bedeckt München 17°

Hollywood mit Occupy-Ambitionen:Las Vegas statt Sherwood Forest

Die vier Zauberer - gespielt von Jesse Eisenberg, Woody Harrelson, Isla Fisher und Dave Franco - kriechen in keinem Sherwood Forest mehr herum, sondern veranstalten riesige Spektakel in den Arenen von Las Vegas, New Orleans und New York - denn ohne eine perfekte Show kann man heute ja gar nicht mehr kommunizieren mit den Armen und Ausgepowerten.

Konsequenterweise inszeniert Leterrier diese Auftritte so, wie es das Publikum aus den glitzernden, blinkenden Castingshows im Fernsehen gewöhnt ist, die Kamera fliegt und springt und kreist ohne Unterlass.

Und auch wenn es zwischendurch mal ein bisschen echtes Geld regnet, die wahre Umverteilung findet längst in Form von Online-Banking statt. Für ihre Raubzüge brauchen die "Four Horsemen", wie sich die Gruppe nennt, deshalb auch gar keine echte Magie, sondern digitales Knowhow auf allen Kanälen.

Für die technischen Fähigkeiten dieser upgedateten Robin Hoods wären vermutlich sogar die tüchtigen NSA-Mitarbeiter zu begeistern. Lediglich der Abgang nach der letzten Show ist dann doch wieder klassischer Robin Hood, wenngleich nicht mehr auf Pferden geflohen wird, sondern in schnellen Autos.

Vorwand für die klassische Rachegeschichte

Szenen wie die Entschädigung der Katrina-Traumatisierten auf offener Bühne, mit denen der Film eifrig beworben wird, dienen den Machern aber letztendlich nur als Kür, um die Verstrickungen der Gerechtigkeitszauberer mit einem antagonistischen stargespickten Quartett - Mark Ruffalo, Mélanie Laurent, Morgan Freeman, Michael Caine (der alte Mann mit der Versicherung) - noch bis zum dritten Akt zu verschleiern.

Die monströse Gemeinwohl-Kulisse dient am Ende als Vorwand für eine klassische persönliche Rachegeschichte, weil Leterrier und seine Leute irgendwann nicht mehr so genau wissen, wie sie aus ihrem eigenen Versuchsaufbau herauskommen sollten - Occupy lässt grüßen.

Dabei ist die Kombination von unerschütterlichen Revolutionsidealen und actionbetonter Filmunterhaltung durchaus schon konsequent inszeniert worden. In jüngerer Zeit haben das zum Beispiel die Wachowski-Geschwister öfters vorgeführt: Zuerst in ihrer "Matrix", dann mit dem von ihnen produzierten "V wie Vendetta", der tatsächlich so etwas wie die dystopische Vorwegnahme der späten Nullerjahre und ihrer Protestbewegungen war, und zuletzt, gemeinsam mit Tom Tykwer, in "Cloud Atlas", der sich über Raum und Zeit hinweg mit Unterdrückung und Widerstand auf ganz verschiedenen Ebenen auseinandersetzte.

Aber selbst wenn man zugesteht, dass ein Blockbuster wie "Die Unfassbaren", bei dem Dutzende Geldgeber hineinreden, es nicht gerade einfach hat, sich das Prädikat "Occupy Hollywood" zu verdienen: dem amerikanischen Indie-Kino - normalerweise ein ziemlich anarchisches Hollywood-Korrektiv - geht es gerade nicht anders.

Dort generieren sich ebenfalls einige Filme als Reflex oder Parodie auf aktuelle Revolutionsideen und flüchten schließlich ins reine Genre-Kino, weil sie für ihre eigene Prämisse keine Lösung mehr finden.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema