhlenklöstern Zentralasiens bewundern.

Das gesamte Schloss der Republik ist ein Mischgebilde aus Alt und Neu. Die Logik des Rekonstruierens ersetzt nicht die Entscheidung, was wo sinnvoll ist. So folgen etwa die Fenster der barocken Fassaden Mustern des 19. Jahrhunderts. Eine Kuppel mit einfacher Fassade würde ihren Zweck erfüllen, wenn man schon nicht, nach dem ermutigenden Beispiel des Reichstages, eine neue Form wagt. Die Schlossstiftung freut sich über "alte Pracht" und einen "Glanzpunkt des Stadtbildes". Die Formulierungen verraten, dass es auf die Details nicht so sehr ankommt. Für die großen Skulpturen auf der Balustrade des Kuppelunterbaus fehlt das Geld noch. Die paar Floskeln sollen als Begründung reichen?

Wenn man die Kuppel als gestalterisches Problem ernst nähme, statt nur "alte Pracht" zu erwarten, müsste man sich architektonisch zu zwei Konstellationen verhalten, einer schlosseigenen und einer städtebaulichen. Das Schloss und seine Höfe waren ein Hauptschauplatz der Märzkämpfe, der Revolution von 1848. Die vollendete Kuppel war auch ein Siegeszeichen der Reaktion. Ihr antwortete die Reichstagskuppel, die Norman Foster in den Neunzigern neu interpretiert hat.

Cherubim, Palmenzweige und Kreuz haben einmal etwas bedeutet. Nun werden sie aber über dem Riesenbau schweben wie ein allegorisierender Tafelaufsatz im bürgerlichen Haushalt. Sie verkünden einen vagen Anspruch und zugleich die Hoffnung, niemand würde je die Einlösung verlangen. Das ist prätentiös. Die "fast vollständig" rekonstruierte Kuppel wird wirken wie ein Zeichen des Läppischen. Sie degradiert das Gebäude zum Schmücke-die-Stadt-Bauwerk. Für eine künstlerische Gestaltung der stadtabweisenden, gräulich monotonen Ostfassade werden derzeit keine Spenden gesammelt.

© SZ vom 13.05.2017
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