"Hell" im Kino Jede Begegnung kann tödlich ausgehen

Von der apokalyptischen Grundstimmung her erinnert das an Cormac McCarthys "The Road", und auch die Probleme sind ähnliche: Um überhaupt noch irgendwohin zu kommen, müsste man sich mit anderen Gestalten am Wegesrand zusammentun - aber wem soll man trauen? Jede Begegnung kann tödlich ausgehen, wenn man selbst noch etwas hat, was der andere brauchen könnte - und sei es das Fleisch auf den eigenen Rippen. Bei dieser Erkenntnis verschiebt sich dann auch die Angst in eine neue Richtung - die Sonne ist zwar immer noch tödlich, aber die größte Gefahr droht dann doch vom Hunger der eigenen Artgenossen. Die sind aus naheliegenden Gründen eher nachtaktiv, so dass sich die Konfrontation mit dem Licht von nun an auf wenige, aber starke Momente beschränken wird.

Zwei junge Frauen stehen im Zentrum der Films: Marie (Hannah Herzsprung) und Leonie (Lisa Vicari). Schön beiläufig erfahrt man, dass sie Schwestern sind - für langatmige Exposition hat hier niemand die Nerven. Ihre Bindung ist jedenfalls stärker als die zu den Männern: Der erste Begleiter (Lars Eidinger) entpuppt sich recht schnell als Feigling und fällt dann komplett aus, der zweite (Stipe Erceg) ist mutiger, braucht dann aber selbst bald Hilfe. Die kleine Schwester retten, die von einer Bande in den Bergen entführt wurde, ist bald Maries einziges Ziel. Sie ist schon ganz allein, als sie in einer verfallenen Kapelle zusammenbricht - um dann von einer lichtumflorten, gütig lächelnden Angela Winkler gerettet zu werden, die offenbar ihren Glauben und ihre Nächstenliebe noch nicht verloren hat. Kurz fürchtet man, dass der Film hier kippt, und zwar in einen Abgrund aus zähem Kitsch - aber schon Minuten später erkennt man das Gegenteil: Jetzt ist Marie erst wirklich im Zentrum des Schreckens angekommen.

Der Regisseur Fehlbaum und seine Koautoren sind erkennbar vom Genre inspiriert und geprägt - sie wissen, was ein ordentlicher Kannibalenschocker bieten muss, um den Kenner nicht zu enttäuschen. Diese Verpflichtung lösen sie ein - und doch interessiert sich Fehlbaum auch für ganz andere Dinge: für die verborgenen Kräfte in seinen Frauenfiguren etwa, und eben für die gnadenlosen Kräfte des Lichts, die das Finale dann wieder sehr effektvoll überfluten. So sicher wirkt dieser Kinodebütant in allem, was er hier anpackt, dass man auf seine nächsten Schritte nur gespannt sein kann.

HELL, D 2011 - Regie: Tim Fehlbaum. Buch: Fehlbaum, Thomas Wöbke, Oliver Kahl. Kamera: Markus Förderer, Fehlbaum. Mit Hannah Herzsprung, Lars Eidinger, Stipe Erceg, Angela Winkler, Lisa Vicari. Paramount, 89 Minuten.